Von Ulrich Langer
Brandis. Smart City – wieder solch ein englischer Begriff. Smart heißt zu Deutsch schlau – also verbirgt sich hinter Smart City eine schlaue Stadt. Arno Jesse nickt und wird nachdenklich, nennt aber gleich noch weitere Adjektive: pfiffig, gewandt, klug, intelligent. „Ja, genau darum geht es: um intelligente Lösungen auf der Grundlage der Digitalisierung“, meint der Bürgermeister von Brandis, einem kleinen Städtchen östlich von Leipzig. „Es ist herrlich, auf diesem Wege Nützliches auf die Beine zu stellen, Vorhaben voranzubringen, die für die Gemeinschaft relevant sind, und dies dann auch noch gemeinsam mit der Gemeinschaft zu bewerkstelligen.“ Der SPD-Politiker kommt regelrecht ins Schwärmen, wenn er darüber spricht. Kein Wunder, immerhin ist seine Stadt ein ansehnliches Beispiel für eine solche schöpferische Gemeinde. Denn sie ist ein Teil des bundesweiten Modellprojekts Smart Cities, das 2019 startete und vom Bund mit 120 Millionen Euro Fördermittel unterstützt wird. „Damit sind wir eine der 13 Kommunen in Deutschland, die seit der ersten Runde in dieser Liga mitspielen“, sagt der 63-Jährige nicht ohne Stolz in der Stimme. Inzwischen seien bundesweit 73 Gemeinden dabei.
Als „Innovationskommune“ beworben
Für das Brandiser Vorhaben Partheland fließen knapp 4,7 Millionen Euro vom Bund, der Freistaat Sachsen steuert weitere 1,3 Millionen Euro bei. Dass es Brandis in den Kreis der Auserwählten schaffte, kommt offensichtlich nicht von ungefähr. „Wir hatten uns schon 2014 in Sachsen um den Titel „Innovationskommune“ beworben. Und haben bewirkt, die bisherige Schlafstadt am Flüsschen Parthe aufzumuntern, zu erneuern, zu digitalisieren, zu einem Vorbild für den Freistaat zu entwickeln.“ Eine Million Euro Fördermittel sind für diesen „Titel-Zuschlag“ geflossen. So sei eine Mitmach-Stadt entstanden. „Gelungen ist uns dies“, erzählt Jesse, „weil wir Verwaltungsmodernisierung immer auch als Bürgervorhaben verstehen.“ Bei der Umsetzung sind daher immer auch die Einwohner der Stadt unmittelbar eingebunden, wie zum Beispiel in die elektronische Parthe-Cloud als virtueller Treffpunkt der Einwohner oder das Projekt „Smart Sensorik“. „Die Bürger haben eigene Ideen eingebracht, dafür dann unter Anleitung von ehrenamtlichen Experten die nötigen elektronischen Geräte zusammengebaut, angeschlossen und ein ganzes Netzwerk kreiert.“
So können etwa Wetterdaten, Feinstaub- und Lärmbelastung oder Hochwasserstände in Brückennähe erfasst werden. Und in der Cloud – der vereinten Datenwolke im Netzwerk „Lorawan“ – können alle beteiligten Bürger dann die Werte „abgreifen“. „Das schafft eine nützliche Transparenz“, freut sich der gebürtige Niedersachse, der in der Wende-Zeit ins echte Sachsen übersiedelte. „Wenn sich jemand beschwert, dass es in seinem Wohnumfeld zu laut zugeht, können wir prüfen, ob es tatsächlich so ist und es sich nicht um ein überempfindliches Empfinden handelt.“ Etwa 40 Sensoren seien im Partheland verteilt. Das Tolle an der Sache sei, „dass wir die Bürger selbst mit einbezogen haben“. Und sie sind natürlich auch die Nutznießer der modernen Technik. Als 2018 der Aufruf zum Smart-Cities-Modellvorhaben aus Berlin die Runde machte, „haben wir uns beworben, auch mit der Erfahrung als Innovationskommune“, sagt Jesse. „Und wir hatten gehofft, nicht nur damit zu punkten und den Zuschlag zu bekommen, sondern auch mit unserer Idee, außer Brandis noch sechs Nachbargemeinden einzubeziehen. Und es hat geklappt“, freut sich der diplomierte Germanist. Ob die Fördermillionen gut angelegtes Geld sind? Jesse berichtet wie aus der Pistole geschossen über zwei Beispiele, die im Zuge des Projekts angeschoben wurden und jetzt langsam zu funktionieren beginnen. Als Erstes nennt er das für ihn spannendste Vorhaben, das sich gerade im Aufbau befinde – „Partheland mobil“. Neben der Leit-Kommune Brandis sind noch die Orte Borsdorf, Machern, Naunhof, Parthenstein, Belgershain und Großpösna mit von der Partie.
„Es geht hier um Carsharing, also um das Teilen der Fahrzeuge mit anderen, privaten Nutzern“, erklärt der in Oldenburg Aufgewachsene. Große Anbieterfirmen der Teil-Auto-Branche würden sich höchstens in Großstädte verirren. „Deshalb stellen wir das jetzt selbst auf die Beine. Jedes Rathaus hat ein, zwei Autos als „Fuhrpark“.
OpenSource-Lösung, die auch andere nutzen können
Insgesamt kommen an die zehn Fahrzeuge zusammen. Allerdings sind sie eben nicht rund um die Uhr auf Achse. Ich schätze, 80 Prozent der Zeit, also außerhalb der Arbeitsstunden, stehen unsere Pkw vor den Türen der Rathäuser.“ Dieses ungenutzte Potenzial werde nun der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt, abends etwa oder an Wochenenden und Feiertagen. „Das ist nahezu einmalig in Deutschland.“ Um auch Elektrofahrzeuge besser einbeziehen zu können, „befindet sich ein Ladestationssystem im Aufbau. Dazu wurde gerade eine GmbH gegründet, deren Gesellschafter die Kommunen sind“. Allerdings müsse noch getestet werden, wie die Nachfrage nach Carsharing ist. „Aber die Fahrzeuge sind ja ohnehin schon vorhanden, müssen nicht extra angeschafft werden, und zusätzliche Unterhaltskosten dafür fallen ebenfalls nicht an. Das ist ein Vorteil für die GmbH.“ Sie entwickle Schritt für Schritt nun zudem die nötige Software, über die dann Autos bestellt werden können. Auch die Registrierung, Fahrtendokumentation und Abrechnung würden folglich digital erledigt.
Und noch einen Vorteil dieses neuen Computerprogramms zählt Jesse auf: „Es ist eine Open Source – also eine öffentliche Ressource, die andere Städte später nutzen können. Einmal entwickelt, nur einmal Kosten – aber vielfache Anwendung.“ Über ein zweites, immer kräftiger zu leben beginnendes Projekt berichtet der Bürgermeister der Smart-City mit Begeisterung: die Partheland-Bibliothek. „Fünf Büchereien der Region sind hier zusammengeschlossen: die aus Naunhof, Machern, Borsdorf, Großpösna und natürlich Brandis.“ Dafür gibt es eine gemeinsame Bestellsoftware. „So kann ein Schüler beispielsweise in seinem Heimatort mit seinem Chipkarten-Ausweis etwas zum Lesen ausleihen und andernorts, wo er gerade vorbeikommt, wieder abgeben.“ Diese Interaktionsfähigkeit, wie es der Bürgermeister nennt, „finde ich super und sie ist natürlich ausbaufähig“. Das Projekt laufe seit vier Jahren.
Die Resonanz ist entsprechend gut, wie die Chefin der Stadtbibliothek Brandis, Franziska Rolff berichtet. „Unsere Leserinnen und Leser machen immer mehr Gebrauch von unseren gemeinsamen Services‘: Knacken wir seit 2022 unsere eigenen Besucherrekorde bei den Lesungen der gemeinsamen Veranstaltungsreihe ,WeinLese im Partheland’, so bemerken wir seit der Einführung der gemeinsamen Website partheland-bibliotheken.de auch eine verstärkte kommunenübergreifende Nutzung.“ Viele schätzten es, vom unterschiedlichen Angebot der Bibliotheken profitieren zu können und seien gern bereit, dafür in den Nachbarort zu fahren. „Manche finden es ein bisschen unverschämt, einfach Bücher aus anderen Bibliotheken bei uns abzugeben, aber wir ermutigen sie regelrecht – schließlich ist dies genau so gedacht“, und finde daher großen Zuspruch, freut sich Rolff.
Alle Verbundbibliotheken gemeinsam nutzbar
Ihre Kollegin Annett Göbel, die die Borsdorfer Bibliothek leitet, stimmt dem zu: „Der Mehrwert aus unserer gelebten Zusammenarbeit in den Partheland-Bibliotheken besteht darin, dass sich die Benutzer in einer der Bibliotheken anmelden und danach alle fünf Verbundbibliotheken gleichermaßen nutzen können.“ Habe beispielsweise die Bibliothek Borsdorf nicht geöffnet, könne in der Brandiser Filiale Literatur ausgeliehen werden – und „problemlos dann eben auch in Borsdorf zurückgegeben werden. Dies wird von vielen Benutzern gern in Anspruch genommen.“ Nun würden noch Bücherboxen in Angriff genommen. Dort können dann täglich 24 Stunden lang Lektüre zurückgegeben werden. Auch nachts, wenn etwa Pendler unterwegs sind und es nicht zu den Öffnungszeiten der Bibliothek schaffen. Göbel blickt dem positiv entgegen: Die Boxen sollen den Benutzern aber auch ermöglichen, ebenso Vorbestellungen abholen zu können. „Sicherlich wird auch dieser Service gut angenommen werden und neue Benutzer anlocken, die die Bibliothek bisher nicht nutzen konnten“, ist die 40-Jährige überzeugt.
Und bis zum Sommer ist schon das nächste geplant: die Open Library – eine Art Selbstbedienungsbücherei. Während bei den Boxen ja nur bestellte und in der Bibliothek abgeholte Lektüre hinterlegt werden kann, ist dann ein Stöbern und Schmökern möglich. „Der Nutzer gelangt dann mit seiner Chipkarte ins Gebäude, selbst wenn offiziell schon geschlossen ist und die Mitarbeiter längst Feierabend haben. Hat er etwas Passendes gefunden, leiht er es sich selbst aus.“ Noch sei dies alles in der Planung. Dann müsse es ein halbes Jahr ausprobiert werden, ob es funktioniert. „Aber ich bin sehr zuversichtlich, denn die Leute sind flexibel.“
Interessant, was in Brandis und seinen Nachbarkommunen in Sachen Smart City auf die Beine gestellt wurde. Natürlich sei dies mit zusätzlicher Arbeit verbunden. „Aber solche Projekte machen Freude und Spaß. Anders als sonst übliche alltägliche Pflichtaufgaben, die oft mit einem Wust an zu erfüllenden Restriktionen verbunden sind.“ Und die öffentlichen Fördergelder erlaubten, interessantes Neues auszuprobieren. „Für die Menschen vor Ort etwas Gutes zu tun – das verschafft uns ein angenehmes Gefühl.“ Stolz mache das auch, weil Brandis neben dem erzgebirgischen Zwönitz die einzige kleinere sächsische Smart-City-Kommune ist, abgesehen von den Großstädten Dresden, Leipzig, Chemnitz. Damit alles zwischen den sieben beteiligten Partheland-Gemeinden wie am Schnürchen und vor allem koordiniert abläuft, hilft die Parthe-App. Hier können zudem Veranstaltungen eingestellt, gebucht und abgerechnet werden. Selbst kleine Gemeinden können sich andocken, die sich so etwas sonst nicht leisten könnten. „Smart City ist eben doch eine pfiffige Angelegenheit“, sagt Jesse mit einem Schmunzeln auf den Lippen.


