Von Ulrich Langer
Leipzig. Es scheint ihm wohl im Blut zu liegen. Matthias Forßbohm kann nicht anders. Seine beruflichen Ambitionen als Maurermeister sind ihm nicht genug, er muss sich auch noch ehrenamtlich verausgaben. „Lieber machen als meckern“, sagt er kurz und bündig, wenn er darauf angesprochen wird, weshalb er sich neben seiner Arbeit zusätzlich als Präsident der Handwerkskammer zu Leipzig ins Zeug legt. Wer etwas erreichen wolle, müsse sich gesellschaftlich engagieren. „Für die Gemeinschaft etwas zu bewirken – das verschafft einem doch Genugtuung, wenngleich dies oft recht schwer ist“, bringt es der 56-Jährigen auf den Punkt.
Seit fünf Jahren steht er nun der Kammer vor. „Na ja“, beschwichtigt er, „sie wird ja vom Vorstand geleitet, der führt die Geschäfte. Ich bin dabei bloß eine Art Moderator, Mentor.“ So ganz ohne ist diese Funktion allerdings dennoch nicht. Forßbohm hat das recht schnell zu spüren bekommen. „Anfangs dachte ich, vielleicht zwei Tage die Woche für das Amt zu benötigen. Das war ein großer Irrtum. Bisschen mehr ist es schon“, meint er mit einem Augenzwinkern. Am Ende „ist es etwa die Hälfte meiner verfügbaren Zeit, die ich als Präsident auf Achse bin“. Und das, obwohl er als Mit-Chef der Firma Forßbohm und Söhne Bauunternehmen GmbH in Wachau bei Leipzig durchaus nicht über Arbeitsmangel klagen kann. „Klar gleicht die Entwicklung unserer Branche einer Sinuskurve – mal ist mehr zu tun, mal ist Auftragsmangel nervend. Aber irgendwie geht es doch immer weiter.“
Lange Familientradition
Anstrengungen ist Forßbohm gewohnt. Die, die von Erfolg gekrönt sind, „lassen sich natürlich leichter bewältigen“. Das habe er schon als Kind gespürt, bei seinem Vater Jochen (84). „Ich war als Knirps oft mit ihm auf dem Lkw unterwegs und auf Baustellen, jeder kannte den kleinen Forßbohm.“ Das habe ihm gefallen. Und dazu gehörte wie eine Art Selbstverständlichkeit, dass der Vater immer auch ehrenamtlich aktiv war – als Obermeister der Bauinnung Leipzig. Er habe in dieser Funktion die Interessen deren Mitglieder vertreten, womit er eine wichtige Rolle in der Selbstverwaltung des Bauhandwerks gespielt habe. „So gesehen ist das mit dem Handwerkskammer-Präsidenten bei mir irgendwie genetisch bedingt“, sagt Matthias Forßbohm und schmunzelt dabei. Damit setzt er einen Weg fort, der vor fast 150 Jahren begann. „Mein Ururgroßvater Baumeister Bernhard Möbius gründete die Firma 1878.“ Nunmehr führt Matthias gemeinsam mit seinem Bruder Thomas (59) den traditionsreichen Betrieb weiter. Beide sind Leute vom Fach: Thomas ist Diplomingenieur für Bauwesen, Matthias studierte von 1990 bis 1995 in Leipzig Bauingenieurwesen, und machte dann 1996 mit dem Vordiplom in der Tasche seinen Meister und ist zudem seit 2006 staatlich anerkannter Restaurator im Maurerhandwerk. Auf das „Firmenkonto“ gehen beispielsweise Arbeiten einst am Leipziger Hauptbahnhof oder am früheren Topas-Kaufhaus, in dem heute die Commerzbank Leipzig gleich neben der Thomaskirche ihren Sitz hat. „Auch beim Umbau des Zentralstadions zur Red-Bull-Arena waren wir aktiv“, sagt Matthias Forßbohm nicht ohne Stolz. „Bei den heimischen Fußballspielen mitfiebern ist selbstverständlich angesagt, wenn man sozusagen jede Stufe im Stadion mit Namen kennt.“ Auch die Globus-Märkte in Wachau, Jena, Gera, Hoyerswerda und am Hermsdorfer Kreuz tragen die Forßbohmsche Handschrift.
30 Jahre Erfahrung als Maurermeister haben ohne Zweifel den Sinn für die Herausforderungen der Branche gestärkt. Und es sprudelt auch regelrecht aus dem Kammer-Präsidenten heraus, wenn er die drängendsten Probleme nennen soll: Nachwuchssorgen, Auftragsflaute, Bürokratie. Vor allem Letzteres „nervt nicht zuletzt wegen der übermäßigen Nachweispflichten. Eigentlich müssten mit jeder neuen Bestimmung zwei alte abgebaut werden. Aber weit gefehlt.“ Stattdessen kämen immer weitere Vorschriften hinzu, teils von der Europäischen Union vorgegeben. „Aber Deutschland setzt dann meist extra noch eins drauf“, schimpft Forßbohm. Gegen solche und ähnliche Widrigkeiten anzukämpfen, „sehe ich als einen Teil meines Ehrenamts“. Zum Beispiel bringe ihn auch der diskutierte Drei-Tage-Bildungsurlaub für Beschäftigte auf die Palme. „Es ist doch im eigenen Interesse der Firmen, ihre Leute zu qualifizieren. Aber nein, da wird darum gestritten, noch drei zusätzliche Urlaubstage einzuführen. Und wer bezahlt das? Die kleinen Handwerker.“ Das sei zu vergleichen „mit einem Politiker, der eine Saalrunde schmeißt, die Rechnung aber auf einen anderen Deckel schreiben lässt“.
Viel Positives zu spüren bekommen
Um solchen Unwägbarkeiten zu begegnen, hält er seine ehrenamtliche Agilität für unverzichtbar. Als Präsident ist er zugleich Mitglied im Sächsischen Handwerkstag. Im vergangenen Dezember wurde er ins Präsidium des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks in Berlin für drei Jahre gewählt, im Rundfunkrat des Mitteldeutschen Rundfunks ist er zu finden, im Verwaltungsrat der Innungskrankenkasse IKK classic, im Kuratorium Völkerschlachtdenkmal Leipzig und, und, und. Insgesamt in elf ehrenamtlichen Gremien ist er derzeit aktiv, zwischenzeitlich war es gar noch in acht weiteren.
Wie das alles zusammen mit den Anforderungen als Unternehmer unter einen Hut zu bekommen ist? „Ich habe doch von der Maurerzunft einen großen Schlapphut, da passt viel drunter“, meint er scherzhaft. Um das Präsidentenamt habe er sich nicht beworben. „Ich bin vor fünf Jahren gefragt worden, ob ich mir diesen Hut noch aufsetzen würde. Immerhin nahm ich ja als jahrelanger Chef des Berufsbildungsausschusses der Kammer auch an den Vorstandssitzungen der Handwerkskammer teil, war also kein Unbekannter.“ Zuerst habe er seine Frau (Yvonne, 56), dann seinen Bruder angesprochen – „beide haben mir zugeraten. Dann habe ich zugesagt.“
Und in diesen seither vergangenen fünf Jahren habe er viel Positives zu spüren bekommen. „Wenn über meine Arbeit nicht gemeckert wird, ist das schon genug gelobt“, meint er. Präsenz in der Region sei ihm wichtig und immer Flagge zu zeigen. Anerkennung zu erfahren – wenn er um Rat und Hilfe gebeten werde – „das bestätigt mich und bringt mir Zufriedenheit“. Das sei ein gutes Gefühl.
An Hinschmeißen habe er nie gedacht. Trotz mancher Widrigkeiten laufe es gut bei seiner Firma, in der 15 Mitarbeiter und zwei Lehrlinge beschäftigt sind. „Wir sind solide aufgestellt, schreiben schwarze Zahlen.“ Im Laufe der Jahre hat das Unternehmen zudem rund 130 Lehrlinge ausgebildet.
Zur Wiederwahl als Präsident im Sommer antreten? „Ich bin bereit.“ Der Sohn seines Bruders Florian (Jahrgang 1993) ist Diplomingenieur für Bauwesen und ebenfalls im Familienbetrieb mit von der Partie – genauso wie die Söhne von Matthias: Maurermeister Maximilian (Jahrgang 1998) und Hugo (Jahrgang 2002), der sich gerade zum Maurermeister qualifiziert. „Gut, dass alle mitziehen und mir vieles abnehmen. Das verschafft mir die nötige Freizeit für das Ehrenamtliche.“ Die fünf Forßbohms schaukeln es alle gemeinsam.


