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Chef von Karls Erdbeerhof: „Wenn alles glattläuft, schaffen wir einen Hof pro Jahr“

Er will mehr Vergnügungsparks in Deutschland und mehr Liebe zum Detail: Was Robert Dahl antreibt und wie er in Elstal das „Bibi und Tina“-Themenland errichten will.
Lesedauer: 7 Minuten
Robert Dahl bei der Besichtigung eines Bauplatzes an der A14 bei Döbeln.
Robert Dahl bei der Besichtigung eines Bauplatzes an der A14 bei Döbeln. © Dietmar Thomas

Von Heike Jahberg und Esther Kogelboom

Herr Dahl, an Ihren Erdbeerständen gibt es gerade hauptsächlich die Sorte „1711“ und manchmal die Sorte „Magnum“. Für welche würden Sie sich entscheiden?

Wir probieren jedes Jahr etliche neue Sorten. Von allen schmeckt „1711“ am aromatischsten.

Haben Sie eine Art Erdbeer-Labor?

Wir nennen dieses Labor Versuchsgarten. 28 neue Sorten haben wir da dieses Jahr reingepflanzt, natürlich nur in ganz kleinem Style. Das muss man sich fast so vorstellen wie zu Hause im Garten. Von der sehr begehrten „Floris“ haben wir zum Beispiel nur 14 Pflanzen, da müssen wir sehr gut aufpassen, dass die niemand aus Versehen wegnascht. Für die Verkostung entfernen wir die Namen, damit sich niemand von den schönen Namen beeinflussen lässt. Das Urteil ist meist einhellig: Erdbeeren müssen wie früher schmecken.

Bedeutet „wie früher“ nicht für jeden etwas anderes?

Ja und nein. Erdbeeraromen sind wirklich sehr schwer zu beschreiben. Dennoch kann man sich unkompliziert darüber einig werden, welche Sorte am aromatischsten schmeckt. Es sind meist die etwas Weicheren mit mehr Fruchtzucker. Das ist für uns von Vorteil, weil wir wegen der kurzen Distanzen vom Feld zu den Verkaufsstellen nicht drei Tage Shelf-Life garantieren müssen.

Das bedeutet, Ihre Erdbeeren müssen nicht im Supermarkt drei Tage frisch bleiben, sondern sind für den unmittelbaren Verzehr da?

Genau.

Und was machen Sie mit den Früchten, die Sie nicht verkaufen können?

In einer solchen Witterungsperiode mit viel Sonne, wie wir sie gerade erleben, haben wir auch schon mal zu viele. Wenn wir merken, dass der Feldbestand für einen Verkaufstag zu groß ist, entkelchen wir die Erdbeeren schon beim Pflücken, entfernen also da Grün, und bringen sie in ein Kühlhaus am Rostocker Hafen. Aus diesen insgesamt 1.100 Tonnen schöpfen wir das ganze Jahr für unsere Marmeladenproduktion. Die Erdbeeren mit Kelch, die an den Ständen übrigbleiben, kommen in der Mosterei in die Tuchpresse, so entsteht der Nektar.

Ihre Erdbeeren sind teurer als im Supermarkt und nicht Bio. Wie erklären Sie sich, dass die Leute in Zeiten von knappen Kassen trotzdem bei Ihnen kaufen?

Im Mai waren wir zum Teil deutlich günstiger als Supermarkt-Erdbeeren. Unser Preis bildet ja immer ab, was gerade auf dem Feld los ist. Heute gibt es einen 2-Kilo-Korb für 11,90 Euro. Das teilen Sie dann mal durch 500 Gramm, dann sind die bei unter drei Euro.

Wir haben vorhin 500 Gramm für 5,45 Euro bei Ihnen gekauft.

Und 2 Kilo kosten eben 11,90 Euro. Ich bin auch sehr gut informiert, was die Preise angeht. Bei landwirtschaftlichen Direktvermarktern ist es so, je mehr man kauft, desto mehr wird man belohnt. Und wenn man nur 500 Gramm kauft, zahlt man in der Tat einen höheren Preis dafür.

Robert Dahl, geboren 1971 in Warnsdorf, ist Chef von Karls Erdbeerhof. Dahl betreibt fünf Vergnügungsparks, die „Erlebnisdörfer“. Mit seiner Frau Stephanie hat er drei Kinder. Seine Schwester Ulrike Dahl ist die Personalchefin des Unternehmens.© Ronald Bonß

Warum setzen Sie nicht auf biologische Landwirtschaft, sondern nutzen Pflanzenschutzmittel?

Wir haben uns als Betrieb zertifizieren lassen und wirtschaften nach den Richtlinien der integrierten Produktion. Das heißt, wir benutzen so wenig Fungizide wie möglich und so viel wie nötig, damit die Erdbeeren nicht faulen und gegen Schimmelpilze geschützt sind. In so trockenen Jahren wie diesem sind Pilze allgemein keine große Gefahr, aber wenn es doch mal viel regnet und man in der Blütezeit keine Fungizide eingesetzt hätte, nimmt man Schimmelpilze in Kauf.

Uns ist wichtig, dass unsere Produktion sicher ist – auch für den Verbraucher. Wir nutzen zum Teil auch beim Bio-Anbau zugelassene Präparate, setzen Nützlinge ein, vergrößern die Pflanzabstände, damit mehr Belüftung stattfindet … ich glaube nicht, dass das, was ein Bio-Hof produziert, am Ende gesünder ist als unsere Ware.

Erdbeeren machen nur ein Viertel Ihres Umsatzes aus, den Rest erwirtschaften Sie mit Ihren fünf Freizeitparks. Ihr Ziel ist, dass jede Deutsche nur noch 90 Minuten bis zu einem „Erlebnisdorf“ fahren muss. Mit dem Porsche oder dem Trecker?

Mit dem Porschetrecker. Hier vor meiner Haustür in Rövershagen steht so ein Modell, das ist 52 Jahre alt! Scherz beiseite. Ich gehe davon aus, dass man in 90 Minuten ungefähr 120 Kilometer schafft. Autobahn, Landstraße, Rest.

Sie wollen auf 15 „Erlebnisdörfer“ kommen. Bis wann?

Och, da gibt es keinen straffen Masterplan, da ist eher der Weg das Ziel. Wir wollen uns nicht verheben. Spaß ist unser größter Antrieb. Wenn alles glattläuft, schaffen wir ein Dorf pro Jahr, es kann aber auch mal sein, dass zwei Jahre vergehen. Das nächste eröffnet in Sachsen, wahrscheinlich so um den 20.2.2024.

Blick auf den Bauplatz für Karls Erdbeerhof an der A14 bei Döbeln.© Dietmar Thomas

Kennen Sie schon die Ursache des Feuers in Elstal, wo vor einigen Wochen ein Tierstall und ein weiteres Gebäude brannten?

Nein, die Brandursache wird noch ermittelt. Wir hatten großes Glück, dass das Hauptgebäude von der Feuerwehr geschützt werden konnte und der Schaden in dieser schwierigen Situation im Rahmen lag. Brände passieren, das ist nichts Gutes. Dennoch bin ich froh, dass unser Brandschutzkonzept, was wir viel trainiert haben, gut funktioniert hat.

In Ihrer Firmenphilosophie steht, das Augenzwinkern spiele eine große Rolle. Wie meinen Sie das?

Wir mögen trotz unserer edukativen Ansätze nicht so gerne die sein, die unsere Besucher mit erhobenem Zeigefinger belehren. Wir wollen, dass die Leute mit Freude erfahren, wie die Zusammenhänge sind bei der Bestäubung von Erdbeeren durch Hummeln. Wir wollen genug Luft haben, uns selbst nicht so ernst zu nehmen.

Hätte man Ihr Imperium auch mit einer Blaubeere errichten können?

Ich habe mal im Urlaub auf Hawaii gesehen, wie jemand rund um die Ananas ein ähnliches Erlebnis aufgebaut hat, mit Ananas-Eis, Ananas-Klamotten, Ananas-Kuscheltier und Fahrt durch die Ananas-Plantagen. Vielleicht geht es mit allem, wenn man die Fantasie anstrengt.

Sie haben mal in einem Podcast gesagt, dass Sie in Deutschland „Retailtainment“ vermissen, also dass Geschäftsleute auch mal auf Entertainment und Erlebnisse setzt, um zu verkaufen. Was würden Sie einem Einzelhändler in der Fußgängerzone einer mittelgroßen deutschen Stadt raten, damit er überleben kann?

Das Veröden und Sterben von Innenstädten beschäftigt mich stark. Wenn ich mich hier in Rostock einmal umdrehe, sehe ich dieselben Ketten wie in Bielefeld. Unsere Bedarfsdeckung findet fast ausschließlich online statt; ich kann mir den Füller in meiner Lieblingsfarbe per App vor der roten Ampel kaufen – der Kaufhof hier hat seine Schreibwarenabteilung längst geschlossen.

Deshalb würde ich dem Einzelhändler raten, seinen einzigen Vorteil gegenüber dem Internet zu nutzen: Man muss die Sachen anprobieren, anfassen, riechen können und darum ein Erlebnis bauen.

In ihren „Erlebnisdörfern“ gibt es viele Manufakturen, wo man zum Beispiel beobachten kann, wie Bonbons hergestellt werden. Sehnen sich die Menschen nach der guten alten Zeit?

Nein. Wir nutzen alle gerne die tollen Möglichkeiten der Digitalisierung. Wir sitzen hier in einem Videochat und sparen so viel Zeit, die wir dann für Schönes nutzen können.

Sie machen sicher keinen großen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit?

Das ist richtig. Ich lieb‘ das ziemlich stark, was ich tue, und bin gar nicht sicher, ob dieses Konzept, so hart zu trennen, wirklich richtig ist. Vielleicht kann man auch eine große Zufriedenheit daraus schöpfen, wenn man das ineinanderfließen lässt. Das heißt aber auch, dass man sich an einem Dienstagmorgen um 11 Uhr 20 Minuten Zeit zum Meditieren nehmen kann.

Sie meditieren viel, ja?

Ja, ich meditiere viel. Meine Frau ist Yoga-Lehrerin, das hat auf mich abgefärbt, das ist für mich gut und wahrscheinlich wäre es für alle gut.

Herr Dahl, wie lange möchten Sie sich noch an den Grundsatz halten, keinen Eintritt zu nehmen?

Der ist für mich unumstößlich. Ich genieß’ das immer sehr, wenn auch Kita-Gruppen kommen oder Familien aus sozial schwachen Verhältnissen, ohne sich eingeschränkt zu fühlen. Wenn man in normale Freizeitparks geht und am Gate über 50 Euro pro Person loswird, ist das für eine vier- oder fünfköpfige Familie brutal. Selbst einmal im Jahr dort hinzugehen, ist schon enorm.

Woran verdienen Sie denn dann, Sie machen das ja nicht aus Altruismus?

Nein, das ist richtig. Wir haben den Plan, Geld zu machen – weil wir ja auch große Pläne haben. Es ist kein Geheimnis, dass es auch viele Fahrgeschäfte gibt, die Eintritt kosten. Eine Tageskarte kostet inzwischen, wenn man alles nutzen will, online 15 Euro. Es gibt aber auch ein Abo für alle Standorte, was jetzt sehr stark gekauft wird, das kostet 3 Euro im Monat.

Was soll eines Tages von Ihnen bleiben?

Ein liebevoll geführtes Unternehmen, das weiterwächst, ohne seine Seele zu verlieren. Bei dem in jedes kleinste Detail viel Herzblut fließt.

Robert Dahl begutachtet seine Erdbeeren.© Ronald Bonß

Gehören zu dieser Community auch die Pflückerinnen und Pflücker, die zur Saisonarbeit kommen?

Wir versuchen, denen eine Zeit zu bescheren, die so gut ist, wie es eben geht. Wie ist man untergebracht? Wie ist die Stimmung in den Gruppen? Wie sehr wird sich gekümmert, wenn es jemandem nicht gut geht? Es gibt seit zwei Jahren eine App für alle Erntehelfer, da sind zum Beispiel Kontostand und Arbeitsvertrag einsehbar. Und es gibt einen Button „Nachricht an Robert“. Wenn jemandem etwas missfällt, kann er mich auf direktem Weg kontaktieren. Wir versuchen, jedem Menschen, der hier arbeitet, auf Augenhöhe zu begegnen.

Welche Nachrichten erreichen Sie da?

Der Boiler ist ausgefallen, das Duschwasser ist nach einem Tag auf dem Feld kalt. Dann wird sich gekümmert.

Bis vor einigen Jahren haben Agenturen Arbeiter und Arbeiterinnen aus der Ukraine oder Rumänien vermittelt. Jetzt akquirieren Sie sie direkt über eine Website. Warum?

Recruiter haben mich für verrückt erklärt. Aber für mich war es schwer zu verdauen, dass diese Agenturen von den Leuten bis zu 300 Euro Vermittlungsgebühr nehmen.

Was ist, wenn ein Pflücker erkrankt?

Der Lohn wird eine gewisse Zeit weitergezahlt. Alle sind privat krankenversichert. Es gibt eine Krankenstation im Hostel, von dort werde sie zu den Ärzten in der Region gefahren.

Bald müssen Sie noch viel mehr Arbeiter und Arbeiterinnen anwerben: Sie planen neben Ihrer Filiale in Elstal einen weiteren Vergnügungspark, der „Bibi & Tina“ gewidmet ist – mit 4.000 Betten und riesigem Aquapark. Kann das funktionieren, zwei Ausflugsziele nebeneinander?

Ja. Das ist das Prinzip „Second Gate“, man kann international sehen, wie erfolgreich das ist. Nächstes Jahr wollen wir anfangen zu bauen.

Die Döberitzer Heide, 5.000 Hektar Naturschutzgebiet, ist direkt nebenan. Wie wollen Sie verhindern, dass Licht, Krach und Bebauung die Tiere nerven?

Wir möchten niemandem auf die Nerven gehen, weder Mensch noch Tier, das würde mir sehr widerstreben. Wir wollen in Elstal den Beweis antreten, dass Ökonomie und Ökologie kein Widerspruch sein müssen, sind dazu in Gesprächen mit der Sielmann-Stiftung und der Gemeinde Wustermark. Je weiter wir uns der Döberitzer Heide nähern, desto spärlicher die Bebauung. Wir errichten Stege statt Wege und verzichten auf angelegte Gärten, so dass die Flora wachsen kann.

Ihre Kinder sind alle schon groß. Wird es auch ein Angebot für Teenager geben?

Die Altersgruppe 13 bis 18 ist eher nicht so unser Steckenpferd. Bei uns wird es keine Thrill-Rides geben, keinen Freefall-Tower aus 100 Metern. Die Spitze haben wir mit der Achterbahn in Elstal erreicht.

Trotzdem haben Sie aktuell die Stelle eines Erschreckers für Halloween ausgeschrieben. Eine Voraussetzung: „Erkenne, wenn jemand nicht erschreckt werden will.“

Wir haben auch bei Thema Halloween viel dazu gelernt. Als wir das erste Mal Halloween gemacht haben, waren wir inspiriert durch alle möglichen Klischees, auch mit Blut und Horror. Stopp, so sind wir nicht! So ist die Angsthasen-Scheune entstanden, wo alles süß ist. Wir wollen mit Blut und Gedärm nichts zu tun haben.

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