Von Nora Miethke
Oft ist die Rede davon, dass Europa und Deutschland hinterherhinken bei modernsten Technologien und Künstlicher Intelligenz. Auf Zukunftsfeldern wie Silicon Photonics und Quantencomputing ist Europa auf Augenhöhe mit den USA und Asien. Hier kann sich Sachsen als Zukunftsstandort profilieren. Das findet zumindest Oliver Markl, Halbleiterexperte von Pava Partners in Leipzig. Die Beratungsgesellschaft berät technologiegetriebene, stark wachsende Unternehmen bei Finanzierungen und M&A-Transaktionen. Im Interview erklärt Oliver Markl, warum gerade die Region Silicon Saxony so erfolgreich darin ist, neue Technologien wie Silicon Photonics und Quantencomputing zu adaptieren.
Herr Markl, Quantencomputing ist in aller Munde. Wo steht Deutschland bei dieser Zukunftstechnologie?
Mit Blick auf den Halbleitermarkt im Allgemeinen kann man sagen, dass in der Leading Edge Halbleiterproduktion der Zug für Europa abgefahren ist. Die Fabs für 2-Nanometer- Chips gibt es eigentlich nur in Taiwan und Südkorea, und die 17 Milliarden-Euro-Investition von Intel in Magdeburg ist ja bekanntlich abgesagt. Aber das heißt nicht, dass Europa die Industrie aufgeben sollte. Im Gegenteil, das ist ein 600-Milliarden- Euro-Markt, der in den kommenden Jahren auf über eine Billion wachsen wird. Bei Leistungshalbleitern für die Automobilindustrie ist Europa auch in Zukunft wettbewerbsfähig. Aber es gibt neue Segmente wie Quantencomputing und Siliziumphotonik. Da ist Europa mit den USA und China auf einem Level, würde ich sagen. Hier hat Europa zumindest die Chance, ein globaler Wettbewerber zu werden und zu bleiben. Das sind Industrien mit einem massiven Wachstumspotenzial in den nächsten Jahren.
Wie werden normale Nutzer diese Technologien im Alltag erleben?
Bei Siliziumphotonik geht es in erster Linie um den Energieverbrauch. Seit dem Zweiten Weltkrieg basiert die Datenübertragung in Chips hauptsächlich auf Elektronik. Photonik ist in bestimmten Bereichen oder zu bestimmten Zeitpunkten der Elektronik massiv überlegen, weil Photonen keine Masse haben, sondern reine Energie sind. Bei photonischen Chips braucht es keine elektrischen Signale, was zu einem 10- bis 100-mal niedrigeren Energieverbrauch führen kann. Gerade bei der sich entwickelnden KI ist das wichtig, weil sie sehr viel Energie verbraucht.
Wozu dient Quantencomputing?
In der Praxis wird es dort eingesetzt werden, wo Algorithmen mit exponentieller Komplexität angewandt werden. Beispiele sind komplexe Logistikketten oder die Entwicklung von Molekülen für die Pharmaindustrie oder Biotechnologie. Aber auch Wettervorhersagen können dank Quanten zuverlässiger werden.
Warum könnte sich Sachsen hier als Zukunftsstandort profilieren?
Weil es um Dresden herum ein einzigartiges Ökosystem gibt. Unis und Forschungsinstitute betreiben Grundlagenforschung, in den Fabs wird produziert und dann gibt es einfach sehr spannende Start-ups in der Region. Zusätzlich braucht es noch Maschinenbauer und vor allem Kapital, um diese Geschäftsmodelle weiter voranzubringen. Die Kombination von europäischer Förderung und privatem Kapital erlaubt die Entwicklung eines global führenden Industriesegments.
Können Sie Beispiele für die spannenden Start-ups nennen?
SaxonQ in Leipzig oder die Ferroelectric Memory Company (FMC) in Dresden. Letztere hat eine patentierte Speichertechnologie entwickelt, die extrem energiesparend ist. Die Speicherinformation bleibt im Speicher, wenn man den Strom abschaltet, was viel Energie spart. Das Unternehmen ist einer der Hoffnungsträger, dass vielleicht doch die Speicherindustrie nach Europa zurückkommen kann. Deshalb ist es wichtig, dass ein solches Geschäftsfeld in der Region oder zumindest in Europa bleibt und hier die Möglichkeit findet, Produktionskapazitäten aufzubauen. Da hilft natürlich, dass FMC eine 100 Millionen Euro Kapitalrunde angeschlossen hat.
Welche Rahmenbedingungen sind notwendig, um beide Start-ups zum Fliegen zu bringen?
Wir haben viele Unternehmen, die sich schwertun, 10, 20 oder 30 Millionen Euro Risikokapital aufzutreiben, wohingegen US-Unternehmen mit vergleichbarer oder schwächerer Technologie ihre 100 oder 200 Millionen quasi im Handumdrehen bekommen. Das liegt daran, dass wir in Europa eine relativ schwache VCLandschaft haben, insbesondere im Deeptech-Segment. Das dreht sich langsam. Es gibt immer mehr Fonds, die Kapazitäten aufstocken, um dort investieren zu können. Aber diese Mittelstufe von 10 bis 100-Millionen Euro-Kapital ist wirklich schwierig.
Wie lässt sie sich überwinden?
Es muss mehr Geld in Risikokapital fließen, z.B. von Pensionsfonds. In den USA kommen 40 Prozent der VCGelder von Pensionsfonds, in Europa 0,3 Prozent. Auch Stiftungen wie etwa die Schwarz-Gruppe in Heilbronn können helfen. Sie investiert dreistellige Millionenbeträge in europäische KI-Lösungen. Aber es ist auch eine Frage des Risikoappetits. Auch in den USA gibt es nicht viele Anreize durch die Regierung für Venture Capital oder Early Stage-Finanzierungen. Es ist eine Mentalitätssache, dass Unternehmer dies gern tun und das Kapital einfach da ist. In Europa haben wir unsere Family Offices, die sehen sich das vielleicht gern an, kaufen am Ende des Tages aber dann doch eine Immobilie.
Lässt sich der Mindset ändern?
Der Staat kann nicht immer die Lösung sein. Die große Hürde ist es, privates Kapital nicht durch staatliches Kapital zu ersetzen. In Sachsen wird es nicht genügen, nur nach regionalen Investoren zu suchen. Wir sind immer global unterwegs. Im Deeptech-Segment muss man mit VCs, Corporates, Stiftungen und Staatsfonds nicht nur in Europa, sondern auch in den USA, in Asien und immer mehr auch im Mittleren Osten sprechen, um Kapital zu bekommen. Ein Beispiel: Vor einem Jahr gab es eine große Ankündigung in Frankreich, dass die Kataris zehn Milliarden in das Tech-Ökosystem in Frankreich investieren. Die Politik kann also helfen, so wie es Emmanuel Macron gemacht hat.
Wo sehen Sie in Europa größere Investoren, die stärker investieren?
Ein Beispiel ist Ardian, eine Private- Equity-Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Paris. Sie hat vor einem Jahr einen Halbleiterfonds mit knapp einer Milliarde Euro Volumen gestartet. Gemanagt wird er von ehemaligen Top Managern europäischer Halbleiterunternehmen, und Ardian bringt seine Private Equity Expertise ein – das ist schon etwas Großes.
Was kann das Ökosystem leisten?
Die Kräfte bündeln. Es gibt im Quantencomputing-Bereich viele Start-ups, die vernünftig Kapital gesammelt haben, für die es jetzt aber schwierig wird, weiter zu wachsen. Hier wäre eine Konsolidierung wünschenswert, in dem Sinne, dass die Start-ups, die mehr Kapital bekommen, Firmen übernehmen, die nicht mehr leicht an Kapital kommen, aber spannende Technologien und Produkte entwickelt haben.
Microsoft investiert jetzt in Quantencomputing. SaxonQ muss nach eigenen Aussagen seine Technologie noch stärker entwickeln. Fährt uns da nicht wieder der Zug weg?
Bei Quantencomputern gibt es momentan etwa 6 bis 7 „Pferde“ im Rennen. Sie unterscheiden sich durch die Konstruktionsweise der Qubits. Der größte Vorteil der SaxonQ- Lösung ist: Ihr Computer braucht kein Kühlungssystem, während die meisten anderen auf minus 270 Grad gekühlt werden müssen. Dadurch wird der Einsatz viel flexibler, etwa in der Industrie, bei Banken und in anderen Bereichen. Wer letztendlich das Rennen macht, ist derzeit noch offen.


