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Löwen-Taxi Leipzig stellt Betrieb ein: Aus für Deutschlands älteste Taxi-Vereinigung

Die traditionsreiche Leipziger Genossenschaft Löwen-Taxi stellt ihren Betrieb ein. Warum die Geschichte jetzt endet, was mit dem Vermögen und historischen Raritäten passiert und wie es für die verbliebenen Unternehmer weitergeht.

Lesedauer: 5 Minuten

Erinnerungen an gute, aber längst vergangene Zeiten: Uwe Franz muss die Taxi-Genossenschaft in ihrem 150. Jahr abwickeln. Quelle: Kempner

Klaus Staeubert

Leipzig. Es ist ruhig geworden um Löwen-Taxi. In der Zentrale in der Jahnallee, wo einst die Telefone nicht stillstanden, Scharen von Telefonistinnen rund um die Uhr Bestellungen entgegennahmen, erinnern heute noch drei alte Rufsäulen und eine Schauvitrine mit historischen Taxametern an ein glorreiches Kapitel Leipziger Taxi-Geschichte. Stille Zeugen einer Ära, die gerade zu Ende geht.

Vorläufer war der 1876 gegründete Droschkenverein

Seit Jahresbeginn befindet sich die Genossenschaft Löwen-Taxi in Liquidation. Und mit ihr wird auch ein Stück Stadtgeschichte abgewickelt.

Dass er einmal derjenige sein wird, „der den Laden hier zuschließt”, das hätte sich Uwe Franz nicht vorstellen können. „Das tut schon weh“, sagt der 67-jährige. Mit seinem Kollegen Rolf Kaaden war er bis zuletzt Vorstand der Genossenschaft, jetzt sind sie deren Liquidatoren. Mit 150 Jahren ist die Vereinigung das älteste Taxi-Unternehmen in Deutschland, hervorgegangen aus dem 1876 gegründeten Leipziger Droschkenverein.

Personenbeförderung im Wandel der Zeiten: Der Vorläufer der Taxigenossenschaft entstand vor 150 Jahren.
Personenbeförderung im Wandel der Zeiten: Der Vorläufer der Taxigenossenschaft entstand vor 150 Jahren.
Quelle: Kempner

Genossenschaft leidet unter demografischem Wandel

Das Ende hatte sich allerdings schon lange angedeutet. „Wir sind völlig überaltert“, erzählt Franz. „Wir haben noch Mitglieder, die sind schon 1940, 1950 hier gefahren.“ Nachfolger zu finden, ist im Laufe der Jahre immer schwieriger geworden. Kaum jemand wolle heute noch ein Taxi-Geschäft kaufen, sagt er. Dabei war das einmal Teil der Betriebsplanung, das Geschäft ursprünglich die Altersvorsorge eines Taxi-Unternehmers. Die Corona-Pandemie hat die Entwicklung noch verstärkt.

Wenn keiner mehr da ist, haben wir nichts zu vermitteln. Und das passierte uns immer mehr in letzter Zeit. – Uwe Franz, Ex-Vorstand und Liquidator der Genossenschaft Löwen-Taxi

Mit Großkunden wie der Deutschen Bahn, BMW oder Porsche hatte man zwar gute Verträge. „Die mussten gefahren werden.” Der kleine Kunde, der nur mal schnell zum Bahnhof oder zum Einkaufen wollte, ging dann im Zweifel leer aus. „Wenn keiner mehr da ist, haben wir nichts zu vermitteln. Und das passierte uns immer mehr in letzter Zeit”, so Franz. „Weil wir immer weniger wurden.“

Uwe Franz in der Geschäftsstelle von Löwen-Taxi. Bis Jahresende müssen die Büros ausgeräumt werden.
Uwe Franz in der Geschäftsstelle von Löwen-Taxi. Bis Jahresende müssen die Büros ausgeräumt werden.
Quelle: Kempner

Zu DDR-Zeiten große Zentrale und eigene Tankstellen

Mit etwas Wehmut erinnert sich Petra Naundorf an alte Zeiten. Mit 74 Jahren ist sie zwar längst in Rente, hilft aber heute mit, das letzte Kapitel der Genossenschaft ordentlich zu Ende zu bringen. 1983 fing die Buchhalterin bei der Genossenschaft an. „Die schönsten Zeiten hatten wir in der DDR“, erzählt sie. „Wir waren 40 bis 60 Leute in der Verwaltung. Allein in der Zentrale haben in drei Schichten schon 18 Mädels gearbeitet.“ Die Genossenschaft, der eine Vereinigung mit dem Volkseigenen Betrieb (VEB) erspart und die dadurch immer ein Privatunternehmen geblieben war, hatte zwei eigene Tankstellen, eine in der Lessingstraße, die andere in der Wurzener Straße. „Wir hatten damals schon 240 private Taxi-Unternehmer. Aber die durften alle nur ein Taxi haben“, erinnert sich Naundorf. „Außer zur Messe. Da durfte das Reservefahrzeug eingesetzt werden.“

Taxi-Boom nach der Wiedervereinigung

Gefahren wurden vor allem Wartburg, aber auch Lada und Wolga. „VEB-Taxi kriegten natürlich immer neue Autos“, berichtet Naundorf. „Wir bekamen zweimal eine Lieferung mit Wolgas, zwei mal zehn Stück.“ Dennoch hatte die Genossenschaft in hohen Kreisen einen guten Ruf. „Der Polizeipräsident, der Oberbürgermeister und dessen Kinder sind nicht mit dem VEB-Taxi gefahren. Die sind immer mit der Genossenschaft gefahren.“

Der Polizeipräsident, der Oberbürgermeister und dessen Kinder sind nicht mit dem VEB-Taxi gefahren. Die sind immer mit der Genossenschaft gefahren. – Petra Naundorf, langjährige Buchhalterin

Dann kam die Wiedervereinigung. Anfang der 1990er-Jahre fuhren auf einen Schlag 900 Taxen für die Genossenschaft. Die Stadt hatte massenhaft Gewerbescheine ausgegeben. „Es kam ja die große Arbeitslosigkeit“, erläutert Naundorf. „Und viele haben gedacht: An ein Taxi ranzukommen war zu DDR-Zeiten schwierig, das ist sicher lukrativ.“ Also wurden etliche Seiteneinsteiger, vom Ungelernten bis zum Akademiker, Taxi-Fahrer. Arbeitslose versuchten, sich damit eine neue Existenz aufbauen.

Übernahme durch Funktaxenzentrale 4884

Die Zeiten sind lange vorbei. Heute fahren noch 25 Unternehmer, meist Ein-Mann-Betriebe, für die Genossenschaft. Mit deren Umlagen kann sie sich die Vermittlungszentrale schon lange nicht mehr leisten.

Die Vermittlung der verbliebenen „Löwen“ läuft mittlerweile durch die Funktaxenzentrale 4884. Sie wird bis April auch die Taxi-Unternehmer übernehmen.

Vermögensverteilung im Herbst geplant

Uwe Franz und seine Handvoll Mitstreiter werden nun bis Ende 2026 die Genossenschaft abwickeln, das Büro in der Jahnallee ausräumen und die Vermögensverteilung auf die noch verbliebenen rund 100 Mitglieder vorbereiten. Darüber muss dann im Herbst die Generalversammlung entscheiden. Und dann ist Schluss. Immerhin verfügte die Genossenschaft über Immobilienbesitz. Das Haus in der Jahnallee, in dem sich die Zentrale befand, und das benachbarte Grundstück an der Lessingsstraße wurden bereits verkauft.

Eines von mehreren Taxametern aus über 100 Jahren, die die Genossenschaft gesammelt hat.
Eines von mehreren Taxametern aus über 100 Jahren, die die Genossenschaft gesammelt hat.
Quelle: Kempner

Bliebe noch eines: die historischen Taxameter in der Schauvitrine, die zum Teil mehr als 100 Jahre alt sind, und die Genossenschaftsfahne, die die Frauen der Vorfahren bestickt hatten. Uwe Franz würde diese Stücke gern dem Genossenschaftsmuseum in Delitzsch vermachen. „Es wäre doch einfach zu schade“, sagt er, „wenn das bei jemandem im Keller verstaubt.“

Leipziger Taxi-Historie: Von der Pferdedroschke zur Limousine

1703 zählte Leipzig etwas mehr als 15.000 Einwohner. Zur Personenbeförderung dienten 24 Sänftenträger.

1841 Die Einwohnerzahl war auf fast 52.000 gestiegen. Der Rat genehmigte zehn Halteplätze mit 34 Wagen für offizielle Pferdekutschen. Fünf Jahre später war die Zahl der Fiaker auf 76 (plus 10 Reservewagen) angestiegen.

1874 waren bereits 485 Droschken im Einsatz.

Anfang des 18. Jahrhunderts ließen sich Gutbetuchte in Leipzig noch mit der Sänfte tragen. Bis zur ersten motorisierten Droschke vergingen noch gut 100 Jahre.
Anfang des 18. Jahrhunderts ließen sich Gutbetuchte in Leipzig noch mit der Sänfte tragen. Bis zur ersten motorisierten Droschke vergingen noch gut 100 Jahre.
Quelle: Kempner

1876 Im September wurde der Droschkenverein zu Leipzig gegründet, der sich der Kutscher annahm und ihre Arbeit koordinierte. Er wurde zehn Jahre später in Droschkenbesitzer-Verein umbenannt und ist der Vorgänger der heutigen Genossenschaft Löwen-Taxi.

Ein Taxometer von Typ Kienzle ARGO T4, Baujahr 1920. Die ersten Taxameter wurden 1894 in Leipzig eingeführt.
Ein Taxometer von Typ Kienzle ARGO T4, Baujahr 1920. Die ersten Taxameter wurden 1894 in Leipzig eingeführt.
Quelle: Kempner

1894 Das Taxameter wurde eingeführt. Fortan gab es Droschken erster Klasse (mit Taxameter) und zweiter Klasse (ohne Taxameter).

1899 konnte man eine Droschke per Fernsprecher bestellen, 1911 wurde ein eigener Pavillon dafür eingerichtet.

Ab 1906 waren die ersten Kraftdroschken in Leipzig im Einsatz.
Ab 1906 waren die ersten Kraftdroschken in Leipzig im Einsatz.
Quelle: Kempner

1906 Am 20. März 1906 fuhr die erste Kraftdroschke durch Leipzig. Die motorisierten Kutschen waren kirschrot, die Dienstbekleidung bestand aus einem schwarzen Lederjackett mit blaugelber Borte und Kragen und einer schwarzen Ledermütze mit Streifen in den Stadtfarben.

1909 Im Betrieb sind in Leipzig schon 104 Kraftdroschken.

1911 Die erst eingeführten zehn elektrischen Droschken wurden bald wieder abgeschafft, auch die 1912 zugelassenen drei Dreiradkraftdroschken, sogenannte Phänomobile.

1914 Während des Ersten Weltkrieges und der Inflation kam der Betrieb fast zum Erliegen.

1945 Ende des Zweiten Weltkrieges waren vom Droschkenbesitzer-Verein nur noch 17 Fahrzeuge übrig geblieben, die in Leipzig verkehrten. Im Frühjahr 1946 waren es bereits wieder 100, und drei Jahre später war ihre Zahl sogar schon auf 230 angewachsen.

1949 Im Februar 1949 wurde die Taxigenossenschaft Leipzig gegründet. Sie fusionierte 1970 mit dem Droschkenbesitzer-Verein.

1989 Zur Genossenschaft gehörten 242 Mitgliedsbetriebe und über 350 Fahrzeuge zur Genossenschaft.

1993 Die Taxigenossenschaft benennt sich in Löwen-Taxi um.

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