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Die Bahn hat in Sachsen fast alle ihre Bahnhöfe verkauft

In keinem anderen Bundesland wurden mehr Empfangsgebäude an Bahnhöfen abgestoßen als in Sachsen, doch viele vergammeln. Das soll sich ändern – auch durch Einsicht des Konzerns.
Lesedauer: 2 Minuten
Man sieht den Bahnhof von Lohmen.
Wie am Bahnhof Lohmen in der Sächsischen Schweiz sieht es auch noch Jahre nach dem Verkauf des Empfangsgebäudes durch die Deutsche Bahn vielerorts in Sachsen aus. © Jürgen Lösel

Von Michael Rothe

Dresden. Der Deutschen Bahn (DB) gehören in Sachsen nur noch 21 von einst 417 Bahnhofsgebäuden, zwölf davon im Großraum Dresden. Laut einer Auswertung der Allianz pro Schiene hat der Konzern seit 1999 im Freistaat 95 Prozent seines Gesamtbestandes verkauft – so viele Stationen wie in keinem anderen Bundesland.

Die Konzerntochter DB Station&Service AG besitzt in Deutschland noch 676 von 3.507 solcher Immobilien. Grund für die Verkäufe war die seit der Bahnreform 1994 geltende Auflage, dass sich die Häuser aus Mieteinnahmen selbst finanzieren müssen. Der Bahneigentümer Bund übernimmt nur noch die Finanzierung, wenn Bahnsteige gebaut oder erneuert werden. Für die Gebäude fühlt er sich nicht zuständig. Die DB stand damit unter Druck, Empfangsgebäude, die sich nicht rechnen, abzustoßen.

Zu den verbliebenen Adressen gehören in Ostsachsen neben Dresdens Hauptbahnhof sowie den dortigen Stationen Neustadt und Mitte auch Görlitz, Meißen, Riesa, Pirna, Zittau, Königstein, Köttewitz, Oberschlottwitz und Bärenhecke-Johnsbach. Im besten Fall leben verkaufte und sanierte Häuser auf: als Mobilitätszentrum mit Gastronomie und Büros wie in Großenhain, als Bäckerei mit Café wie in Geising, als Oldtimer-Museum wie in Sebnitz oder als Sitz der Stadtverwaltung wie in Freital-Potschappel. Doch oft sind sie Verfall und Vandalismus preisgegeben.

© SZ

Daher heißt die Allianz pro Schiene die Entwicklung nicht gut. „Die neuen Bundesländer sind besonders von der mittlerweile gestoppten Verkaufswelle betroffen“, sagt Geschäftsführer Dirk Flege zu Sächsische.de.

Mit Bevölkerungsrückgang sei das nicht zu erklären. Vielmehr habe der Bund Bahnhofsgebäude viel zu lange nur betriebswirtschaftlich betrachtet. „Mobilitätsbedürfnisse der Menschen und soziale Aspekte sind häufig hinten runter gefallen“, kritisiert der Chef der gemeinnützigen Interessenorganisation von gut 200 Unternehmen und Verbänden. „Es ist an der Zeit, dass der Bund sich finanziell für die Bahnhofsgebäude verantwortlich fühlt“, fordert Flege, „denn Empfangsgebäude sind für Reisende eine außerordentlich wichtige Anlaufstelle“.

Zu der Einsicht kam auch die Bahn. Sie halte seit 2022 an den Häusern fest, um ihre Nutzung mitzugestalten und die Bahnhöfe ganzheitlich zu entwickeln, heißt es auf Anfrage. „Bahnhöfe sind Visitenkarten der Städte und Kommunen und für die Reisenden das Eingangstor zum System Bahn“, so ein Sprecher. Die DB habe weiter Betreiberverantwortung und mittelbar Einfluss auf die Immobilien, etwa zur Sicherstellung des Verkehrs durch die Käufer. Bei „optischen Aspekten und nicht sicherheitsrelevanten Mängeln“ habe sie aber keine rechtliche Handhabe.

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