Andreas Kirschke und Sascha Klein
Hoyerswerda/Kamenz. Diese Sagenfigur gehört inzwischen zur Lausitz wie Leinöl und sorbische Ostereier: Krabat. Es gibt kaum einen Botschafter, der mehr positive Eigenschaften in sich vereint. Noch vor 25 Jahren war Krabat eher Wunsch als Wirklichkeit. Die Region hatte die Anziehungskraft dieser Figur, die es tatsächlich gegeben hat, noch nicht erkannt. Zwei Bücher erzählen von diesem Magier in der Lausitz: Otfried Preußlers „Krabat“ und „Die Schwarze Mühle“ von Jurij Brězan. Sie sind bekannt – und doch erkennt in der Region kaum jemand die Chance, sie für die Lausitzer Heimat zu nutzen.
Doch Ulrich Schorcht (1947 bis 2022) hat Anfang der 2000er-Jahre eine Idee. Er ist damals Vorsitzender des Heimat- und Kulturvereins Nebelschütz. Schocht hat einen revolutionären Gedanken: „Wenn wir die Region stärken wollen, wenn wir bekannter werden wollen – dann sollten wir uns an Krabat, den guten sorbischen Zauberer, erinnern“, regt er an.
Eine Idee wird zum Lebenswerk
Eine Idee ist geboren. Jetzt geht es darum, Mitstreiter zu finden. Der damalige Nebelschützer Bürgermeister Thomas Zschornak ist mit im Boot. Ihr gemeinsames Ziel: Schwarzkollm. Dort hat die langjährige Bürgermeisterin und Ortsvorsteherin Gertrud Winzer eine Vision: Aus dem Nichts soll im Koselbruch eine Anlage entstehen, die Krabat zum Thema hat. Heute, 25 Jahre später, lockt die Krabat-Mühle in Schwarzkollm jährlich zehntausende Besucher an. Dort ist der Krabat-Mythos omnipräsent.
In Schwarzkollm ist er einst neu entstanden, in Schwarzkollm hat sich auch der Krabat-Verein vor 25 Jahren formiert. Am 19. März 2001 gründen 17 Einzelpersonen, der Schwarzkollmer Verein Brauchtumsgruppe Krabat und der Kulturbetrieb Lessingstadt Kamenz den Krabat e.V.
Der Grundgedanke war klar: Wir legen Projekte auf viele Schultern. Der Krabatverein koordiniert, ermutigt, inspiriert, spornt an. – Reiner Deutschmann, Vorsitzender des Krabat-Vereins von 2005 bis 2024
„Uns verband Euphorie und Aufbruchstimmung“, erinnert sich Thomas Zschornak, der dem Verein von 2001 bis 2005 vorstand. Der Verein hat den Namen „Krabat“ Anfang der 2000er-Jahre aus dem Buch in den Alltag gebracht. Damals entstand die Idee für den Krabat-Radwanderweg. Dieser sollte die Gemeinden im sorbischen Siedlungsgebiet verbinden. Benno Domaschke, damals Mitarbeiter im Krabat-Büro, entwarf die Route. Malerin Kerstin Roscher aus Bautzen gestaltete je Station eine Tafel.
Plötzlich gibt es immer mehr Ideen, wie man den Namen „Krabat“ für die touristische Entwicklung der Region zwischen Hoyerswerda, Kamenz und Bautzen nutzen kann. Neben der Krabat-Mühle in Schwarzkollm entsteht Krabats Neues Vorwerk in Groß Särchen und damit so etwas wie der Ursprungsort. Denn in Groß Särchen hat Janko Sajatovic (Johann von Schadowitz), das Vorbild für die Krabat-Sage, Ende des 17. Jahrhunderts wahrhaftig gelebt. 1704 ist „der echte Krabat“ in der Wittichenauer Pfarrkirche beigesetzt worden. Noch heute ist die Grabplatte in der Kirche zu finden. Weitere Projekte: der Krabatstein am Miltitzer Steinbruch, der Krabat-Spielplatz in Kamenz. Unternehmer Tobias Kockert baut im Wittichenauer Ortsteil Kotten die Krabat-Milchwelt auf.

Quelle: Andreas Kirschke
Der Verein nimmt auch Kontakt zum sorbischen Schriftsteller Jurij Brězan (1916 bis 2006) auf. „Der Grundgedanke war klar: Wir legen Projekte auf viele Schultern. Die Verantwortung und Realisierung liegen vor allem vor Ort. Der Krabat-Verein koordiniert, ermutigt, inspiriert, spornt an“, sagt Reiner Deutschmann. Er war zwischen 2005 und 2024 der Vorsitzende. Der Krabat-Verein will verbinden, vernetzen. Der Vereinszweck lautet: Förderung von Kunst und Kultur, Bildung und Erziehung, Völkerverständigung, Stärkung des Heimatgedankens sowie des sorbischen Brauchtums.
Doch es braucht jemanden, der die Sagenfigur Krabat live verkörpert. Sie muss lebendig werden. Dafür sorgt ein Mann, der – wie Krabat – einst nach Groß Särchen kam und blieb: Wolfgang Kraus. Seit inzwischen 27 Jahren verkörpert er bei Führungen, Festen, Messen und weiteren Anlässen Krabat. Je nach Anlass tritt er mit dem Schwarzen Müller (Dieter Klimek aus Schwarzkollm) oder mit seinem Schreiber (Hans-Jürgen Schröter aus Wittichenau) auf. „Unser Leitmotiv ‚Den guten Geist des Krabat fördern‘, unsere Ziele und Projekte sind heute aktueller denn je“, sagt Thomas Zschornak.

Quelle: Foto: Uwe Jordan
Dazu kommt: Der Wittichenauer Hans-Jürgen Schröter ist in den vergangenen 15 Jahren zum Krabat-Experten geworden. Kaum jemand auf der Welt weiß so viel vom Leben des Krabat-Vorbildes Janko Sajatovic (Johann von Schadowitz) wie er. Schröter begeistert seit einigen Jahren mit seinem Detailwissen. Er forscht in Archiven in halb Europa. Immer wieder wird er fündig und vervollständigt das „Krabat-Puzzle“ Stück für Stück.
Krabat ist inzwischen viel mehr als die Sage. Daran hat der Krabat-Verein großen Anteil. Der Schriftzug „Tradicja a kwalita“ steht heute für das Qualitätssiegel der Marke Krabat. „Wir ließen diese Marke bundesweit schützen. Sie soll Qualität, Identität, Ursprünglichkeit, Regionalität verbürgen“, sagt Reiner Deutschmann. „Der Sinn der Marke Krabat war, Kulturveranstaltungen, schriftstellerische Veröffentlichungen, Töpferei-Erzeugnisse und ebenso Lebensmittel-Erzeugnisse gezielter zu vermarkten.“ Auch das Hoyerswerdaer Lausitz-Center ist längst ein Ort für Lausitzer Sagengestalten geworden.
Viele Produkte nutzen die Marke Krabat
Inzwischen gibt es einige Lausitzer Produkte, die sich der Marke Krabat verschrieben haben. Als Produkt der Wittichenauer Stadtbrauerei entstand bei der Familie Glaab einst das Krabat-Pils. Durch die Spirituosenfabrik Rudolf Jonas in Neukirch/Lausitz entstand Krabats Kräuter. Die damalige Landfleischerei Ralbitz fertigte die Wurst Krabats Peitsche. Durch den Krabat-Verein selbst wurde das Altenburger Skatblatt mit sorbischen Motiven „Auf den Spuren des Krabat. Na slědach. Lasst euch verzaubern“ gestaltet und herausgegeben.
„Für Krabat-Produkte gelten klar vereinbarte Kriterien“, erklärt Reiner Deutschmann. „Mindestens 50 Prozent der Grundzutaten müssen aus der Lausitz kommen. Die Produktion selbst muss hier in der Lausitz vor Ort sein und damit die Wertschöpfung.“
Den bundesweiten Durchbruch hat Krabat im Jahr 2008 gefeiert – der Kinofilm „Krabat“ wird zum Kassenschlager. Plötzlich wollen Interessierte aus Deutschland und halb Europa wissen, was es mit dieser Figur auf sich hat – und wie Krabat in der Lausitz verwurzelt ist.
Projektkoordinatorin des Krabat-Vereins ist aktuell Simone Kurth. „Größte Errungenschaft unseres Vereins ist die Zusammenführung der Region. Der Krabat-Verein bündelt, vernetzt und unterstützt vielfältige Projekte“, sagt der Vorsitzende Steffen Mühl, seit 2024 Vorsitzender. „Nicht für alle haben sich die Erwartungen und Visionen erfüllt. Doch wir setzen weiter auf Zusammenführung und Koordinierung der einzelnen Projekte.“
Krabat-Saga lockt Tausende Gäste an
Eine Veranstaltung, die Krabat im Namen hat, lockt inzwischen Gäste aus ganz Deutschland an: die Krabat-Saga in der Krabat-Mühle in Schwarzkollm, am Rande Hoyerswerdas. Die Premiere des neuen Stücks ist für den 27. Juni geplant. Dann werden während 18 Vorstellungen insgesamt knapp 17.500 Besucher die Magie der Krabat-Sage spüren. Anschließend werden sich alle, wie es sich einst Vordenker Ulrich Schorcht im Jahr 2000 gewünscht hat, an Krabat, „den guten sorbischen Zauberer“, erinnern.
SZ


