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Diese sächsische Simson summt nur noch

Sven Deckert aus Hartenstein hat seine Simson zum E-Moped umgerüstet. Der Bausatz stammt von einem Start-up aus Berlin. Geniale Idee oder Sakrileg?
Lesedauer: 4 Minuten
Man sieht Sven Deckert mit seinem Simson Moped
Mount Simson: Fürs Foto hat Sven Deckert sein Moped auf einer BMX-Strecke im heimischen Hartenstein aufgebockt. Der seitlich angebrachte Aufkleber täuscht: Sein Elektro-„Simme“ basiert auf einer S50B. © kairospress

Von Andreas Rentsch

Er ist ein Kind der DDR, und als solches musste Sven Deckert natürlich irgendwann auch eine Simson haben. „Gekauft habe ich sie schon vor 20 Jahren“, sagt der 42-jährige Familienvater aus dem westsächsischen Hartenstein. „In der Jugend hat es nie für eine gereicht.“

Ein Blick auf das Typenschild verrät, dass es sich bei seinem Mokick um eine S50B aus dem Jahr 1975 handelt. Erworben habe er sie in komplett verbasteltem Zustand, sagt der gebürtige Thüringer. „Aber sie fuhr. Ich habe sie dann nach und nach umgebaut, neu lackiert, Teile getauscht.“ In einem Punkt unterscheidet sich die knapp 50 Jahre alte „Simme“ aber fundamental von fast allen ihrer Artgenossen. Sie knattert nicht mehr, sondern summt nur noch. Ihr Besitzer hat sie vor wenigen Monaten auf Elektroantrieb umgerüstet.

Das Rundinstrument rechts ist original, das links neu. Es zeigt die prozentuale Restkapazität des Akkus an.
© kairospress

Hinter der Idee, Kleinkrafträder aus der Vorwende-Ära unter Strom zu setzen, steckt die Berliner Firma Second Ride. Das im April 2022 gegründete Start-up vertreibt ein selbst entwickeltes Umrüst-Set mit allen notwendigen Komponenten: bürstenloser Elektromotor, Steuergerät, Kabelbaum und Akku nebst Ladegerät. Zusätzlich gibt es eine verstärkte Kette, die dem höheren Motordrehmoment standhält. Laut Geschäftsführer Carlo Schmid hat Second Ride inzwischen 450 Bausätze ausgeliefert. Der Verkauf läuft über einen Onlineshop und kooperierende Händler, von denen es in Sachsen derzeit zwölf gibt. Die Preise für das Set beginnen je nach Modell bei knapp 3.000 bis 3.400 Euro. Tatsächlich ist der Umbausatz auch mit der Schwalbe, den Simsons der „Vogelserie“, dem Roller SR50 und dem dreirädrigen Krause Duo kompatibel.

Aus Sven Deckerts Sicht stellt der Umbau für halbwegs versierte Mopedbastler kein Problem dar. „Ich habe vielleicht zwei Stunden gebraucht“, schätzt der gelernte Mechatroniker. Die meiste Zeit davon sei fürs Ablassen des Öls und Benzins draufgegangen. Allen weniger Begabten versucht Second Ride mit Videotutorials auf dem firmeneigenen Youtube-Kanal zu helfen.

Der Elektromotor für die blaue Simsons stammt aus China. Montiert wird der Bausatz in Berlin.
© kairospress

In den Kommentaren unter den Clips finden sich positive wie negative Kommentare gleichermaßen. „Kann es kaum erwarten, das Kit einzubauen“, frohlockt ein Zuschauer, der den Bausatz offensichtlich schon geordert hat. Ein anderer Schreiber schimpft über das vermeintliche Sakrileg, den Verbrennungsmotor gegen einen alternativen Antrieb zu tauschen. „Wer sowas in sein Original-DDR-Moped verbaut, hat meiner Meinung nach nichts in dieser Szene zu suchen.“

Auch Deckert hat ähnliche Äußerungen schon gehört. Ihm machten die kontroversen Meinungen nichts aus, sagt er. Das sei wie beim Elektroauto, auch dort gebe es Befürworter und Gegner. Für ihn ist eins klar: „Wenn wir bestimmte Klimaziele erreichen wollen, führt kein Weg an der Elektromobilität vorbei.“

Technische Daten von Sven Deckerts Moped

  • Basismodell: Simson S50B
  • Antrieb: bürstenloser Gleichstrommotor
  • Leistung: 4 kW/5,4 PS
  • Höchsttempo: 60 km/h
  • Akkukapazität: 1,9 kWh
  • Reichweite: 50 km (mit größerem Akku 70 km)
  • Bordnetz: 12 Volt
  • Leistung Ladegerät: 400 Watt
  • Preis Umbausatz: ab 2.990 Euro

Beruflich fährt der Ingenieur ein Model Y von Tesla, seine Frau ist mit einem Skoda Enyaq unterwegs. Auf dem Dach des Einfamilienhauses in Hartenstein liegen Solarmodule, im Carport hängt eine Wallbox an der Wand. „Ich bin ein Fan von Elektromobilität“, bekennt er. „Da war die logische Konsequenz, dass irgendwann auch mein Moped umgebaut werden musste.“ Die blaue Enduro sei aber nur ein Hobby und eher für entspannte Kurzstrecken-Trips gedacht. Nach 50 Kilometern Fahrt muss der Akku wieder an die Steckdose.

Auch bei Second Ride in Berlin weiß man um die Skepsis der Moped-Traditionalisten. „Wir haben bei der Entwicklung unseres Bausatzes darauf geachtet, dass sich alles wieder zurückbauen lässt, ohne Spuren zu hinterlassen“, betont Carlo Schmid. Vor diesem Hintergrund leiste seine Kundschaft letztlich sogar einen Beitrag zum Erhalt der Flotte, meint der 25-Jährige.

Insgesamt sind knapp sechs Millionen Simsons gebaut worden. Wie viele davon noch versichert sind und regelmäßig bewegt werden, lässt sich schwer sagen. Unstrittig ist, dass die Fangemeinde der Marke nach wie vor groß ist oder sogar wächst. Begehrt sind S51, Schwalbe und Co. nicht zuletzt deswegen, weil sie dank einer Klausel im deutsch-deutschen Einigungsvertrag Sonderstatus genießen. Anders als die auf 45 km/h limitierten „West-Mopeds“ dürfen sie 60 fahren und brauchen trotzdem nur ein Versicherungskennzeichen.

Die 14-PS-Elektro-Simson von Influencer Dirk Simon ist am 27. April beim „Community Day“ von Second Ride in Berlin zu sehen.
© Simons Garage

Auch die Elektro-Simson von Sven Deckert schafft 60 km/h. De facto wäre sie schneller, doch bei diesem Tempo wird elektronisch abgeregelt. Was der in China gebaute E-Motor im Extremfall zu leisten vermag, hat kürzlich der Moped-Influencer Dirk Simon ausgetestet. Über Softwareanpassungen und kleinere Modifikationen am Antrieb sei die Leistung auf 14 PS gesteigert worden, sagt der Betreiber der Social-Media-Kanäle von „Simons Garage“. „Das reicht mindestens für 100 km/h.“

Markttauglich sei derlei Tuning allerdings nicht, gibt Carlo Schmid zu bedenken. „Es ist ja immer die Frage, wie lange die Komponenten das mitmachen.“

Am 27. April lädt Second Ride E-Simson-Fahrer nach Berlin ein. Geplant ist u.a. eine gemeinsame Fahrt ans Brandenburger Tor. Weitere Infos finden Sie hier.

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