Von Ulrich Milde
Leipzig. Im Erzgebirgsstädtchen Zwönitz mit seinen 11.400 Einwohnern leben 180 Menschen auf einem Quadratkilometer. „Wir haben den Mut gefunden, was zu machen“, sagt Bürgermeister Wolfgang Triebert mit Blick auf den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). So hat er das „Erzmobil“ auf die Strecke gebracht. Die Busse fahren zwischen definierten Ein- und Ausstiegspunkten – aber nur nach vorheriger Bestellung per App. Jede Fahrt, je nach vorliegenden Buchungen, kann einen anderen Streckenverlauf haben. So sieht moderne Mobilität im ländlichen Raum aus.
Naturgemäß ist in einer Großstadt wie Leipzig mit 2.055 Einwohnern je Quadratkilometer das Angebot an ÖPNV größer. Züge, Straßenbahnen, Busse, private Mobilitätsanbieter – die knapp 634.000 Menschen sind gut versorgt. Eine Schlüsselrolle spielen dabei die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB). Das städtische Unternehmen beförderte im vorigen Jahr 171,2 Millionen Personen – ein neuer Fahrgastrekord.
65 Mobilitätsstationen im Stadtgebiet
Die LVB bieten dabei seit mittlerweile mehr als fünf Jahren mit LeipzigMove unter dem Motto „Eine App – alles drin“ eine zentrale Plattform, „die den Alltag spürbar erleichtert“, wie es heißt. Sie vereint in Echtzeit den gesamten ÖPNV einschließlich Bikesharing, E-Scooter, Taxi und Services wie Fahrradboxen und Park+Ride. „Wir bündeln für Menschen in Leipzig Mobilitätsdienstleistungen und gestalten damit unsere Stadt weiter für die Zukunft“, so Ulf Middelberg, Sprecher der LVB-Geschäftsführung.
Für besonders innovativ hält er die Check-in-/Check-out-Funktion: Einchecken, fahren, auschecken – die App berechnet automatisch den günstigsten Preis des Tages. Tarifzonen und Ticketwahl erledigt das System im Hintergrund. „Damit wird der Zugang zum ÖPNV deutlich einfacher“, betont der LVB-Chef.
Lokale Wirtschaft eingebunden
Auch die Routenplanung ist nahtlos vernetzt: Angezeigt wird stets die schnellste Verbindung inklusive aller verfügbaren Angebote, Verspätungen und Störungsmeldungen. Für noch mehr Flexibilität sorgt Flexa, das On-demand-Angebot in mehreren Stadtgebieten, das dem Erzmobil ähnelt. Die Shuttles bringen Fahrgäste nahezu von der Tür zur nächsten Haltestelle und ergänzen das bestehende Liniennetz.
Ein zusätzlicher Anreiz für die Nutzung der Plattform ist das neue Bonusprogramm. Kunden sammeln mit jeder Fahrt mit den integrierten Mobilitätsangeboten Punkte, die für Gutscheine oder Rabatte bei regionalen Partnern eingelöst werden können. „Ziel ist es, nachhaltige Mobilität attraktiver zu machen und gleichzeitig lokale Wirtschaftspartner einzubinden“, betont Middelberg. Damit werde die App nicht nur zur Mobilitätsdrehscheibe, sondern auch zu einem Instrument, um umweltfreundliches Verhalten aktiv zu belohnen.
Weitere wichtige Bausteine sind zudem die 65 Mobilitätsstationen im Stadtgebiet. Dort lassen sich Straßenbahn, Fahrrad, Scooter, Carsharing und teilweise auch E Ladepunkte bequem kombinieren. Im Leipziger Norden wurde das Bikesharing mit über 30 neuen Stationen weiter ausgebaut. Wer zwischen Fahrrad und ÖPNV wechselt, kann es zudem sicher in modernen Fahrradgaragen abstellen – buchbar direkt über die App.
Die Erfolgsgeschichte zeigt Wirkung: Fast 570.000 registrierte Nutzer, rund sechs Millionen verkaufte ÖPNV-Tickets und über eine Million Bikesharing-Fahrten machen die App zur digitalen Drehscheibe urbaner Mobilität. Parallel treiben die LVB mit klimaneutral betriebenen Straßenbahnen und dem Ausbau der E-Bus-Flotte die Verkehrswende voran. LeipzigMove bleibe damit „ein zentraler Baustein für moderne, nachhaltige und alltagsnahe Mobilität in Leipzig – einfach, digital und vernetzt“, sagt der Geschäftsführer.
Nextbike ist Europas Marktführer
Ein weiterer bedeutender Akteur in Leipzig ist Nextbike. Das Unternehmen, 2004 in der Messestadt gegründet, entwickelt seit 20 Jahren Bikesharing-Lösungen für Städte und Regionen. „Dadurch haben wir sie als elementaren Bestandteil des öffentlichen Nahverkehrs an mehr als 400 Standorten weltweit etabliert“, sagt ein Firmensprecher. Die Software wird selbst entwickelt, die Server stehen in Deutschland.
2024 wurden 51 Millionen Fahrten zurückgelegt. So hat sich Nextbike nach eigenen Angaben zum europäischen Marktführer gemausert. In Leipzig stehen 1500 Räder bereit, fest integriert in das Angebot der LVB. In Dresden existiert ein Angebot von 2 000 Rädern, in Deutschland sind es insgesamt 40.000 in 150 Städten. 250 Beschäftigte finden sich in Leipzig auf der Gehaltsliste, weltweit sind es 1500.
Das Unternehmen beteiligt sich an öffentlichen Ausschreibungen, die meist durch Städte oder Verkehrsunternehmen durchgeführt werden. „Dafür bekommen wir öffentliche Unterstützung in Form von Subventionen und gestalten die Räder und das gesamte System auf eine Art und Weise, wie es den individuellen Bedürfnissen der Stadt entspricht“, erklärt Firmenchef Sebastian Popp.
Ebenfalls eine große Rolle spielt Teilauto in Leipzig. Die Fahrzeuge werden über eine App gemietet und nach gebuchter Zeit sowie gefahrenen Kilometern abgerechnet. „In der Kombination von Carsharing, ÖPNV, Rad- und Fußverkehr sehen wir das größte Potenzial für eine nachhaltige Mobilität“, sagt Vorstand Michael Creutzer. „Wir investieren bewusst in eine umweltfreundliche Flotte und nachhaltige Mobilitätslösungen“, ergänzt sein Vorstandskollege Patrick Schöne. Aktuell nutzen über 100.000 Privat- und Geschäftskunden die mehr als 2300 Fahrzeuge in 30 Städten. Im vorigen Jahr erwirtschaftete der Betrieb mit seinen 50 Beschäftigten einen Umsatz von 33 Millionen Euro.
Unterschiedliche technische Plattformen
Allerdings ist Teilauto – die Firma hat sich in eine Genossenschaft umgewandelt – seit 2022 nicht über die LeipzigMove-App der LVB zu buchen, sondern nur über die eigene. Das hat seine Ursache in unterschiedlichen Technikplattformen, inzwischen geht es auch um die Höhe der monatlichen Stellplatzgebühr je Auto an den Mobilitätsstationen. Denn: Carsharing-Firmen, die die LeipzigMove-App nutzen, wird diese Gebühr erlassen.
Teilauto wurde 1992 in Halle gegründet, im Jahr 2000 folgte die Expansion nach Leipzig.
Seit 2006 ist das Unternehmen auch in Dresden vertreten, seit 2012 in Chemnitz. Es folgten im Freistaat Bautzen, Görlitz, Pirna, Niesky, Freiberg, Radebeul, Meißen, Limbach-Oberfrohna, Annaberg-Buchholz, Zwickau, Auerbach, Plauen, Markkleeberg und in Markranstädt.


