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„Eine Frechheit“: Sächsische Unternehmen rechnen mit 1000-Euro-Bonus ab

Die Koalition will die Arbeitnehmer entlasten und hat hierfür einen steuer- und abgabenfreien Krisenbonus von 1000 Euro beschlossen, der von den Unternehmen bezahlt werden kann. Wir wollen wissen: Was sagt die sächsische Wirtschaft dazu? Die Reaktionen fallen hart aus.

Lesedauer: 7 Minuten

Sachsens Unternehmer kritisieren das Entlastungspaket als wirkungslosen „Witz“: Der Tankrabatt verpuffe bei den Konzernen, während der 1000-Euro-Bonus die Betriebe finanziell überfordere. Quelle: Benjamin Winkler (Montage); Fotos: André Kempner, Michael Strohmeyer, Mercateo Julia Rau, Topas, CooolCase, Marion Doering, imago, Adobe Stock, de.freepik.com

Florian Reinke und Nora Miethke

Leipzig/Dresden. 17 Cent Rabatt für Diesel und Benzin – und eine Prämie von maximal 1000 Euro, die Unternehmen ihren Mitarbeitern steuerfrei auszahlen können: Die Bundesregierung reagiert auf die Energiekrise, doch Unternehmen in Sachsen lassen die angekündigten Entlastungen bisweilen ratlos zurück.

Wer kann den 1000-Euro-Bonus überhaupt zahlen? Und helfen die Entlastungen für Kraftstoff wirklich? Hier sprechen sieben Unternehmerinnen und Unternehmer Klartext.

Dresdner Messgerätehersteller: „Kann ich nur mit dem Kopf schütteln“

Claudia Jahn-Wolf, Geschäftsführerin der Topas GmbH in Dresden, sieht das Entlastungspaket kritisch. 
Claudia Jahn-Wolf, Geschäftsführerin der Topas GmbH in Dresden, sieht das Entlastungspaket kritisch. 
Quelle: Pr

Claudia Jahn-Wolf, Geschäftsführerin der Topas GmbH in Dresden, 85 Beschäftigte: „Aus meiner Sicht bringt der Tankrabatt für unser Unternehmen so gut wie nichts. Wir haben früh in eigene Lösungen investiert, wie eine Solaranlage auf dem Dach und Ladesäule, um unabhängiger zu werden von klassischen Kraftstoff- und Energiekosten. Grundsätzlich bezweifle ich auch, dass dieser Rabatt überhaupt spürbar beim Verbraucher ankommt.

Am Ende ist es eher eine Hoffnung, dass die Mineralölkonzerne die Entlastung weitergeben, und genau das halte ich für fraglich. Für mich ist das ein Beispiel dafür, dass man einerseits maximale Freiheit will, der Staat sich raushalten soll – aber wenn es schwierig wird, erwartet man plötzlich, dass er alles richtet.

Beim Krisenbonus kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Wir haben 85 Mitarbeitende und immer versucht, sie zu unterstützen, indem wir die Corona-Prämie und den Inflationsausgleich gezahlt haben. Aber diesmal werden wir den Bonus sehr wahrscheinlich nicht zahlen können, weil wir uns das schlichtweg nicht leisten können.

Die Maßnahme entlastet nicht die Unternehmen, sondern wälzt die Verantwortung komplett auf sie ab. Und das in einer ohnehin angespannten wirtschaftlichen Lage mit zusätzlich steigenden Lohnkosten zum Beispiel infolge der Mindestlohnerhöhung Anfang des Jahres, was letztlich eine Lohnerhöhung für alle Mitarbeiter erforderte. Für mich wäre eine sinnvolle Lösung gewesen, wenn der Staat 1000 Euro pro Lohnzahlung steuer- und abgabenfrei gestellt hätte.“

Leipziger Sicherheitsdienst: „Von echter Entlastung kann keine Rede sein“

Hendrik Arlt ist Geschäftsführer des Arlt Wach-, Schließ- & Schutzdienst in Leipzig.
Hendrik Arlt ist Geschäftsführer des Arlt Wach-, Schließ- & Schutzdienst in Leipzig.
Quelle: Andre Kempner

Hendrik Arlt, Geschäftsführer Arlt Wach-, Schließ- und Schutzdienst GmbH, rund 500 Beschäftigte: „Die Beschlüsse der Bundesregierung lassen mich extrem enttäuscht zurück – um ehrlich zu sein, ist das ein absoluter Witz. Jeder Cent hilft zwar, aber von einer echten Entlastung kann hier keine Rede sein. Es bleibt eine erhebliche Mehrbelastung. Allein von Januar bis März zahlten wir bis zu 30 Cent mehr pro Liter Kraftstoff. Zu Ostern kletterten die Preise an den Zapfsäulen weiter nach oben, auf die April-Rechnung warte ich mit Grauen.

Man muss sich nur mal andere europäische Länder ansehen: In Spanien kostet der Liter Diesel 60 Cent weniger. Eine Steuersenkung um 50 Cent, das wäre ein mutiger Betrag gewesen, der uns als Unternehmen wirklich geholfen hätte. Aber doch nicht diese lächerlichen 17 Cent!

Auch die steuerfreie Prämie ist absolut unbrauchbar und zeigt, wie weltfremd solche Vorschläge sind. Da fehlen mir die Worte. Die Politik weckt bei der Belegschaft eine immense Erwartungshaltung. Wir haben über 500 Mitarbeiter – wie sollen wir das bei den geringen Margen in unserer Branche finanzieren? Ganz zu schweigen von dem gewaltigen bürokratischen Aufwand, den diese 1000-Euro-Regelung für uns als Betrieb verursacht.

Kurzum: Dieses Paket ist keine echte Hilfe, sondern ein bürokratisches Feigenblatt, das völlig an der Realität des Mittelstands vorbeigeht.“

Dresdner Elektronik-Spezialist: „Verantwortung wird auf die Unternehmen abgewälzt“

Christian Michel, Geschäftsführer der CooolCase GmbH in Dresden, findet die Preisgestaltung der Mineralölkonzerne dreist.
Christian Michel, Geschäftsführer der CooolCase GmbH in Dresden, findet die Preisgestaltung der Mineralölkonzerne dreist.
Quelle: PR/Cooolcase

Christian Michel, Geschäftsführer CooolCase GmbH in Dresden, 80 Beschäftigte: „Der Tankrabatt von 17 Cent wird verpuffen, da bin ich mir sicher. Gerade bei den Spritpreisen fehlt es komplett an Transparenz – selbst wenn Steuern gesenkt werden, ist völlig unklar, ob und wann diese Entlastung überhaupt beim Verbraucher ankommt. Es ist einfach frech und dreist, wie die Mineralölkonzerne die Situation ausnutzen und auf ihr vor Monaten günstig eingekauftes Öl diese angeblichen Risikopreisaufschläge draufsatteln.

Unsere Speditionskosten sind um 15 bis 20 Prozent gestiegen, Tendenz weiter steigend. Eine wirkliche Entlastung wäre eine Spritpreisdeckelung mit einer transparenten Kalkulation der Mineralölkonzerne gewesen. Warum die Regierung das nicht durchsetzt, verstehe ich nicht. Sie wird dafür die Quittung bekommen.

Ob wir unseren 80 Beschäftigten den steuerfreien Krisenbonus zahlen werden, steht noch nicht fest. Ich muss erst einmal die Randbedingungen kennen. Bislang wurde das nur als Idee rausgehauen. Anders als bei der Corona-Prämie, wo das 13. Monatsgehalt umgewandelt wurde, soll das offensichtlich eine zusätzliche Zahlung sein. Das so zu verfügen, finde ich schon sehr interessant.

In einem mittelständischen Betrieb findet man zwar gemeinsam Lösungen, aber letztlich wird die Verantwortung wieder auf die Unternehmen abgewälzt und der bürokratische Aufwand ist enorm.“

Leipziger Digital-Unternehmen: „Paket ist ein Anfang, mehr aber auch nicht“

Marcus Hendel, Vice President Human Resources bei Unite mit Sitz in Leipzig
Marcus Hendel, Vice President Human Resources bei Unite mit Sitz in Leipzig
Quelle: Unite

Marcus Hendel, Vice President Human Resources bei Unite, 700 Beschäftigte: „Es ist gut, dass die Politik nach wochenlanger Untätigkeit endlich handelt. Aber man muss klar sagen, was diese steuerfreie Prämie wirklich ist: eine Verlagerung der finanziellen Last vom Staat auf die Arbeitgeber. Der Staat verzichtet auf Steuern, die er sonst ohnehin nicht bekommen hätte. Zahlen müssen die Unternehmen – wir als digitale Beschaffungsplattform mit 700 Mitarbeitenden in zwölf europäischen Ländern genauso wie alle anderen.

Schon in der Corona-Zeit haben wir erlebt, dass Beschäftigte vereinzelt dachten, der Staat überweise das Geld – und der Arbeitgeber schütte es nur aus. Dieser Beschluss weckt dieselbe Erwartungshaltung erneut. Was viele vergessen: Der Betrag muss von den Unternehmen erst erwirtschaftet werden. Gute Kommunikation ist jetzt entscheidend.

Bei uns gibt es kein Bonusmodell, wir zahlen ausschließlich Fixgehälter. Für 700 Mitarbeitende wären das 700.000 Euro, die im Businessplan schlicht nicht vorgesehen sind. Wie wir damit konkret umgehen, lässt sich derzeit ehrlich gesagt noch nicht einschätzen.

Wir entlasten unsere Belegschaft bereits auf anderem Weg: vertraglich verankertes hybrides Arbeiten, D-Ticket-Sponsoring, Rad-Leasing. Und wir haben Verständnis dafür, wenn Beschäftigte, die vor Wochen noch regelmäßig im Büro waren, das jetzt vielleicht weniger sind.

Direkt treffen uns die Spritpreise kaum. Aber wir sind Teil des wirtschaftlichen Getriebes – wenn es Lieferanten und Kunden schlechter geht, kommt das bei uns an. Dieses Paket ist ein Anfang. Mehr aber auch nicht.“

Dresdner Eventunternehmer: „Am Ende trifft das auch die Verbraucher“

Matteo Böhme, Eventunternehmer in Dresden, hier auf der Dresdner Rennbahn, weiß nicht, woher er das Geld für den Krisenbonus an seine Mitarbeiter nehmen soll.
Matteo Böhme, Eventunternehmer in Dresden, hier auf der Dresdner Rennbahn, weiß nicht, woher er das Geld für den Krisenbonus an seine Mitarbeiter nehmen soll.
Quelle: Marion Doering

Matteo Böhme, Eventunternehmer in Dresden, rund 60 Angestellte plus Saisonkräfte: „Der Tankrabatt ist grundsätzlich ein richtiger und wichtiger Schritt – aber er greift zu kurz. Gerade im Veranstaltungsgeschäft sind wir stark von Transporten abhängig. Steigen die Spritpreise, steigen automatisch die Transportkosten, und diese schlagen sich direkt auf unsere gesamten Produktionskosten nieder.

Jede Wurst, die wir auf Events anbieten, war mindestens dreimal im Lkw unterwegs. Am Ende trifft das nicht nur uns, sondern auch die Verbraucher, weil sich alles verteuert. Deshalb ist der Rabatt für mich sinnvoll, sollte aber nicht nur kurzfristig gelten, sondern längerfristig, am besten dauerhaft, damit Lieferpreise wieder finanzierbar werden.

Diese 1000 Euro Krisenbonus sind für mich wie ein trojanisches Pferd, das Mehrbelastung bringt, keine Entlastung. In unserer aktuellen wirtschaftlichen Lage können wir uns diese zusätzlichen Zahlungen schlicht nicht leisten. Und ich vermute, das geht vielen Betrieben so. Wir haben wahnsinnig zu kämpfen mit den gestiegenen Lohnkosten durch die vollkommen überzogene Mindestlohnerhöhung.

Es wird erwartet, dass wir Geld auszahlen, das wir gar nicht haben. Wenn die Bundesregierung Arbeitnehmer entlasten möchte, dann muss sie zuerst uns kleine Unternehmen entlasten. Dazu gehört für mich die Abschaffung des Mindestlohns. Wir brauchen ihn nicht, er treibt nur die Preisspirale nach oben.“

Nordsächsischer Landwirtschaftsbetrieb: „Prämie ist für uns eine Frechheit“

Susann Bernt von der Pflanzenproduktion Glesien in Schkeuditz bei Leipzig
Susann Bernt von der Pflanzenproduktion Glesien in Schkeuditz bei Leipzig
Quelle: Michael Strohmeyer

Susann Bernt, Pflanzenproduktion Glesien, 10 Mitarbeiter: „Auf den Straßen sind mein Mann Matthias und ich zwar mit dem E-Auto unterwegs, aber auf den Feldern unseres Familienbetriebs hilft uns das wenig: Für die schweren Traktoren gibt es schlicht keine elektrische Alternative. Um unsere 2500 Hektar mit Zuckerrüben, Mais, Gerste und Roggen zu bewirtschaften, sind wir vollkommen vom Diesel abhängig – rund 200.000 Liter brauchen wir im Jahr.

Gerade jetzt im Frühjahr benötigen wir bis zu 70.000 Liter. Bei 50 Cent Preisaufschlag sind das aus dem Nichts 35.000 Euro Mehrkosten. Zur Ernte fließen an einem einzigen Tag bis zu 3000 Liter durch die Motoren. Da gleichzeitig auch andere Betriebsmittel wie Dünger teurer werden und unsere Agrarpreise an der Börse gemacht werden, können wir diese enormen Kosten nicht einfach an die Kunden weiterreichen.

Deshalb ist die 1000-Euro-Prämie für uns ehrlicherweise eine Frechheit. Unser Betrieb schreibt derzeit mit Mühe eine schwarze Null. Bei zehn Mitarbeitern wären das 10.000 Euro, die wir extra stemmen müssten – für uns absolut nicht darstellbar. Die Politik weckt bei den Beschäftigten völlig falsche Erwartungen, während wir zusehen müssen, wie wir überhaupt über die Runden kommen.

Und die 17 Cent Entlastung beim Diesel? Viel zu wenig! Im März 2025 haben wir noch 1,57 Euro für den Liter bezahlt, davon sind wir weit entfernt. Zudem ist unklar, ob die Ölkonzerne die Steuersenkung überhaupt an die Tankstellen weitergeben. Dieses Paket kann höchstens ein Anfang sein.“

Kesselsdorfer Spediteur: „Ein sinnvolles Signal, das erheblichen Erwartungsdruck aufbaut“

Andreas Hanitzsch, Inhaber und Chef der Spedition Hanitzsch GmbH & Co. KG in Kesselsdorf.
Andreas Hanitzsch, Inhaber und Chef der Spedition Hanitzsch GmbH & Co. KG in Kesselsdorf.
Quelle: Ronald Bonß

Andreas Hanitzsch, Spedition Hanitzsch GmbH & Co KG, 250 Beschäftigte, sagt im Podcast „Thema in Sachsen“: „Der Tankrabatt ist ein notwendiger, aber nur kurzfristig wirksamer Schritt. Die angekündigten 17 Cent Entlastung pro Liter helfen zwar dabei, die akute Belastung etwas abzufedern, gerade nach den starken Preissteigerungen der letzten Monate. Für ein echtes „Aufatmen“ reicht das jedoch nicht aus, weil Planungssicherheit und eine langfristige Perspektive fehlen.

Den Podcast gibt es auch auf Spotify und Apple Podcasts.

Positiv ist, dass der Staat hier schnell gehandelt und auf bestehende Steuerbestandteile zurückgegriffen hat – mehr Einfluss hat er nicht. In der Praxis entspricht dieser Rabatt ungefähr dem Unterschied zu Tankpreisen in Polen und Tschechien, was zeigt, wie begrenzt der Spielraum ist.

Zum Krisenbonus: Grundsätzlich ist es wichtig und richtig, dass auch die Beschäftigten entlastet werden, da sie die steigenden Lebenshaltungskosten ebenfalls spüren. Der steuerfreie Bonus ist daher ein sinnvolles Signal. Gleichzeitig entsteht dadurch ein erheblicher Erwartungsdruck auf Unternehmen, insbesondere im Mittelstand, der selbst stark unter den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen leidet.

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