Bärbel Schumann
Wiederoda. Ein Traktor tuckert über den Hof, daneben reihen sich robuste Maschinen mit kantigen Formen – Relikte einer langen Tradition. Inmitten der ländlichen Ruhe von Wiederoda wirkt das Gelände unscheinbar, fast vergessen. Doch hinter den Toren kämpft ein kleines Handelsunternehmen um seine Zukunft: Jahrzehntelang brachte es Belarus-Schlepper nach Sachsen – nun bedrohen Sanktionen das Geschäft und zwingen zum Umdenken.
Wiederoda in Nordsachsen: Landwirtschaft mit DDR-Tradition
Wiederoda ist ein 80-Seelen-Dorf in Nordsachsen, das zur Gemeinde Wermsdorf gehört. Der Ort ist vielen Menschen nicht bekannt. In der Landwirtschaft dürfte das nicht so sein. Nach 1946 wurde eine der ersten Maschinen- und Ausleihstationen (MTS) der DDR-Landwirtschaft gegründet, später Kreisbetrieb für Landtechnik. Das historische Schloss im Ort, 1551 erstmals als Rittergut erwähnt, ist heute in Privathand und Heimat der „Zauberland Alpakas“ mit Alpakazucht, Therapieangeboten und Hofladen.
Belarus-Traktoren: Importgeschäft seit 1991 in Wiederoda
Was wenige wissen: Seit 1991 befindet sich auf dem ehemaligen MTS-Gelände die Belimpex Handelsgesellschaft GmbH. Sie importiert und handelt mit den zu DDR-Zeiten im Osten geschätzten Schleppern der Marke Belarus des Minsker Traktorenwerkes.
Millionen Traktoren: Belarus war wichtiger Export nach Deutschland
Im heutigen Weißrussland wurden dort in den Werkhallen über vier Millionen Traktoren gefertigt und in über 70 Länder der Welt geliefert. Die ehemalige DDR war schon immer ein bedeutsames Exportland für Belarus-Schlepper. „Über 70.000 gelieferte Traktoren bis zur Wende zeugen davon“, erzählt Geschäftsführer Pavel Solomevich. „Seit 1991 setzen wir diese Tradition fort. Wir bieten einen zuverlässigen Service und kundenfreundliche Betreuung.“

Quelle: Bärbel Schumann
Seit zehn Jahren ist der groß gewachsene Mann in Wiederoda Geschäftsführer. Eine Zeit, in der er schon viel erlebt hat und in der jetzt um den Fortbestand des Handelsunternehmens gerungen wird.
Agrar-Messe Agra Leipzig: Hoffnung für den Traktor-Händler
Ein Mittel: Kontakte pflegen, neue knüpfen und nach einer Strategie für die Zukunft suchen. Deshalb ist Belimpex auf der in Leipzig veranstalteten Landwirtschaftsmesse Agra, die noch bis Sonntag auf der Neuen Messe stattfindet, präsent. Für die Wiederodaer geht es buchstäblich um das Überleben.
EU-Sanktionen gegen Belarus treffen Traktor-Importe hart
Denn seit Inkrafttreten des EU-Wirtschafts- und Handelsembargos gegen Russland, von dem auch Weißrussland betroffen ist, können keine Traktoren samt Zubehör aus dem Minsker Werk nach Deutschland geliefert werden.
Die Agra in Leipzig
Die Agra findet vom 9. bis 12. April auf dem Leipziger Messegelände in den Hallen 2 und 4 sowie im Freigelände statt. Die Öffnungszeiten sind von Donnerstag bis Samstag jeweils von 9 bis 18 Uhr und am Sonntag von 9 bis 17 Uhr. Als eine der bedeutendsten Agrarmessen Deutschlands wird sie im Zweijahresrhythmus veranstaltet und hat sich insbesondere im Bereich der Landtechnik als zentrale Plattform in Ost- und Mitteldeutschland etabliert. Auf rund 72 500 Quadratmetern Freigelände sowie etwa 7500 Quadratmetern Hallenfläche präsentieren sich insgesamt 197 Aussteller. Ergänzt wird die Messe durch ein vielfältiges Rahmenprogramm mit unter anderem Europas größter Tierschau, verschiedenen Foren und zahlreichen Aktionen.
Die Europäische Union hatte Wirtschafts- und Handelssanktionen gegen Weißrussland in mehreren Schritten als Reaktion auf die Unterdrückung der Zivilgesellschaft, die Beteiligung am russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie die instrumentalisierte Migration an den EU-Außengrenzen verhängt. Weißrussland wird als „Co-Aggressor“ im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine betrachtet, da es sein Territorium für Angriffe, Truppenbewegungen und Waffenlieferungen zur Verfügung stellte und stellt.
Letzte Belarus-Traktoren: Vorräte reichen nur noch Monate
Infolgedessen wurden die Sanktionen gegen Weißrussland weitgehend an die Maßnahmen gegen Russland angepasst, um Umgehungspraktiken zu verhindern. Zu den Handelsbeschränkungen gehören Importverbote für wichtige Güter wie Kalidünger (Potash), Holz, Zement, Eisen- und Stahlprodukte. Zudem besteht ein Verbot der Ausfuhr von zivil und militärisch nutzbaren Gütern. Es gibt zudem Verkehrs- und Finanzsanktionen.

Quelle: Bärbel Schumann
„Bevor die Sanktionen 2024 wirksam wurden, importierten wir noch viele Schlepper auf Vorrat“, erzählt Geschäftsführer Pavel Solomevich. Auf dem Firmenhof in Wiederoda stehen einige davon. „Die könnten noch ein halbes Jahr reichen“, so der Geschäftsführer. Vor allem kleinere Landwirtschaftsbetriebe und Gärtnereien sowie Landwirte im Nebenerwerb, insbesondere im Osten, mögen die „Belarus“-Schlepper.

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Beliebte Technik: Warum kleine Traktoren gefragt sind
Je nach den Erfordernissen bei den künftigen Besitzern werden die Traktoren vor der Auslieferung in Wiederoda ausgerüstet. Bis zu 1000 Stück wurden in den 1990er Jahren pro Jahr ausgeliefert. Traktoren – robust, kompakt, leistungsfähig auch mit wenigen PS-Motorleistung und ohne große Hightech-Ausstattung. Zudem von Besitzern oft auch reparierbar und bezahlbar im Vergleich mit großen Traktoren. „Die kleinen Traktoren mit beispielsweise 26 PS sind eine sehr geliebte Leistung. Für deutsche Hersteller jedoch weniger interessant“, nennt der Geschäftsführer ein weiteres Argument.
Umsatzrückgang und Stellenabbau beim Traktor-Händler
Die Nachfrage hat nachgelassen, weil aufgrund der wirtschaftlichen Lage viele Betriebe nicht mehr so schnell in neue Technik investieren. – Pavel Solomevich, Geschäftsführer Belimpex Handels GmbH
Über 20 Mitarbeiter waren bei Belimpex zu Hochzeiten beschäftigt. „Die Nachfrage hat nachgelassen, weil aufgrund der wirtschaftlichen Lage viele Betriebe nicht mehr so schnell in neue Technik investieren“, so Solomevich. Bis zu 20 Prozent lag der Umsatzrückgang. Auswirkungen hatte das auf die Beschäftigten. Die Mitarbeiterzahl ist auf sechs geschrumpft.
Neue Strategie: Traktoren aus Indien
„Wir gehen auf die Agra, um für uns zu werben und um eine Alternative zu den Belarus-Traktoren vorzustellen“, sagt Solomevich.
Aber wie sieht die Alternative für das Unternehmen aus? Statt Belarus steht Captain auf den Traktoren, die für ihren Messeauftritt Tage vor der Agra vorbereitet wurden. Sie kommen aus Indien und haben mit den Minsker Schleppern manches gemeinsam. Das Wichtigste, gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten: Sie sind genauso für kleine Betriebe bezahlbar.


