ittau/Turow. Vor knapp einem Jahr, im polnischen Präsidentschaftswahlkampf, hat Turów mit Grube und Kraftwerk Schlagzeilen gemacht. Erstmals war damals – trotz offizieller Laufzeit bis 2044 – öffentlich von einer Schließung der Grube und damit auch des Kraftwerkes in den Jahren 2030 bis 2035 die Rede. Kohlekumpel und Energiewende waren Wahlkampfthemen.
Seither gibt es nicht viel Positives zu berichten. Im Gegenteil: Am Rande des Polnischen Klimakongresses vom 25. bis 27. März gab der Zgorzelecer Bürgermeister und Vorsitzende des „Transformationskomitees der Region Turów“, Rafał Gronicz, der Onlinezeitung Gazeta.pl ein Interview, in dem er die Lage der gesamten Region in dramatischen Worten schildert.
Keine Lobby in Warschau
Gronicz geht davon aus, dass der Kohleabbau „zehn, maximal noch 15 Jahre“ betrieben werde, weil es danach durch die CO₂-Steuer unrentabel sei. Bei der Frage, was danach komme, sei die Region weitgehend auf sich allein gestellt, man habe keine Lobby in Warschau, wie das bevölkerungsreiche und wohlhabende Schlesien, sagt er. „Aus Sicht der nationalen Strategie stellen wir also kein großes Problem dar, aber für uns ist das, was passiert, sehr beunruhigend“, sagte Gronicz.
Für die Region sei die wirtschaftliche Wende, weg von der Bergbau-Monokultur, eine gigantische Herausforderung. Er mache sich Sorgen, dass gut ausgebildete Arbeitskräfte und die Jugend bald abwanderten. „Bei uns gibt es kein Industrierevier, das ihnen eine Alternative bieten würde“, sagt er. Schon jetzt arbeiten – nach Zahlen und Schätzungen von Stadt und Kreis Zgorzelec – 30 bis 40 Prozent der Einwohner in der Grenzregion in Deutschland.
Bei uns gibt es kein Industrierevier, das ihnen eine Alternative bieten würde. – Rafał Gronicz, Bürgermeister Zgorzelec und Vorsitzender des „Transformationskomitees der Region Turów“
Aus den Kreisen Zgorzelec und Lubán arbeiten beim Energiekomplex Turów laut Gazeta.pl und der deutsch-polnischen Initiative Triland rund 4500 Mitarbeiter. In anderen polnischen Medien ist von 7500 die Rede. Zudem fielen mit dem Ende der Kohle Tausende Zuliefer-Jobs weg. Zugleich stünden Steuereinnahmen der Kommunen auf der Kippe und viele Sponsoring-Aktivitäten für Sport oder Vereine. Rafał Gronicz sieht deshalb alle 120.000 Einwohner der Region direkt oder indirekt vom Turów-Aus betroffen.
Grenzlage mehr Hindernis als Chance
Neidisch schauen polnische Kommunalpolitiker wie er deshalb nach Deutschland und in die Oberlausitz, wo seit Jahren strukturiert, mit Plänen und Millionen Euro die Transformation der Wirtschaft vorangetrieben wird. So viel Unterstützung würden sich die Bürgermeister rund um Turów wünschen. Stattdessen fürchten sie ein Szenario wie in Wałbrzych (Waldenburg), wo in den 1990ern nach dem Ende der Kohle Abwanderung und hohe Arbeitslosigkeit folgten.
Rafał Gronicz versucht, das zu verhindern. Gespräche mit Unternehmen, die sich als neue Chance und Alternative zum Bergbau neu ansiedeln könnten, seien aber über Jahrzehnte oft ergebnislos verlaufen. Gronicz beschreibt die Grenzlage als Hindernis: „Bei uns fürchten sich Investoren davor, direkt mit dem deutschen Arbeitsmarkt konkurrieren zu müssen“, erklärte er der polnischen Onlinezeitung.
Auch auf Unterstützung der EU wie Gelder aus Transformationsfonds, könne man nicht hoffen, weil die vorherige PiS-Regierung für Turów keine Emissionsreduzierung erklärt habe. Man kämpfe derzeit um Gelder aus Modernisierungsfonds, sagt Gronicz.
Unterdessen wird von ersten Personalrückgängen im Energiekomplex berichtet: Anfang April berichtete Gazeta.pl, dass die Grube Turów „systematisch Personal“ abbaue. Im zweiten Halbjahr 2025 hätten 75 Mitarbeiter gegen eine Abfindung freiwillig gekündigt. Das Programm laufe noch bis Ende 2027.
SZ


