Von Annett Kschieschan
Leipzig. Vielleicht ist es eine kleine Revolution. Auf jeden Fall ist es eine Premiere. Und die gilt nicht sachsen- oder bundes-, sondern weltweit. In Leipzig entsteht mit der C-Factory das erste Carbonbetonwerk für CO₂-speichernde Bauteile überhaupt. Das sogenannte Verbundvorhaben wird im Rahmen der Bundesförderung Industrie und Klimaschutz durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie mit rund 14 Millionen Euro gefördert und läuft bis Ende 2029.
Sachsen und der Carbonbeton – das ist eine Erfolgsgeschichte, die viel mit Manfred Curbach zu tun hat. Der langjährige Direktor des Instituts für Massivbau an der TU Dresden hat die Entwicklung des Baustoffes entscheidend vorangetrieben. 2025 erhielt er dafür den Nobel-Nachhaltigkeitspreis.
Wie das Bauen mit Carbonbeton funktioniert, wurde ausprobiert – unter anderem im Carbon Concrete CUBE in Dresden, dem – und hier kommt schon wieder ein Alleinstellungsmerkmal – weltweit ersten Gebäude aus Carbonbeton. Die dort eingesetzten automatisierten Fertigungsprozesse wurden im Carbonbetontechnikum Deutschland am Forschungs- und Transferzentrum der HTWK Leipzig entwickelt und erprobt. Mit der C-Factory folge nun der „entscheidende Schritt: die Überführung dieser Technologie in eine industrielle, skalierbare Produktion“, heißt es aus der C-Factory.
In den kommenden vier Jahren soll die Pilotanlage in Leipzig aufgebaut und in Betrieb genommen werden. Geplant ist es, verschiedene Demonstrationsbauteile herzustellen. Die Anlage selbst soll als „Referenz für zukünftige Carbonbetonwerke und als Grundlage für die industrielle Skalierung einer klimafreundlichen Bauweise“ dienen.
Viele Partner am Start
Die C-Factory ist ein Projekt, das von vielen Schultern getragen wird. Initiiert und koordiniert wird der Bau von der Kahnt & Tietze GmbH aus Leipzig. Gemeinsam mit Partnern aus Industrie und Wissenschaft ist ein interdisziplinäres Konsortium gewachsen, dem unter anderem die Betonwerk Oschatz GmbH, die SCHWENK Zement GmbH & Co. KG, die Prilhofer Consulting GmbH & Co. KG, die ABS Storkow GmbH, das Forschungs- und Transferzentrum Leipzig e. V. der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig sowie die TU Dresden angehören.
Für Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter ist das Leipziger Großprojekt nicht weniger als ein „wichtiger Beitrag zur industriellen Transformation“. „Sachsen beweist: Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit gelingen zusammen. Dass sich Gebäude künftig als CO₂-Senke nutzen lassen, ist mit Blick auf die industrielle Transformation und den Klimaschutz revolutionär. Die C-Factory ist ein vorbildliches Beispiel für gelebten Forschungstransfer, sächsischen Innovationsgeist und Effizienzsteigerung“, so der Minister anlässlich des offiziellen Startschusses für das Projekt im März. Das Projekt zeige nicht zuletzt, dass die sächsische Technologieförderung mehr sei als ein Instrument zur Wirtschaftsförderung. Panter: „. Sie hilft darüber hinaus, kluge Köpfe hier am Standort zu halten und neue zu gewinnen.“
Das hörten Alexander Kahnt und Matthias Tietze, beide Geschäftsführer der Kahnt & Tietze GmbH, gern. Für sie ist die C-Factory mehr als ein Bauvorhaben. „Uns alle motiviert das Ziel, mit der C-Factory die Emissionen im Bauwesen deutlich zu senken“, so Kahnt. Und Tietze betont, man bringe eine Technologie, „die bisher vor allem in Forschung und Pilotprojekten existiert hat, in die industrielle Realität“.
Beide Geschäftsführer haben an der HTWK Leipzig studiert und an der TU Dresden kooperativ promoviert – Alexander Kahnt zum Thema „Die Gebäudehülle der Zukunft“, Matthias Tietze „Zur wirtschaftlichen Wertschöpfungskette von Carbonbeton – Am Beispiel der Doppelwand Halbfertigteilbauweise“. Nach dem Studium war Tietze an der TU Dresden im Projekt C3 – Carbon Concrete Composite am Institut für Massivbau unter Leitung von Professor Manfred Curbach tätig, während Kahnt die Forschungsgruppe „Nachhaltiges Bauen“ am Institut für Betonbau der HTWK Leipzig aufbaute. Gemeinsam gründeten sie aus der HTWK Leipzig heraus die Kahnt & Tietze GmbH, um neue Materialien, Bauweisen und Fertigungstechnologien in der C-Factory industriell umzusetzen.
Die Macher hinter dem Projekt betonen: Die Herstellung, Errichtung, Modernisierung und der Betrieb von Wohn- und sogenannten Nichtwohngebäuden sei in Deutschland für 40 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Carbonbeton ermöglicht „deutlich schlankere, leichtere und dauerhaftere Bauteile als der klassische Stahlbetonbau“. Da Carbon nicht korrodiert und damit die Betondeckung deutlich reduziert werden kann, sinken demnach die benötigten Mengen an Zement, Kies und Sand deutlich. So ließen sich heute bereits bis zu 80 Prozent an Ressourcen einsparen. Und: In Kombination mit CO₂-mineralisierten Zuschlägen und zusätzlichen CO₂-speichernden Materialien werden Bauteile in der C-Factory künftig sogar zum Kohlenstoffspeicher. Vielleicht doch mehr als eine kleine Revolution – made in Leipzig.


