Schon von weitem ragen die vielen Kräne in den blauen Himmel. Doch wie weit der Bau der ersten Fabrik des weltgrößten Chipherstellers TSMC in Europa vorangeschritten ist, lässt sich nicht so einfach für jedermann erkennen. Die Baustelle von ESMC im Dresdner Norden ist hermetisch abgeschirmt hinter einem hohen Zaun. Außer am vergangenen Sonntag. Da wurde der Zaun für einige Stunden geöffnet, aber nur für die Nachbarn aus Volkersdorf.
Das halbe Dorf war auf den Beinen. Der Heimatverein „Mein Volkersdorf e.V.“ hatte zur Frühjahrswanderung eingeladen. Ziel ESMC. Die Vereinsvorsitzende Bianka Wolf hatte mit maximal 120 Anmeldungen gerechnet. Es wurden 212 und das im 514-Seelen-Ort Volkersdorf. Das Interesse war also enorm, was auf der drei Kilometer entfernten Großbaustelle passiert.
Aber noch begeisterter war Bianka Wolf über den Empfang, den ihnen ESMC-Geschäftsführer Christian Koitsch und sein Team bereiteten. „Wir hatten gehofft, dass wir mal einen Blick hinter den großen Bauzaun werfen dürfen. „Aber dass wir einen richtigen Rundgang mit mehreren Stationen, Beamer und Bildern bekommen, das hat einfach alle Erwartungen übertroffen“, betont Wolf.

Quelle: ESMC
Die Volkersdorfer wurden in mehrere Gruppen eingeteilt und mit einem Guide auf Erkundung durch das fünfstöckige Bürogebäude geschickt. Noch sind die riesigen Räume leer, die Fertigbetonwände nackt und grau. Aber die Hallen sind auffallend lichtdurchflutet. Fast 1500 Glasteile wurden verbaut, die wenig Wärme heraus- und hineinlassen. Zwei begrünte Innenhöfe werden später dafür sorgen, dass viele der 2000 Beschäftigten Fenster-Arbeitsplätze haben werden können. Visualisierungen und kurze Videos zeigen den Besuchern auf den einzelnen Etagen, wie sie sich später dort die Büros vorstellen können – Großraum-Arbeitsplätze für die Angestellten, Führungskräfte können mit Einzelbüros rechnen. Ein anderes Bild zeigt die künftige Kantine – hell, großzügig und mit einem Freisitz für den Sommer.
So sieht es an der Baustelle von Chiphersteller ESMC in Dresden aus

Quelle: ESMC
Das gibt es bislang in keiner TSMC-Fabrik, weder in Taiwan noch in den USA, wo der weltgrößte Chipkonzern in Arizona gleich mehrere Fabs baut. Dort ist es für einen Freisitz viel zu heiß und Asiaten meiden eher die Sonneneinstrahlung. Auch die in Dresden geplanten 500 Fahrradstellplätze wird es dort nicht geben.
Dach „made in Saxony“
Was dagegen typisch in Taiwan ist und deshalb auch in der ersten europäischen Fabrik in Dresden eingebaut wird, sind Rolltreppen, auch wenn es Fahrstühle geben wird. Diese gibt es in den Fabs von Infineon, Globalfoundries und Bosch nicht. Sie sind schon aufgestellt, aber noch nicht ausgepackt. Die Rolltreppen gehen erst in Betrieb, wenn die Fab fertig ist.
Wie weit der Bau des 200 Meter mal 200 Meter langen Produktionsgebäudes ist, nehmen die Volkersdorfer vom Dach des Bürogebäudes in Augenschein. Ein hohes Gitter verhindert, dass die Gäste selbst Fotos machen, das ist streng verboten. Bleibt Zeit, sich auf das Wimmelbild gegenüber zu konzentrieren mit den vielen gelben, roten und orangefarbenen Kränen. Wie viele es sind, kann auch der Bauleiter Jens Schulze nicht auf Anhieb sagen. Das ändere sich jede Woche.
Dort wird gerade an der Dachkonstruktion gearbeitet. In der vergangenen Woche wurde der erste 140 Meter lange Dachträger verschraubt. 31 weitere werden noch bis zum Herbst folgen. Sie sorgen für eine schnelle, effiziente Produktion, weil das automatische Transportsystem im Reinraum, das die Wafer von A nach B bringt, nicht wegen irgendwelcher Stützen abbremsen muss.
Die weißen Dachstränge werden außerhalb der Baustelle vormontiert und nachts mit einem Spezialtransporter zur Fab gefahren und von 800 Tonnen schweren Drehkränen hochgewuchtet. „Die Kräne fahren auf einer Stahlkonstruktion ins Gelände rein und setzen die Träger auf. Bis zum nächsten Winter soll das Dach dicht sein, das übrigens Made in Saxony ist“, beschreibt Koitzsch die Abläufe genau.
Schwer zu sagen, was die Volkersdorfer mehr fasziniert: das sie auf dem Bürodach der wichtigsten Baustelle Sachsens stehen und auf ihr Dorf schauen können. Das wird nicht mehr lange möglich sein, denn auf dem Dach werden bald Solarpaneele liegen. Oder dass sich der ESMC-Chef so viel Zeit für sie nimmt.
Wandertag-Idee beim Bürgerdialog entstanden
Entstanden ist die Idee zu diesem besonderen Wandertag auf der Bürgersprechstunde, die der Chiphersteller alle drei Monate anbietet. Die Volkersdorfer seien sehr engagiert und würden ihre Anliegen einbringen, betonen die Gastgeber. Etwa ihre Angst davor, dass das Dorf bei Starkregen „weiter absäuft“, wie Kristian Behrendt, Vizechef des Heimatvereins, sagt, „wenn von den ESMC-Dächern zu viel Regenwasser in die Promnitz fließen sollte“. Die Gemeinde und das Unternehmen haben sich darauf geeinigt, ein 3000 Kubikmeter fassendes Regenwasserrückhaltebecken zu bauen, größer als ursprünglich geplant. Auch hat ESMC in eine eigene 110 KV-Stromleitung investiert, die in Volkersdorf ans Stromnetz angeschlossen wird.
Es gibt also mehrere Gründe, warum der Chiphersteller an einer guten Nachbarschaft interessiert ist. Deshalb hat er eine absolute Ausnahme gemacht und den Bauzaun etwas geöffnet. „Der Zeitpunkt jetzt war richtig. Noch ist das eine Baustelle, die man mit einer Besuchergruppe managen kann“, sagt Koitzsch.
Derzeit sind dort ungefähr 600 Firmen und 1000 Arbeiter täglich im Einsatz. Zum Ende des Jahres, wenn der Innenausbau der Fab beginnt, werden es 5000 sein. Wenn die Fertigung läuft, werden sich die Türen der Chipfabrik aus Geheimhaltungsgründen gar nicht mehr öffnen – außer für Kunden, Beschäftigte und Bewerber. Und diese werden ihre Handys abgeben müssen, um die Chipdesigns der Kunden zu schützen.
Lehrstellen noch offen
ESMC hat momentan rund 100 Mitarbeitende, die Hälfte davon kommt aus Taiwan. Christian Koitzsch muss in den kommenden Jahren insgesamt 2000 Arbeitsplätze besetzen. Auch deshalb gefallen dem Manager Begegnungen wie mit den Volkersdorfern, mit denen er am Grillstand oder vor dem Foodtruck – wo taiwanischer Burger mit geschmortem Schweinebauch, Frühlingsrollen und Pommes serviert werden – ins Gespräch kommt.
Viele Familien von den Enkeln bis zu den Großeltern sind gekommen. Da lässt sich gut Werbung machen, auch für die Ausbildungsplätze, die ESMC anbietet. Im aktuellen Ausbildungsjahr wurde mit 25 Lehrstellen für Mikrotechnologen und Mechatroniker gestartet, im kommenden sollen es über 50 sein. „Es sind noch Lehrstellen offen“, so der Chef. Hinzu kommen noch 15 Ausbildungsplätze für Maschinen- und Anlagenführer.
„Vielen Dank für die schönen Stunden“, klopft ein Volkersdorfer auf den Tisch und verabschiedet sich. Nach gut drei Stunden leert sich die Baustelle. Der Wandertag war ein voller Erfolg. Er wird einmalig bleiben.
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