Anja Beutler, Sascha Klein, Constanze Junghanß, Miriam Schönbach, Markus van Appeldorn, Constanze Knappe, Katja Schäfer, Matthias Klaus und Ina Förster
Bautzen/Görlitz. Das Sterben der Innenstädte und des Handels wird schon seit Jahren prophezeit. Ein Blick auf die Kreisstädte in den Kreisen Bautzen und Görlitz zeigt aber: Die Lage ist besser als ihr Ruf! Überraschend wenig Leerstand – bis auf Ausnahmen – zeigt sich bei der Recherche.
Das trifft sich auch mit der Analyse des Geschäftsführers des Handelsverbands Sachsen, David Tobias: „Es zeigt sich ein differenziertes, aber ein trotz allem zuversichtliches Bild“, bestätigt er mit Blick auf die mittelgroßen Städte. Und er fügt hinzu: „Grundsätzlich erleben wir einen Wandel in der Geschäftslandschaft. In Einkaufsstraßen siedelten sich zunehmend Handwerk, Kreativwirtschaft und Dienstleistung an.“
Die Shoppingvielfalt geht besonders im Textileinzelhandel verloren. – David Tobias, Geschäftsführer Handelsverband Sachsen
So falle der Leerstand zwar geringer aus, aber der klassische Einzelhandel verliere in Mittelzentren – wie es die Kreisstädte in der Oberlausitz sind – und Unterzentren an Fläche. Sogenannte Ankermieter, also große Filialisten, haben sich hier oft zurückgezogen, schildert Tobias. Oft entsprechen die vorhandenen, historischen Ladenflächen nicht mehr den Anforderungen der Ketten.
David Tobias beobachtet deshalb in Mittelzentren: „Die Shoppingvielfalt geht besonders im Textileinzelhandel verloren.“ Die lokale Kaufkraft gehe damit an den Onlinehandel oder das nächste Oberzentrum verloren, was den Spielraum der Geschäftsleute vor Ort einschränkt. Zudem schließen zunehmend Läden aus Altersgründen. „Diese liebgewonnenen Läden, welche viele Kunden noch aus ihrer Kindheit und Jugend kennen, verstärken den Eindruck, dass etwas fehlt“, sagt Tobias.
Wo dennoch der Innenstadthandel funktioniert und wie die Mischung ist, hier im Überblick:
Niesky: Einkaufsmeile mit viel Gastro und Dienstleistern

Quelle: SZ/Constanze Junghanß
Einen klassischen Einkaufsboulevard hat Niesky zwar nicht, aber der Bereich Horkaer Straße/Poststraße gilt als die kleine „Einkaufsmeile“, die zum Bummeln einlädt. 25 Geschäfte – Dienstleister von Nagelstudio, Friseur und Kosmetik bis Reisebüros und IT sowie gastronomische Angebote von Mokka-Bar über Sushi-Imbiss bis Fleischerei – gibt es.
Vier der Unternehmen sind Finanzdienstleister und Versicherungen, mehrere Unternehmen sind aus dem Gesundheitsbereich. Auch die Wohnungsbaugesellschaft hat hier ihren Sitz. Neu dazugekommen war in der Gastronomie im letzten Jahr auf der Poststraße die „Tele-Pizza“.
Hinter fünf der 32 Schaufensterfronten herrscht Leerstand. Zuletzt schloss Ende Oktober das Modegeschäft „Engelheym“ auf der Horkaer Straße 7. Damit gibt es auf dem Abschnitt noch drei inhabergeführte Modeläden. Auch der Bäcker Freudenberg ist zu. Stadtauswärts reihen sich nahtlos auf der Horkaer Straße ein Non-Food-Discounter, zwei Supermärkte und das Mode-Center an. Im Edeka-Markt hat die Bäckerei Fehrmann eine Filiale.
Löbau: Viele Traditionsgeschäfte, Leerstand bei unsanierten Häusern

Quelle: SZ/Anja Beutler
Wie ein Band zieht sich die Löbauer „Einkaufsmeile“ vom Theaterplatz über Innere Zittauer Straße, Nicolaistraße und Bahnhofstraße bis zum Wettiner Platz. 89 Ladenlokale gibt es hier, von denen derzeit 16 frei sind– meist in unsanierten Häusern. Dominierend ist der Leerstand insgesamt nicht. Im Gegenteil.
Allerdings zerfällt die Einkaufsmeile in zwei Hälften: Die Innere Zittauer Straße hat tatsächlich stark zu kämpfen. Auch die Mischung ist hier eine andere: Dienstleistungen, Gesundheits- und Wohlfühlangebote sowie Beratungs- und Bürgerbüros dominieren. Generell sind inhabergeführte Händler in Löbau sehr gut vertreten: von Damen- und Herrenmode über Schuhe, Spielzeug, Elektronik und schicke Wäsche bis zu Sportbekleidung, Drogerien und Erzgebirgsschnitzereien.
Filialisten gibt es insgesamt seltener, wobei einer, der jahrelang präsent war, jetzt besonders fehlt: Die Buchhandlung Thalia hat jüngst geschlossen. Löbau hat keinen Buchladen mehr. Dafür ist die Auswahl an Friseuren beachtlich. Auch Imbissangebote und Restaurants: Von Döner über deutsche Kost und ein Café bis zu mediterraner Küche ist alles vor Ort.
Hoyerswerda: bunter Mix von Fleischer, Friseur bis Fahrradladen

Quelle: Sascha Klein
In Sachen Einkaufen ist das Lausitz-Center in der Neustadt der Magnet in Hoyerswerda. In der Altstadt gibt es mit dem Marktplatz und der angrenzenden Kirchstraße jedoch auch eine nennenswerte Einkaufsstraße. Zwar gibt es hier seit rund 15 Jahren keinen großen Kundenmagneten. Vor Ort findet sich dennoch ein bunter Branchenmix: vom Stadtcafé über das Café Rosali und das Caféatelier über zwei Friseure bis zu Sachsens ältestem Fleischer Sinapius sowie einem An- und Verkauf. Auch eine Physiotherapie und ein Kosmetikstudio sind dort beheimatet.
Der Großteil der Geschäfte in der Kirchstraße und am Markt ist belegt – nur vereinzelt blicken Gäste in leere Auslagen. Konkret gibt es in vier der knapp 30 Ladeneinheiten Leerstand. Ein Schuhgeschäft schließt am Marktplatz demnächst, dafür hat in der Kirchstraße ein Kreativstübchen geöffnet. In der Kirchstraße gibt es mit dem Fließhof zudem eine Gewerbeeinheit mit Fernseh- und Internetanbietern wie Kabelmax und Pyur sowie – etwas versteckt – das Fahrradgeschäft „Little John Bikes“. Ein Traditionsgeschäft dort ist City Optik und Brillenstudio Böhm.
Zittau: Wenige Filialisten, viele inhabergeführte Läden

Quelle: Matthias Weber/photoweber.de
Wichtigste innenstädtische „Einkaufsmeile“ in Zittau bilden Frauenstraße, Rathausplatz und Markt. Hier präsentiert sich eine heterogen gestaltete Geschäftswelt mit 60 Händlern oder Dienstleistern. Nur acht Ladenlokale stehen leer – dieser Leerstand prägt aber nicht das Bild.
Auffällig: Es gibt sehr wenige Filialisten, wie ein Telekommunikationsunternehmen und einen Drogeriemarkt an der Frauenstraße. Auf dem Rathausplatz finden sich zudem die Filiale einer Buchkette, auf dem Markt Filialen eines Optikers und einer Bekleidungskette. Hinzu kommen Volksbank und Versicherungsagentur.
Der Branchenmix ist breit: mehrere Schmuck- oder Uhrengeschäfte, Friseure, Sportartikel- und Bekleidungsgeschäfte, ein großer Schuhhändler, Buchhändler und mehrere Bäckereien. Auch einen Fleischer, Geschäfte für Geschenk- und Deko-Artikel und Blumen, sowie einen Schreibwarenladen, zwei Apotheken und sogar einen Fahrradhändler gibt es. Mag es in Zittau auch etliche Döner-Imbisse geben – hier sind es nur zwei. Weitere Gastronomie besteht aus Cafés, einer Whisky-Bar und einem gutbürgerlichen Restaurant.
Bischofswerda: Große Vielfalt rund um den Marktplatz

Quelle: Steffen Unger
Der Altmarkt von Bischofswerda ist neben dem Gewerbegebiet Nord der wichtigste Einkaufsbereich der Stadt. Direkt am Marktplatz befinden sich etwa 30 Ladenlokale. Nackte Schaufenster gibt es nur drei; wenige andere dienen als Werbe- oder Infofläche. Mehrere Geschäftsräume werden nicht für den Handel genutzt, sondern als Versicherungsagentur, AOK-Filiale oder Geldautomatenstandort der Kreissparkasse. Als Dienstleister sind unter anderem zwei Optiker, ein Hörgeräte-Anbieter, eine Apotheke und ein Friseursalon am Markt ansässig.
Neben Filialisten wie Rossmann und Ernsting’s family bestimmen kleine, meist inhabergeführte Geschäfte das Bild: eine Parfümerie, der Laden einer Goldschmiede und drei Anbieter von Bekleidung. Auch zwei Bäcker und eine Fleischerei empfangen Kunden.
Einkehren kann man am Altmarkt in eine Gaststätte, ein zum Hotel „Evabrunnen“ gehörendes Restaurant, ein neu eröffnetes Eiscafé sowie vier Imbiss-Läden mit Döner-, Pizza- oder Asia-Angebot. In das lange geschlossene Restaurant im „Goldenen Engel“ samt ehemaligem Hotel soll wieder Leben einziehen: Der neue Besitzer will das Haus zu Wohnungen umbauen.
Bautzen: Lebendige Einkaufsmeile mit buntem Mix

Quelle: Archivfoto: SZ/Uwe Soeder
Die Reichenstraße in Bautzen zeigt mit ihrem Mix aus Traditionsgeschäften, inhabergeführten Läden, bekannten Filialisten sowie Gastronomie, wie Innenstadthandel funktionieren kann. Von den knapp 50 Geschäften stehen derzeit nur drei leer. Für eines davon gibt es bereits einen Nachmieter: Fielmann baut hier seine zweite Bautzener Filiale aus. Neben großen Filialisten im Bereich Optik und Hörgeräte gibt es ein inhabergeführtes Fachgeschäft.
Besonders stark vertreten ist die Modebranche. Insgesamt neun Anbieter – von hochwertigen Maßanzügen beim Herrenausstatter „von Edelmann“ bis zu Herrenmode Rauer – sind hier zu finden. Hinzu kommen internationale Mode, Kindermode sowie günstige Kleidung.
Zum Mix auf der Einkaufsmeile gehören aber auch ein Friseur, Kunsthandwerk, Schmuck und Uhren, eine Parfümerie, nordische Wohnaccessoires und Geschenkideen. Zum Bummeln laden Cafés und Restaurants ein: Die Spanne reicht von einer Ristorante & Pizzeria über ein Balkan-Restaurant und mehrere Eiscafés bis zu gemütlichen Treffpunkten wie „Evis Deko und Café“.
Weißwasser: Viele Dienstleister, wenig „echte“ Läden

Quelle: Constanze Knappe
Die Muskauer Straße in Weißwasser muss mal eine „Einkaufsmeile“ gewesen sein. Rechnet man die Läden auf der anderen Seite der Eisenbahnbrücke hinzu, befinden sich auf den 500 Metern zwischen Görlitzer und Brunnenstraße insgesamt 43 Geschäfte. Doch von florierendem Handel kann hier schon lange keine Rede mehr sein.
Mittlerweile stehen 15 Läden leer. Richtig einkaufen kann man nur noch in acht Geschäften, etwa bei den Filialisten Netto, NKD und der Bäckerei Dreißig. Nur noch das Gartencenter/Haushaltswaren Kaulfuss, Spielwaren Kiank, Jeans Domke, Uhren Lindner und das kleine Mode Paradies sind inhabergeführt.
Aus dem Textilhaus Ritter wurde ein 24/7-Fitnesscenter und aus dem Sportfachgeschäft der Sitz des kommunalen Versorgers KVL. Ansässig sind vor allem Dienstleister wie Optiker, Fahrschule, Nagelstudio, zweimal Kosmetik, Barbershop, Thaimassage, Pflegedienst, Lohnsteuerberatung und drei Versicherungen sowie Bürger- und Beratungsbüros. Gastronomische Angebote gibt es von der Bäckerei Dreißig, über das Broiler Eck, zwei China-Bistros bis zum Café Venezia.
Görlitz: Viele Filialisten und eine große Besonderheit

Quelle: Pawel Sosnowski
Die Berliner Straße in Görlitz ist eine klassische „Einkaufsmeile“ – vom Bahnhof bis zum Postplatz. Rund 60 Geschäfte gibt es direkt auf der Berliner, mit denen in der Straßburg-Passage sind es um die 80. Die Passage ist eine Besonderheit und zählt zu den treibenden Kräften im Görlitzer Einzelhandel. Hier finden sich mehr inhabergeführte Läden als anderswo.
Im unteren Teil der Berliner Straße finden sich die bekannten Filialisten, von Deichmann über Nanu-Nana bis Thalia. Sie dominieren hier das Bild. Leerstand ist in diesem Teil der Straße (noch) kein großes Thema, aber es gibt immer wieder Wechsel in den Angeboten.
Der obere Teil der Berliner Straße ist seit Längerem das Sorgenkind. Je nachdem, was man einrechnet, stehen hier mindestens ein Viertel der Handelsflächen leer. Auch der Einzug des Landratsamtes mit Kantine und Servicepunkt brachte bislang keine Wende. Kulinarisch gesehen ist die Berliner Straße gut ausgestattet: Ein Höhepunkt ist das Café Central etwa in der Mitte. Daneben gibt es mehrere Bistros und Imbisse. Es dominieren asiatische Angebote und Dönerläden.
Kamenz: Shopping-Lust am Markt, Frust in der Bautzener Straße

Quelle: @Anne Hasselbach
Rund 20 Ladenlokale prägen das Bild um das Rathaus. Mit einer Belegungsquote von rund 85 Prozent zeigt sich das Zentrum stabil. Das liegt vor allem an einem „Magneten“: Der großflächige Rossmann-Markt zieht extrem viel Kundschaft an, wovon das gesamte Umfeld profitiert. Auch die Buchhandlung von Sandra Kretzschmar und der Traditionsbäcker Garten haben hohe Frequenz.
Ergänzt wird der Mix durch Dienstleister wie Sparkasse, Apotheke, Fotostudio, Optiker und zwei Hörgeräteakustiker. Weitere Modeanbieter und ein Brautmodestudio in der ersten Etage der ehemaligen „Modeperle“ kommen dazu. Dass Hügel-Moden vom Kaufland-Park direkt neben Rossmann zieht, beweist, wie attraktiv die Innenstadt ist.
Je weiter man sich vom Rathaus entfernt, desto rauer wird die Lage. Standen in der Bautzener Straße 2016 bereits 30 Prozent der Läden leer, sind es heute über 60 Prozent. Teilweise läuft man 50 Meter an leeren Schaufenstern entlang. Die Gründe sind vielfältig: Nachwirkungen der Corona- und Energiekrise, Onlinehandel, die Parksituation. Viele Eigentümer wandeln deshalb Laden- in Wohneinheiten um.
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