Leipzig. Es riecht nach Papier in der riesigen Halle im Leipziger Norden, und wer sich umsieht, könnte meinen, in einer gigantischen Bibliothek zu stehen. Tausende Bücher lagern in endlosen Regalmetern, Mitarbeiter eilen in den Reihen umher, ziehen Exemplare aus den Fächern, scannen und sortieren. Es ist das tägliche Geschäft in den Logistik-Hallen des Online-Händlers Momox. Doch hinter der Routine steht ein Konflikt, der weit über diese Halle hinausweist.
Mit über 1300 Beschäftigten in Leipzig ist der Re-Commerce-Riese, der mit gebrauchten Gegenständen im Internet handelt, einer der wichtigsten Arbeitgeber in der sächsischen Logistikbranche. Aufsehen erregt Momox derzeit allerdings nicht mit den gebrauchten Büchern, CDs oder der Second-Hand-Mode, die hier täglich zu Zehntausenden umgeschlagen wird, sondern mit massiver Kritik.

Quelle: Andre Kempner
Erste Streiks in der Firmengeschichte von Momox
Die Vorwürfe wiegen schwer: Mitarbeiter würden unter Druck gesetzt, die Lage ausländischer Beschäftigter ausgenutzt. Verdi-Funktionär Torsten Furgol wählt drastische Worte: „Es herrscht ein Klima der Angst.“ Was ist also los bei Momox?
Für Außenstehende wurde der Konflikt im vergangenen Herbst sichtbar. Verdi rief die Beschäftigten der Momox Services GmbH in Leipzig erstmals zum Arbeitskampf auf. Die Forderung: Anerkennung der Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels. Zuletzt legten Teile der Belegschaft die Arbeit mitten im Weihnachtsgeschäft nieder.

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Es herrscht ein Klima der Angst. – Torsten Furgol, Landesfachbereichsleiter Handel bei Verdi
Die Gewerkschaft zeichnet ein düsteres Bild, das über Tarifforderungen hinausgeht. Schon seit 2021, so Verdi, sammele man Berichte der Belegschaft. Von „existentiellen Nöten“, mit dem Lohn das Leben finanzieren zu können, ist die Rede, aber auch von „Leistungsdruck durch Vorgesetzte, von respektlosem, diskriminierendem und rassistischem Umgang im Arbeitsalltag“.
60 Prozent der Mitarbeitenden sind Ausländer
Bei Momox arbeiten viele Migranten und Geflüchtete – laut Unternehmen machen sie über 65 Prozent der Belegschaft aus. Der „Sächsische Flüchtlingsrat“ warf Momox ein System vor, das die „prekäre Lage von Geflüchteten ausbeutet“.
Der Online-Händler weist die Vorwürfe entschieden zurück. Das Unternehmen hat die LVZ zu einem Besuch im Leipziger Logistikzentrum geladen. Andreas Behrendt ist hier Standortleiter und möchte etwas klarstellen: „Wir haben immer ein offenes Ohr, unsere Arbeitsbedingungen zu verbessern. Aber wir können klar sagen: Bei Momox herrscht kein Klima der Angst. Und wir stellen uns klar gegen Rassismus.”
Momox verteidigt sich
Der Standortchef verweist auf die eigene Beschwerdestelle. „Wir hatten im vergangenen Jahr keine einzige Rassismus-Beschwerde. Das spricht für sich.“ Woher die massive Kritik kommt? Für ihn unerklärlich. Zwar gebe es Mitarbeiter, die sich im Einzelfall ungerecht behandelt fühlten, doch das löse man im Gespräch. „Und wir wissen, dass es unter den verschiedenen Nationalitäten mitunter Missverständnisse gibt. Da treffen unterschiedlichste Kulturen aufeinander. Aber wir haben mit Sicherheit keinen Rassismus am Standort.“
Bei Momox herrscht kein Klima der Angst. Und wir stellen uns klar gegen Rassismus. – Andreas Behrendt, Momox-Standortleiter in Leipzig

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Und wie sieht es in der Belegschaft aus? Ein Teil, ist in Beschäftigtenkreisen zu hören, sehe es wie die Gewerkschaft – der Anteil sei aber schwer einzuschätzen: Von einer Spaltung ist die Rede.
Abdul Razak Alhamad, zweiter stellvertretender Betriebsratsvorsitzender und selbst Migrant, kennt die Stimmung am Standort. Er hält die von Verdi gezeichnete Darstellung eines großen Unmuts „für stark überzeichnet“. Zwar gebe es Herausforderungen, doch die pauschale Rede von einer „Kultur der Angst“ werde der Realität nicht gerecht. Er schließe nicht aus, dass einzelne Kollegen bisweilen Druck spürten. „In den mir bekannten Fällen handelte es sich jedoch häufig um subjektive Wahrnehmungen, die nicht zwingend mit tatsächlichem Leistungs- oder Überwachungsdruck gleichzusetzen sind.“
Im Verhältnis zur Gesamtbelegschaft bewege sich die Zahl der Beschwerden und Konflikte im „niedrigen einstelligen Prozentbereich“.
Auch den Vorwurf, Migranten würden systematisch benachteiligt, weist er zurück. „Vielmehr zeigt die hohe Zahl an Empfehlungen durch bestehende Mitarbeitende, dass viele Kolleginnen und Kollegen mit ihrer Arbeitssituation grundsätzlich zufrieden sind“, sagt Alhamad.
Dass viele ausländische Beschäftigte bei Momox und in der Logistikbranche arbeiten, ist kein Zufall. Der Einstieg ist einfach, Vorqualifikationen braucht es nicht.
Behörde stellt bei Kontrollen keine Verstöße fest
Von offizieller Seite lassen sich die Vorwürfe derzeit in einem zentralen Punkt nicht stützen. Die Landesdirektion Sachsen kontrollierte die Momox Services GmbH 2024 und 2025 zweimal im Bereich Arbeitsschutzrecht – beide Male anlassbezogen. Das Ergebnis: „Es wurden keine Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz festgestellt“, teilt die Landesdirektion auf Anfrage mit. Auch Mängel bei der Gefährdungsbeurteilung seien nicht bekannt. Derzeit seien keine Beschwerden anhängig.
Um den Konflikt zu verstehen, muss man das Geschäftsmodell kennen. Momox lebt von der Masse. Kunden erfassen ihre alten Bücher, Medien oder Kleidung, schicken sie kostenlos ein und bekommen einen Festpreis. Momox lagert die Ware in Leipzig ein und verkauft sie weiter – über eigene Shops wie medimops oder über Amazon. Und das Geschäft läuft laut Momox, 2024 wuchs der Umsatz auf 377 Millionen Euro.
Und obwohl viele Kunden längst auf Streaming setzen, wird nach Unternehmensangaben weiterhin mit gebrauchten CDs und DVDs Geld verdient. „Wir können es nicht immer nachvollziehen, aber wir sehen, dass es funktioniert“, erklärt Standortleiter Behrendt. Die Nachfrage sei da – getrieben durch Preisvorteil und Nachhaltigkeit.
Die Margen sind gering, der Gewinn entsteht durch enorme Stückzahlen. „Es ist ein massenwirksames Geschäft“, sagt er. Die Kosten dürfe man dabei nicht aus dem Blick verlieren: „Wir übernehmen beim An- und Verkauf die Versandkosten, unsere Mitarbeiter müssen den Zustand und die Merkmale der Artikel erfassen. All das kostet Geld.“ Zudem investiere das Unternehmen in die Zukunft des Standortes.

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Momox weigert sich zu verhandeln
Es ist eine mögliche Erklärung für die harte Linie, die Momox im Tarifstreit fährt. Der Online-Händler lehnt Tarifverhandlungen ab. „Wir sehen die Perspektive in unserer Unabhängigkeit und sind nicht bereit, Tarifverträge zu verhandeln.“ Behrendt betont: „Wir haben nur eine geringe Marge und müssen auch in Zukunft selbstbestimmt über unsere Mittel verfügen können.“
Dass man schlecht zahle, lässt er nicht gelten. „Mitarbeitende liegen bei uns im Logistikbereich bei 14,50 Euro die Stunde.“ Das sei deutlich über Mindestlohn.
Klar ist: Die Fronten zwischen Gewerkschaft und Momox bleiben verhärtet. Offen bleibt, wie repräsentativ die drastischen Vorwürfe und die Gegenwahrnehmung tatsächlich für die Belegschaft sind – die Meinungen gehen auseinander.
Verdi-Funktionär Torsten Furgol kündigt an, nicht lockerzulassen. Die kategorische Ablehnung von Gesprächen erinnere ihn an eine „Amazon-Kultur, die für ein demokratisches Land völlig unverständlich ist“. Seine Kampfansage: „Es wird auch in diesem Jahr Aktionen und Streiks geben.“ Ob die Belegschaft folgt, ist offen. Betriebsratsvize Alhamad sieht eine Spaltung: „Selbst im besten Fall“, sagt er, hätten „nicht mehr als etwa 7 bis 8 Prozent der Beschäftigten an den Streikmaßnahmen teilgenommen.“


