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Ladensterben auf der Berliner Straße: Nächstes Görlitzer Geschäft kündigt Schließung an

Auf der Berliner Straße in Görlitz lichten sich die Reihen: Nach dem Geschäft Anika Schuh kündigt jetzt auch das Modegeschäft Daily Milk die Schließung an. Allerdings gab es solche Situationen auch früher schon, sagt ein Görlitzer Immobilienmanager.

Lesedauer: 4 Minuten

Die Berliner Straße in Görlitz gilt als Einkaufsstraße. Doch in jüngster Zeit leeren sich die Reihen. Quelle: Paul Glaser/glaserfotografie.de

Susanne Sodan

Görlitz. Dieses Kundeninteresse hätte das Geschäft Anika Schuh auf der Berliner Straße in Görlitz wohl schon früher gebraucht. Montagmittag ist das Geschäft gut besucht, die Regale mit Schuhkartons leeren sich zunehmend: Es ist Schlussverkauf. Hintergrund der Schließung ist ein zweites Insolvenzverfahren gegen den Schuh-Filialisten. In den vergangenen Jahren wurden bereits weitere Filialen von Anika Schuh in Ostdeutschland geschlossen.

Kurz, nachdem die Nachricht die Runde machte, kam eine weitere schlechte Meldung von der Berliner Straße hinzu: Am Sonnabend gab das Geschäft Daily Milk auf seiner Facebook-Seite bekannt, ebenfalls bald zu schließen: „Manchmal reichen Energie, Leidenschaft und Hingabe nicht aus“, teilt Inhaber Jan Liebig mit. „Wenn Marken und Sortimente nicht die Aufmerksamkeit erzeugen, wenn ein Store in guter Lage nicht zu einem neuen Anlaufpunkt wird, dann ist es an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen.“

Rote Ausverkauf-Schilder stehen seit dem Wochenende auch vor dem Geschäft Daily Milk.
Rote Ausverkauf-Schilder stehen seit dem Wochenende auch vor dem Geschäft Daily Milk.
Quelle: Paul Glaser/glaserfotografie.de

Entscheidung zur Schließung fiel nicht leicht

Eine Entscheidung, die überrascht. Daily Milk bot über 20 Jahre lang in Görlitz ein Sortiment an, das sich eher an eine jüngere Zielgruppe richtete: Sneaker verschiedener Marken, Caps, Mützen, Jeans, Hoodies, Sonnenbrillen. Das Sortiment reicht bis hin zu Skatboards und E-Rollern. Daily Milk ist außerdem Kooperationspartner des Basketball-Vereins Görlitzer BC Squirrels.

Erst vor wenigen Monaten war das Geschäft an einen neuen Standort gezogen, von der Straßburg-Passage auf die Berliner Straße. Bei Aktionen wie etwa der Einkaufsnacht „Lichterglanz“ war es immer dabei, zuletzt im Oktober mit Bar und Siebdruck-Aktion für die Kunden.

Manchmal reichen Energie, Leidenschaft und Hingabe nicht aus. – Jan Liebig, Inhaber des Geschäfts Daily Milk

Leicht fiel Jan Liebig der Entschluss zur Schließung offenkundig nicht. Er ist eigentlich in Berlin ansässig, 2005 eröffnete er zusammen mit einem hiesigen Geschäftspartner das Daily Milk. Vor rund sieben Jahren zog der Geschäftspartner sich zurück, Liebig übernahm den Betrieb des Geschäftes alleine, war auch mehr in Görlitz vor Ort. Dann kam die Corona-Krise. „Die hatte auf den Einzelhandel bekanntermaßen sehr schwere Auswirkungen.“ Teils habe es auch positive Wirkungen gegeben: „In der Zeit, in der wir öffnen konnten, haben wir die Unterstützung der Kundschaft deutlich gemerkt. Und später, 2022/23, konnten wir von Nachholeffekten profitieren.“

Schließungen in Innenstadt mehren sich

Doch diese hielten nicht lange an. Kriege, Krisen, Inflation, Unsicherheiten – „es fand keine Normalisierung mehr statt.“ An der Lage konnte auch der Umzug auf die Berliner Straße vorigen Sommer nichts Grundsätzliches ändern. „Vielleicht habe ich manches auch unterschätzt, wie die Einkommens- und Altersstruktur in der Bevölkerung. Vielleicht ist unsere Zielgruppe in Görlitz zu klein.“ Auf der anderen Seite sei es für kleine Händler in eher kleinen Städten mit extrem hohem Aufwand verbunden, Produkte bekannter Marken zu beschaffen. „Es kam einfach viel zusammen.“

Mit großem Bedauern verabschiedeten sich zum Jahresende Marie-Luise Ramonat und Steffen Ramonat vom Händler-Dasein.
Mit großem Bedauern verabschiedeten sich zum Jahresende Marie-Luise Ramonat und Steffen Ramonat vom Händler-Dasein.
Quelle: Paul Glaser/glaserfotografie.de

Sicherlich auch aus anderen Gründen mehrten sich in jüngster Zeit Schließungen im Innenstadtbereich. Für großes Bedauern sorgte das Ende des Elektrofachgeschäftes Ramonat auf der Luisenstraße, eines der traditionsreichsten inhabergeführten Geschäfte von Görlitz.

Auf der Berliner Straße schloss vor Weihnachten das „Markenoutlet“. Wie es mit den Geschäftsräumen weitergeht, ist offen – noch sind hinter der Tür Kleiderständer mit letzten Waren zu sehen. Im November ging die Görlitzer Filiale des Textildiscounters Pepco am Demianiplatz im Stadtzentrum in den Ausverkauf, Grund war die finanzielle Schieflage der Pepco Germany GmbH. Mitte Januar schloss die Görlitzer Filiale der Modekette „Only“ auf der Berliner Straße. Allerdings sollen hier nicht wirtschaftliche Aspekte der Grund sein, sondern der Mietvertrag für „Only“ war nach sechs Jahren ausgelaufen. Bei den Verhandlungen eines neuen Mietvertrages kamen Vermieter und Mieter nicht überein.

Geschlossenes Modegeschäft „Only“. Die gute Nachricht: Hier soll bald ein Nachfolger einziehen. Es sieht im Inneren tatsächlich nach ersten Umbauarbeiten aus.
Geschlossenes Modegeschäft „Only“. Die gute Nachricht: Hier soll bald ein Nachfolger einziehen. Es sieht im Inneren tatsächlich nach ersten Umbauarbeiten aus.
Quelle: Paul Glaser/glaserfotografie.de

Wie ein Sprecher der Only Stores Germany GmbH gegenüber der SZ mitteilte, gehe man im Guten. „Görlitz und seine Kundschaft werden uns in sehr guter Erinnerung bleiben.“ Andersherum hatte der Vermieter der Geschäftsräume in der Berliner Straße 3 erklärt, dass es keinen Leerstand geben werde, sondern ein Nachmieter bereits gefunden sei.

Immobilienmanager: Bedingungen für Handel in Görlitz nicht schlecht

Nichtsdestotrotz machen die Schließungsmeldungen vielen Sorgen. „Hier macht bald alles zu“ und Görlitz sterbe langsam aus, heißt es etwa in den Facebook-Kommentarspalten.

So pessimistisch sieht Tobias Heid die Lage nicht. Er kennt die Berliner Straße seit vielen Jahren: Zusammen mit seinem Bruder Thomas Heid und der Heid Immobilienmanagement GmbH verwaltet er die Straßburg-Passage, die Jakobstraße und Berliner Straße verbindet. Die Häufung der Schließungsmeldungen von der Berliner Straße und dem Umfeld in kurzer Zeit wirken zwar verunsichernd, „aber wenn wir auf die vergangenen zehn bis 15 Jahre zurückblicken, hatten wir ähnliche Situationen bereits manchmal“, sagt Tobias Heid.

Die Berliner Straße ist die in Görlitz bekannteste Einkaufsstraße, Wandel sei erst mal nicht ungewöhnlich. Auf langen Zeitraum betrachtet, habe sich die Lage eher ins Positive statt ins Negative gewandelt, zum Beispiel mit der Erweiterung des Landratsamtes an der oberen Berliner Straße. Sie mündet beim Bahnhof, dem „Eingangstor“ zu Görlitz, das über viele Jahre aber von Leerstand und zunehmendem Verfall geprägt war. „Das Bild dort zu verbessern, damit ist schon einiges getan.“

Die andere Seite: Nicht nur in Görlitz ist der Innenstadthandel in einer schwierigen Lage. Nicht nur, aber vor allem die Konkurrenz des Online-Handels verlangt neue Konzepte. „Das ist deutschland- und europaweit so“, schildert Tobias Heid. Er wünscht sich, „etwas mehr Mut“, um auf die Entwicklungen zu reagieren, auch seitens der Stadt. Die Gestaltung der Berliner Straße kann sich Heid zum Beispiel noch deutlich gemütlicher vorstellen: mehr Grün, mehr Verweilplätze. „Zum Beispiel am Postplatz unterhalb der Berliner Straße hat man das gut hinbekommen.“

Die Rahmenbedingungen für den Handel halte er in Görlitz nicht für schlecht. „Es gab Prognosen zu einer negativen Bevölkerungsentwicklung in Görlitz, die so nicht eintraten.“ Von Ansiedlungen wie dem Deutschen Zentrum für Astrophysik erhofft er sich Zuzug – und damit auch potenzielle Kunden für den Görlitzer Handel.

SZ

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