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Nachhaltig auf der Erfolgsspur

Die Chemnitzer Railbeton GmbH hat den barrierefreien Ausbau von Haltestellen vorangetrieben.

Lesedauer: 3 Minuten

Eine Frau steht auf einem Betriebsgelände.
Annegret Haas kennt die Betriebsabläufe bei Railbeton schon seit frühester Jugend. Das Familienunternehmen hat sich auch in schwierigem Fahrwasser behauptet. Foto: Railbeton

Von Ulrich Milde

Chemnitz. Es waren prägende Erinnerungen. Wenn ihr Vater Roland sonntags einen Rundgang über das Werkgelände machte, um die Arbeit zu überprüfen, „war ich meistens mit dabei“. Und in den Ferien „habe ich als junge Schülerin in der Kantine mitgeholfen und das Essen mit ausgegeben“. Insofern „war mein Berufsweg schon ein Stück vorgezeichnet“, sagt Annegret Haas. Sie ist Gesellschafterin und Geschäftsführerin der Railbeton Haas GmbH in Chemnitz. Das heutige Familienunternehmen hat eine für die ehemalige DDR typische wechselhafte Geschichte aufzuweisen. 1937 gründete die Baumeisterfamilie Leonhardt in Chemnitz eine Firma, die Stahlbetonbrücken für den Bau von Autobahnen herstellte. 1953 wurde in Chemnitz ein Betonwerk errichtet, sieben Jahre später stieg zwangsweise der Staat ein. 1965 trat Bauingenieur Roland Haas ein und übernahm die Produktionsleitung. 1972 folgte die Enteignung. Nach der Wende wurde Haas Betriebsdirektor, organisierte die Privatisierung und erwarb Anteile. 2008 wurden er und seine Tochter Annegret alleinige Gesellschafter. Vater und Tochter führten den Betrieb in die Erfolgsspur. „Wir sind solide und nachhaltig dabei“, sagt Annegret Haas, die in Weimar Bauingenieurwesen studierte und 1991 in die Firma eintrat.

Deutschlandweit im Einsatz

Sie hat sich auf die Planung und Fertigung von Betonbauteilen für den Industrie- und Verkehrsbau spezialisiert. Dabei haben sich die Chemnitzer zum führenden Systemlieferanten für die Deutsche Bahn (DB) entwickelt. „Wir sind das einzige Betonwerk in Deutschland, welches seit 28 Jahren ohne Unterbrechung die höchste Qualitätseinstufung der DB erzielt“, berichtet die Mutter von zwei Kindern von einer bemerkenswerten Position. So ist der Betrieb bei nahezu allen großen Bauvorhaben der Bahn dabei weit über Sachsen hinaus. Auch kommunale Verkehrsbetriebe, darunter Stuttgart und München, werden mit Betonprodukten beliefert. Diese reichen von Gleistragplatten über Bahnsteigkonstruktionen bis hin zu Bodenplatten für Kabelschächte. Die Leipziger Verkehrsbetriebe etwa haben Blindenleitplatten bekommen. Zu den Auftraggebern gehören ferner Industrieunternehmen mit Gleisanschluss und Häfen. „Wir sind deutschlandweit unterwegs“, berichtet Haas, „von Sylt bis zur Zugspitze.“ Gut 3000 Standardartikel enthält der Katalog, im eigenen Prüflabor werden 60 Rezepturen für Betonsorten permanent überprüft.“ Zudem „haben wir in Deutschland den barrierefreien Ausbau von Haltestellen mit unseren Produkten mit vorangetrieben“, sagt die Geschäftsführerin. Auch beim Beton gebe es Innovationen. „Wir haben zahlreiche Neuentwicklungen und eine hohe Fertigungstiefe.“ Haas führt ihr Unternehmen konsequent, aber teamorientiert. „Ich versuche, Verantwortung zu delegieren und lasse mich von meinen Mitarbeitern beraten.“ Logischerweise habe sie so einiges anders gemacht als ihr Vater, „der mein großes Vorbild ist“. Der auch jetzt, im Ruhestand, noch gelegentlich als Besucher im Werk ist. Herausgekommen ist ein Betrieb, der jährlich 33 000 Kubikmeter Beton herstellt. Die 130 Beschäftigten erwirtschaften einen Jahresumsatz von rund 25 Millionen Euro, wobei schwarze Zahlen geschrieben werden. Dem harten Konkurrenzkampf „begegnen wir mit Innovationen, Zuverlässigkeit und der Einhaltung hoher Qualitätsstandards“. In den vergangenen 25 Jahren wurden 32 Millionen Euro investiert.

Neue Halle als Zeichen der Expansion

Jetzt kommt eine weitere Maßnahme hinzu. Für 9,6 Millionen Euro soll eine 1600 Quadratmeter große Halle mit einer Umlaufanlage zur Serien- und Einzelfertigung von Gleisbaukonstruktionen hochgezogen werden. Die Zeichen stehen also auf Expansion. Dazu erhielt das Werk einen Zuschuss von 1,92 Millionen Euro aus dem Bund-Länder-Programm „Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur“. Vor der Lebensleistung und Beharrlichkeit der Eigentümerfamilie Haas „habe ich Hochachtung“, so Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter bei der Übergabe des Förderbescheids. „Das stärkt die industrielle Basis unserer Stadt“, freut sich der Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze. Es ergäben sich Chancen einer moderaten Kapazitätsausweitung, begründet die Firmenchefin das Vorhaben. Den Löwenanteil der Investition bezahlt sie, ganz die vorsichtige Kauffrau, aus Eigenmitteln. „Wir geben nur aus, was wir verdient haben.“ Einerseits sei angesichts deren angespannter Finanzlage „bei den Kommunen eine gewisse Zurückhaltung zu spüren“. Andererseits will die Bundesregierung die Bahn auf Vordermann bringen. Von den dafür erforderlichen Milliarden dürften die Chemnitzer profitieren. „Ich bin grundsätzlich eine Optimistin.“ Haas, die gerne schwimmt und im Garten arbeitet, hat die umweltpolitischen Zeichen der Zeit erkannt. „Wir arbeiten unablässig daran, unsere Prozesse in der Herstellung zu optimieren und unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern.“ So werden etwa ausgewaschene Gesteinskörnungen dem Stoffkreislauf wieder zugeführt, das bei der Reinigung von Formen und Anlagen anfallende Abwasser wird ebenso wie Brauchwasser aus der eigenen Zisterne wieder für die Herstellung von Beton genutzt. Nahezu der komplette Staplerfuhrpark ist elektrifiziert, der Strom kommt aus der Photovoltaikanlage.

Als „größte Herausforderung“ bezeichnet die gebürtige Chemnitzerin die Fachkräftesicherung. Railbeton bildet aus, stellt Praktikumsplätze zur Verfügung, arbeitet mit Schulen zusammen, um das Arbeiten in einem Betonwerk populär zu machen. Die Zukunft des Betriebes dürfte dabei zumindest in der Führung gesichert sein. Sohn Leopold (34), der in einem Ingenieurbüro arbeitet, wurden bereits Gesellschafteranteile übertragen. Als typische Familienunternehmerin engagiert Haas sich auch in ihrer Stadt. Sie unterstützt Vereine, die Bürgerstiftung, den Wirtschaftsbeirat und ist Vorstandsmitglied der Freunde der Kunstsammlungen Chemnitz. Und als vor neun Jahren die damalige Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig in einem kleinen Kreis ihre ersten Pläne für die Kulturhauptstadt Chemnitz vorstellte, saß Haas mit in der Runde. Für ihr Engagement erhielt sie in diesem Jahr die Sächsische Verfassungsmedaille. „Darauf bin ich schon ein wenig stolz.“

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