Von Ulrich Milde
Delitzsch. Eine Hiobsbotschaft jagt in der deutschen Chemiebranche die nächste. Evonik schließt seinen Standort in Bitterfeld, 40 Arbeitsplätze fallen weg. Domo in Leuna (600 Jobs) ist zahlungsunfähig. Der weltweit größte Chemiekonzern BASF reduziert die Beschäftigung am Stammwerk in Ludwigshafen massiv. Allein 7000 Stellen wurden global seit 2024 gestrichen. Gleichzeitig investiert das Unternehmen zehn Milliarden Euro in eine neue Megafabrik im südchinesischen Zhanjiang.
Peter Seeberger ist über diese Entwicklung besorgt, liegen ihm doch Wohl und Wehe der Chemiebranche am Herzen. Doch der Professor belässt es nicht bei dabei, sondern arbeitet aktiv an einer Gegenstrategie. Der 60-Jährige ist Gründungsdirektor des „Center for the Transformation of Chemistry“ (CTC). Dieses im nordsächsischen Delitzsch ansässige Großforschungszentrum, das mit 1,2 Milliarden Euro aus den Kohlegeldern finanziert wird, ist das erste, das sich der Kreislaufwirtschaft in der Chemie widmet. Seine Mission ist es, die Transformation der Branche voranzutreiben – für eine nachhaltigere Zukunft. Das CTC soll bis 2038 auf bis zu 1000 Mitarbeitende wachsen, davon 700 in Delitzsch und 300 in Merseburg.
Der Wandel kommt auf jeden Fall
Gegenwärtig sind 70 Angestellte an Bord. Seeberger: „Wir wachsen sehr schnell.“ Der gebürtige Nürnberger, der als einer der führenden Chemiewissenschaftler weltweit gilt und als Direktor das Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam leitet, glaubt nicht, dass die Arbeit des CTC überflüssig ist, da alle Messen der Jobverlagerung ins günstigere asiatische Ausland schon gesungen seien. „Wir kommen nicht zu spät.“ Es sei absolut wichtig, die Chemie- und die Pharmaindustrie in der Bundesrepublik zu behalten. Durch den Ukraine-Krieg und die dadurch stark gestiegenen Energiepreise sei der Druck allerdings größer geworden. Sein Ausweg: „Wir müssen eine neuartige Chemie praktizieren.“ Die Frage sei nicht, ob die Umwandlung der Chemie komme oder nicht, sondern „wo sie zuerst entsteht“. Wenn das von Sachsen aus initiiert werde, „haben wir eine Chance, auch in Zukunft Innovationen, Chemie- und Pharmaproduktion in Deutschland zu behalten“.
Kreislaufwirtschaft und Recycling
Das CTC konzentriert sich dabei auf zwei Schwerpunkte. Der eine ist das autonome Labor. Heute wird in der Chemie in der Forschung viel mit der Hand gearbeitet. Das machen oft top ausgebildete und somit teure Beschäftigte. Mit der Folge, dass der Druck zur Verlagerung in Regionen, wo billiger produziert wird, sehr groß ist. Seeberger plant nichts Geringeres als die Revolution dieser Methode. Durch den Einsatz von Automatisierung, kontinuierlichen Synthesetechnologien und künstlicher Intelligenz soll das autonome Labor ein vollständig digitalisiertes, intelligentes System darstellen, das selbstständig chemische Experimente planen, durchführen und optimieren kann. „Das autonome Labor ist wichtig, damit Deutschland wettbewerbsfähig sein kann“, meint der Wissenschaftler.
Im zweiten Schwerpunkt geht es um das recycelbare Auto. In den Fahrzeugen ist viel Chemie enthalten. Es kommt also darauf an, Materialien und Verfahren zu entwickeln, die wiederverwertbar sind. Kurzum: Es soll eine Kreislaufwirtschaft geschaffen werden, die auf Recycling und nachwachsenden Rohstoffen basiert. Noch setzt die Chemie-Industrie typischerweise auf fossile Rohstoffe. „Wenn wir es schaffen, das Auto wiederzuverwerten, dann schaffen wir es, die Chemie zu transformieren.“ Alleine werde das dem CTC nicht gelingen, räumt Seeberger ein. „Aber wir sind in einer Vorreiterrolle, eine Art Katalysator.“
Noch ist das CTC in Delitzsch eine Art Provisorium.
Die Bauarbeiten auf dem Gelände der früheren Zuckerfabrik haben noch nicht begonnen, die Verwaltung ist im Landratsamt untergebracht. Deshalb hat Seeberger in der Leipziger Bio-City übergangsweise Räume angemietet. „Das erste Stockwerk ist fertig, es werden insgesamt drei sein.“ Und es gibt bereits Erfolge. So hat Manuel Häußler in seiner Zeit im Zentrum eine Firma gegründet, die mittlerweile 25 Arbeitsplätze hat. Private Geldgeber haben neun Millionen Euro in die Leipziger Aevoloop GmbH gesteckt. Das Start-up entwickelt abbaubares Plastik. „Das ist nur der Anfang, da wird noch viel mehr kommen“, freut sich der CTC-Chef, der als Gigant der chemischen Grundlagenforschung gilt.
Historische Stärke nutzen
Er zeigte sich davon überzeugt, dass es mittelfristig viele Ausgründungen aus dem Zentrum geben werde. Zudem rechnet er mit Ansiedlungen von Betrieben, die von den Forschungsergebnissen profitieren wollen. Ziel sei, im gesamten mitteldeutschen Revier „möglichst viele mit der Chemie zusammenhängende Arbeitsplätze zu schaffen“. Die Voraussetzungen seien angesichts der zahlreichen Chemieparks und der Tradition in der Region mit heute 40.000 Chemiejobs gut. Dabei gehe es um Menschen in allen Qualifizierungsebenen, nicht nur um Chemiker, Ingenieur- oder Datenwissenschaftler. „Wir müssen diese historische Stärke nutzen, um stark in der neuen Chemie zu werden.“ Die werde anders aussehen als heute, da etwa die Ausgangsstoffe nicht mehr aus Öl und Gas und Braunkohle kämen, sondern aus nachwachsenden Rohstoffen wie Holz. Da die Chemie in der industriellen Wertschöpfungskette einen frühen Rang einnehme, „heißt das, dass wir eine Riesenchance haben“.


