Jonsdorf. Mit über 50 Jahren noch einmal etwas komplett Neues wagen. Das haben sich Silke Jentsch (54) und ihr Lebensgefährte André Claußen (52) in Jonsdorf vorgenommen. Vor rund einem Jahr übernahmen sie die Pension Immergrün in einem fast 300 Jahre alten Umgebindehaus an der Großschönauer Straße in Jonsdorf.
Seitdem haben sie begonnen, dem Haus auch innen sein historisches Gesicht wiederzugeben. Die beiden wollen ihren Urlaubsgästen genau das Gefühl schenken, das sie sich selbst für ihr eigenes Leben in dem Haus wünschen: Erholung in Ursprünglichkeit.
Keine Lust mehr auf Berlin
Ihr Plan ist das Resultat einer Blitzverliebtheit in das Zittauer Gebirge. Bis vor einem Jahr hatten sie ihre neue Heimat nie zuvor gesehen. Aber eines wussten sie: „Wir haben Berlin so satt“, sagt André Claußen. Er empfindet die Stadt heute als zu „laut, schmutzig und nicht mehr lebenswert“.
Er stammt aus Hamburg. Im Ursprung arbeitete er dort in der IT-Branche, sattelte dann aber im Wortsinne um und wurde Vorstand eines Unternehmens, das Lastenfahrräder für gewerbliche Nutzer baut. Später ging er nach Berlin und heuerte bei einem Verkauf für Lastenräder an. Dort kam er auch mit Silke Jentsch zusammen. Die beiden kennen sich aber seit Jahrzehnten.
„Da saßen wir nun und haben überlegt: Was tun mit dem letzten Lebensdrittel?“, erzählt Claußen. Die Idee mit einer kleinen Pension, irgendwo, wo’s schön ist, war schnell geboren. Aber wo ist es schön? Heute wissen die beiden es.
Beide wandern gerne und fahren gerne Rad. Also machten sie sich auf. Im Erzgebirge schauten sie sich nach einem geeigneten Objekt um. „Wir waren auch im Harz in einem Ort namens Sorge. Und der Nachbarort heißt Elend. Nee danke, das war irgendwie Programm“, sagt Claußen lachend.
Wir waren sofort geflasht, wie schön das hier ist. – André Claußen, über seine Entdeckung des Zittauer Gebirges
Und dann führte ihr Weg sie eines Tages erstmals in ihrem Leben nach Zittau – auch nicht Liebe auf den ersten Blick. „Wir sind dann mit dem Rad rauf nach Oybin gefahren“, erzählt er. Am Bahnhof zu Füßen des Bergs wähnten sie sich plötzlich als Figuren auf einer Modelleisenbahn, so idyllisch war es. „Wir waren sofort geflasht, wie schön das hier ist“, sagt Claußen.

Quelle: Markus van Appeldorn
Kurz später fanden sie die Pension Immergrün in Jonsdorf – schon seit Jahren als Pension betrieben und bei laufendem Betrieb zu übernehmen. „Das Haus ist ideal. Groß genug, dass man vom Betrieb leben kann, aber nicht so groß, dass man fünf Angestellte bräuchte“, sagt er.
Ursprünglichkeit wieder herstellen
Die neun Zimmer waren in den 90er-Jahren renoviert worden. Aber die beiden wollten mehr Originalität. Nicht nur die Fassade, sondern auch das Innere sollte historisch aussehen. Als Erstes kam die Frühstücksstube dran. Alte Balken wurden freigelegt. „Auch einen früher mal vorhandenen Kachelofen haben wir dort neu bauen lassen“, sagt Claußen.
Das Haus hat angefangen, mit uns zu sprechen., Silke Jentsch zur Renovierung
„Es geht uns um die Bauart Umgebindehaus als touristische Attraktion. Wir hatten schon Gäste, die hier nur gebucht haben, weil sie unbedingt mal in so einem Haus wohnen wollten“, erzählt er. Silke Jentsch bringt als gelernte Modedesignerin einen kreativen Kopf mit. „Als wir mit der Renovierung angefangen haben, war das eine Zeitreise. Das Haus hat angefangen, mit uns zu sprechen“, erzählt sie. Jeden Tag entdecken sie neue historische Details des Hauses. „Es macht uns glücklich, das Haus auszupacken. Wir sind schon stolz“, sagt Silke Jentsch.

Quelle: Markus van Appeldorn
Als sie sich an den Umbau der ersten Gästezimmer machten, hieß es: Rigips-Wände und 90er-Jahre raus, Balken freilegen, natürlich atmender Lehmputz und Holzböden rein. Ein bisschen leben wie 1777.
Zu wörtlich darf man das nicht nehmen, natürlich gibt es Strom und fließendes warmes und kaltes Wasser. Die beiden wollen ihre Gäste schließlich verwöhnen, nicht kasteien. Es flossen andere urige Ideen ein: Aus einer historischen Holzwerkbank mit Schraubstock machte Claußen in einer der Ferienwohnungen eine Küchenzeile mit Anrichte, ultraflachem Induktionskochfeld und Spülbecken.
Die Liebe des Sachsenkönigs zu den besonderen Kirschen
Das bisherige Ergebnis präsentierten sie neulich schon mit ihrer Teilnahme beim Umgebindehaustag. „Wir hatten mindestens 50 Besucher, darunter viele Nachbarn. Denen hat’s gefallen“, sagt er. Jedes Jahr werden weitere Zimmer historisch hergerichtet. In Gewölberäumen im Erdgeschoss wollen sich die beiden ihre eigene Wohnung einrichten.
Wie der Name Immergrün sagt, soll‘s wieder ein Sommerfrische-Haus werden – wie es schon einmal war. André Claußen hat in einem Heimatbuch zu dem Haus recherchiert. „Es soll hier einst einen Gartenbaumeister gegeben haben, dem es gelungen ist, einen besonderen Kirschbaum zu züchten, der erst im Oktober abgeerntet werden musste“, erzählt er.
An dem Gewächs fand offenbar der König von Sachsen Gefallen und zahlte viel Geld dafür. „Wahrscheinlich von diesem Erlös hat sich der Gartenbaumeister damals dieses Haus bauen lassen“, so Claußen. Jedenfalls stehen in dem 2000 Quadratmeter großen Garten noch zwei Kirschbäume – allerdings ganz normale. Letztlich belegt ist die Geschichte nicht. Wahr ist aber, dass diverse Sachsenkönige immer wieder zu Gast in Jonsdorf waren. Gedenktafeln in den Felswänden der Bergbaude am Nonnenfelsen erinnern daran. „Angeblich hat der König immer in der Gondelfahrt logiert, die Dienerschaft im Lindengarten nebenan und die Kutscher hier im Haus Immergrün“, erzählt Claußen.
Mehr Westdeutsche für die Schönheit der Region gewinnen
Die Feriengäste kommen bisher überwiegend aus Sachsen. Claußen will auch mehr und mehr Gäste aus westdeutschen Bundesländern gewinnen. „Viele Menschen im Westen haben ja gar keine Ahnung vom Osten. Die verbinden den Osten oft mit verlassenen Dörfern in Brandenburg“, sagt er – die Schönheit des Zittauer Gebirges sei vielen unbekannt – wie lange ja auch ihm.
Als eine Hauptzielgruppe sehen die beiden Radler und Wanderer, sind auch schon beim ADFC gelistet. „Wir wollen dann auch Leihfahrräder anbieten, ebenso Kletterausrüstungen“, sagt Claußen, und: „Wenn ich mich hier erst ein bisschen besser auskenne, kann ich mir auch geführte Motorradtouren vorstellen“ – er ist passionierter Motorradfahrer.
Wie immer es kommt, ihr Antrieb gibt den beiden Kraft. „Wir haben Lust, etwas Gemeinsames aufzubauen. Wir sind so dankbar, hier leben zu dürfen“, sagt Silke Jentsch.
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