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Riesas größter Arbeitgeber: „Wir führen das Stahlwerk nach Wetterbericht“

Kurz vorm Jahresende hat Uwe Reinicke, Leiter des Stahlwerks in Riesa, einen Einblick in die Lage bei Feralpi gegeben – und erklärt, warum das Unternehmen beim Stellenzuwachs bremst.

Lesedauer: 3 Minuten

Werksdirektor Uwe Reinecke berichtete jetzt im Riesaer Stadtrat über die Situation bei Feralpi in Riesa. Das Foto zeigt den 60-Jährigen Anfang dieses Jahres in den Produktionshallen des Stahlunternehmens im Riesaer Stadtteil Gröba. Quelle: ronaldbonss.com

Eric Weser

Riesa. Werksdirektor Uwe Reinecke hat im letzten Riesaer Stadtrat kurz vor Weihnachten Einblicke in die derzeitige Lage bei Feralpi gegeben. Die ist beim Betrieb zwar besser als bei manch anderem Unternehmen in der Stahlbranche. Doch auch der Baustahl-Produzent sei von der schwierigen konjunkturellen Lage im Bausektor erfasst worden.

Trotz allem sei man eines der wenigen Stahlwerke in Deutschland, das in vergangenen drei Krisenjahren voll ausgelastet gewesen sei. Die Vollbeschäftigung zu sichern, sei gelungen, indem vom schwächelnden deutschen Markt auf andere ausgewichen worden sei. Riesa liege ideal, um nach Osteuropa zu gehen. Durch das Beliefern von Bauprojekten in Polen, Tschechien oder der Slowakei hätten hierzulande verlorene Abnahmemengen kompensiert werden können. Auch ins Jahr 2026 gehe man mit einem „guten Auftragsbestand“, so der Ausblick Reineckes auf die nächsten Monate.

Wir bauen Stellen dort auf, wo produktiv gearbeitet wird.

Uwe Reinecke

General Manager von Feralpi Stahl

Derzeit komme das Riesaer Werk, das dieses Jahr mit der Einweihung eines neuen Spooler-Walzwerks überregional Schlagzeilen gemacht hatte, auf 880 Mitarbeiter. 50 davon seien Azubis. Den Stellenaufbau bremse Feralpi allerdings ein, so Uwe Reinecke. Zuwachs gebe es „dort, wo produktiv gearbeitet wird“. Im technischen und kaufmännischen Overhead, also der Verwaltung, werde genau geschaut, welche Stellen auch wirklich besetzt werden müssen. Er gehe aber davon aus, dass der Betrieb absehbar die 900-Mitarbeiter-Marke erreichen und perspektivisch bis zu 930 Beschäftigte zählen werde, so der General Manager von Feralpi Stahl.

Herausfordernd für das Elektrostahlwerk seien weiter die Energiepreise. Man betreibe ein kurzfristiges Geschäft („Wir schmelzen morgens, walzen nachmittags und verarbeiten am nächsten Tag, dann liegt die Ware schon im Waggon oder Lkw.“). Daher nehme man „alle Schwankungen im Energiebereich mit.“ Das beinhalte auch Momente, in denen durch viel Wind und Sonne der Strompreis bei null oder darunter liege.

Hoffnung auf politischen Pragmatismus

Es gebe aber auch Dunkelflauten, in denen für eine Megawattstunde mehr als 300 Euro fällig werden und in denen die Produktion deshalb schon abgestellt werden musste. Er hoffe zwar, dass dem Betrieb das in diesem Winter erspart bleibe. „Aber gut, wir führen das Stahlwerk nach Wetterbericht, so weit ist es leider gekommen“, so Reinecke.

Er hoffe daher, dass die jetzige Bundesregierung die Transformation im Energiesektor strukturierter und pragmatischer angehe, damit die Industrie folgen könne und Standorte sowie Arbeitsplätze erhalten bleiben können, sagte der 60-Jährige.

Vier klare Forderungen

Vor den Stadträten nannte der Stahlwerks-Chef insgesamt vier politische Forderungen: Einen Strompreis von fünf Cent brutto je Kilowattstunde. Mit welchen Instrumenten das erreicht werde, sei ihm gleich, so Reinecke. Wichtig sei das Ergebnis.

Daneben brauche es Schutz gegen unfairen Außenhandel. Denn bereits jetzt gebe es Meldungen, dass etwa in Indien oder China billiger und nicht „grün“ hergestellter Stahl in den hiesigen Markt komme.

Als dritte Forderung nannte der Werksdirektor die Zuteilung von CO₂-Zertifikaten, „damit wir auch wirklich weiterhin auch in der Lage sind, unsere Dekarbonisierungsinvestitionen umzusetzen und die CO₂-arme Stahlproduktion auch eben zu gewährleisten.“ In puncto CO₂-Einsparungen sei das Riesaer Werk, das auf Schrott als Rohstoff setzt, aber schon jetzt ordentlich unterwegs, skizzierte Reinecke.

Wenig Optimismus beim Thema Wasserstoff

Eine weitere Forderung Reineckes: Die Förderung eines Nachfragemarkts für „grün” produzierten Stahl. An der Stelle sei er optimistisch: Es gebe bereits öffentliche Projekte in diese Richtung. Reinecke zeigt sich außerdem zuversichtlich, dass die Bauwirtschaft mithilfe von Programmen der öffentlichen Hand aus ihrer Konjunkturschwäche herausfindet.

Weniger optimistisch sei er mit Blick aufs Thema Wasserstoff, insbesondere „grünen“ Wasserstoff. Zwar setze sich Feralpi mit anderen Unternehmen der Region für den Ausbau der zugehörigen Infrastruktur ein. Doch auch bei Wasserstoff brauche es einen wettbewerbsfähigen Preis auf dem Niveau von Erdgas, für das Reinecke ebenfalls eine Rückkehr zum Preisniveau vorm Ukraine-Krieg forderte.

Mehrere Windkraftanlagen als Ziel

Das Thema Energieerzeugung werde Feralpi weiter umtreiben, so der Werksdirektor. So wolle man mit Partnern perspektivisch drei bis vier Windkraftanlagen in der Region oder nötigenfalls auch anderswo errichten, um die Stromversorgung zu sichern. Reinecke forderte in diesem Zusammenhang auch schnellere Genehmigungsverfahren. Gehe es in dem „Schneckentempo“ wie derzeit voran, „werden wir wahrscheinlich auch 2026 noch Krise haben.“

Auch mit Blick auf Infrastrukturvorhaben in der Region um Riesa wie die B98-Ortsumgehungen forderte Reinecke mehr Tempo. Den Wegfall vieler ICE-Halte in Riesa nannte er einen „entscheidenden Nachteil“. Man brauche gute Straßen- und Schienenanbindungen. Feralpi würde laut Reinecke gern mehr Lieferverkehr über die Schiene abwickeln, man scheitere aber „an der Performance der Bahn“, was Verfügbarkeit von Strecken, Waggons und Personal angehe.

Engagiert bleiben wolle Feralpi als Sponsor in den Bereichen Sport, Bildung und Soziales. – Neben der Rolle als großer Arbeitgeber und Sponsor, gehört der Betrieb in Gröba zu den großen Riesaer Gewerbesteuerzahlern.

SZ

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