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Straßendreck, fehlende Radwege und zunehmender Verkehr – kritische Fragen an Dresdens ESMC-Chef

Der Chef der neuen Dresdner Chipfabrik ESMC muss bei seiner Bürgersprechstunde in Dresden kritische Fragen beantworten. Was er zusagt und was nicht.

Lesedauer: 3 Minuten

Dresdens größte Baustelle: Die Mikrochipfabrik ESMC nahe dem Flughafen wächst. Rechts ist das Parkhaus zu sehen, dahinter ein Bürogebäude, für das am 4. Dezember Richtfest war. Das Foto wurde von ESMC bearbeitet zur Verfügung gestellt. Quelle: ESMC

Georg Moeritz

Dresden. Die erste Zwischenfrage kommt nach einer Viertelstunde, aus der ersten Reihe. Bis dahin hat Christian Koitzsch, Geschäftsführer der künftigen Dresdner Mikrochipfabrik ESMC, den Besuchern im Baucontainer vom Fortschritt seit dem ersten Spatenstich im August 2024 berichtet. Im kommenden Jahr sollen die ersten Produktionsanlagen in den Reinraum gestellt werden.

Doch nun meldet sich ein höflicher Rentner aus Dresden-Rähnitz. Er ist einer von etwa 40 Teilnehmern der ESMC-Bürgersprechstunde. Zum dritten Mal hat das Dresdner Unternehmen European Semiconductor Manufacturing Company GmbH Bewohner der angrenzenden Orte eingeladen, im Quartalsabstand. Einige haben sich über die Internetseite angemeldet und vorab Fragen eingereicht, vorgeschrieben war es nicht. Wer mit dem Auto kam, wurde freundlich zum Parkplatz durchgewunken.

Rückhaltebecken für Wasser Richtung Volkersdorf

Der Rähnitzer meldet sich mit einer Frage zum Regenwasser, die auch schon den Stadtrat der Dresdner Nachbarstadt Radeburg beschäftigt hat. Er sorgt sich um den Nachschub für das Brunnen- und Grundwasser im Dresdner Norden und fragt, ob denn Regenwasser vom Fabrikgelände „hier in der Region gehalten wird und nicht durch Riesenröhren verschwindet“.

Da wiegt der Firmenchef den Kopf: „Die einen sagen so, die anderen so.“ Die „anderen“ sind auch im Raum, zum Beispiel Einwohner von Volkersdorf nordwestlich der Fabrik. Prompt ruft eine Frau, sie wohne dort und sehe die Sache anders. Koitzsch fasst zusammen: Bei Starkregen könnte viel Wasser von den Fabrikdächern in den Ilschengraben in Richtung Volkersdorf und Radeburg strömen. Um es zumindest zeitweise aufzuhalten, baut ESMC ein Rückhaltebecken. Koitzsch spricht von einem „Zwischenpuffer“ für 3000 Kubikmeter.

Der Physiker Christian Koitzsch leitet die künftige Mikrochipfabrik ESMC. Vorher hat er die Nachbarfabrik von Bosch mit aufgebaut.
Der Physiker Christian Koitzsch leitet die künftige Mikrochipfabrik ESMC. Vorher hat er die Nachbarfabrik von Bosch mit aufgebaut.
Quelle: SZ/Georg Moeritz

Es ist nicht die einzige Anwohnerfrage, auf die der promovierte Physiker Koitzsch sich für diesen Mittwochnachmittag vorbereitet hat. Weil bei der vorigen Sprechstunde Beschwerden über Dreck von Baumaschinen auf der Radeburger Straße kamen, ist Koitzsch nach eigenen Angaben hingefahren und hat frische Feuchtespuren der Reinigungsmaschine gesehen.

Hoffnung auf Geld für die Schwimmhalle Klotzsche

„Wir reinigen dreimal pro Woche“, sagt Koitzsch – montags, mittwochs und freitags. Die Anwohner hören es gerne, trotzdem zeigt einer auf und wünscht, dass ein größerer Bereich um die Kreuzung herum gereinigt werde. Eine Frau bittet darum, dass die Firma auch Fußwege in den Orten der Umgebung in Ordnung bringen möge. „Wir haben hier schon Flora und Fauna eingebüßt.“

Vierstöckige Baucontainer, Kräne und erste Fahrradparkplätze sind vom Besucherzentrum der Baustelle ESMC aus zu sehen.
Vierstöckige Baucontainer, Kräne und erste Fahrradparkplätze sind vom Besucherzentrum der Baustelle ESMC aus zu sehen.
Quelle: SZ/Georg Moeritz

Damit ist der Weg auch für andere Fragesteller offen, die sich nun mit Forderungen an den Firmenchef wenden: Die Chiphersteller hätten doch genügend Geld und könnten zum Beispiel Radwege oder die Schwimmhalle Klotzsche finanzieren. Ein Rähnitzer sagt: „Wir haben Lebensqualität verloren hier im Dresdner Norden.“ Die großen Unternehmen sollten nun wenigstens etwas für Sportplätze oder Vereine tun.

Koitzsch hat mit solchen Fragen gerechnet, er bekommt E-Mails mit der Bitte, etwas zu sponsern. Von sich aus erwähnt er die fünf Milliarden Euro Subventionen aus dem Bundeshaushalt, der rund die Hälfte der 10,5 Milliarden Kosten für Bau und Maschinen trägt. Die andere Hälfte kommt von den ESMC-Anteilseignern: 70 Prozent gehören dem taiwanischen Chipkonzern TSMC, je zehn Prozent den europäischen Konzernen Bosch, Infineon und NXP.

Wir können nicht die Infrastruktur-Hausaufgaben der öffentlichen Hand übernehmen. – Christian Koitzsch, Geschäftsführer von ESMC

Der Geschäftsführer sagt, die Zuschüsse seien zweckgebunden und er müsse mit dem Geld gut umgehen. „Wir haben hohe Kosten und stehen im globalen Wettbewerb“, sagt Koitzsch. Es sei nicht die Aufgabe eines Unternehmens, „die Infrastruktur-Hausaufgaben der öffentlichen Hand“ zu übernehmen. Stattdessen würden 2000 gut bezahlte Arbeitsplätze geschaffen, die auch Lohnsteuer brächten.

ESMC hat jetzt 80 Beschäftigte, es werden 2000

ESMC wolle ein guter Nachbar sein, versichert Koitzsch nicht zum ersten Mal. Das Unternehmen werde „Hellerau für ein Kulturthema ein bisschen unterstützen“ sowie die Internationale Schule, in der Kinder von ausländischen Angestellten lernen. Ob Sportvereine künftig zum Beispiel Trikots bekämen, werde vom Engagement der künftigen Mitarbeiter abhängen. In der Fabrik sollen 2000 Menschen arbeiten, doch noch ist ESMC „ein Start-up mit 80 Beschäftigten“.

Auf der Baustelle arbeiten allerdings rund 1000 Menschen, es werden bis zu 5000. Koitzsch kündigt daher an, dass bald das Parkhaus mit 800 Plätzen in Betrieb gehen wird. Ein Gast fragt, ob dieser Bau denn „strategisch richtig“ sei – der Verkehr habe schon zugenommen, und ein Parkhaus werde mehr Autos anziehen. Das Geld solle doch lieber für Radwege oder eine Verlängerung der Straßenbahnlinie 8 ausgegeben werden.

Koitzsch sagt, dass er selbst und viele Kollegen gerne mit dem Rad kommen. Zu einer der nächsten Sprechstunden würden Vertreter der Stadt mit der Radwegeplanung eingeladen. Eine Straßenbahn nahe Chipfabriken sei wegen Vibrationen und Elektromagnetismus unerwünscht. Außerdem sei offen, wo die künftigen Mitarbeiter wohnen. Der eine liebe die Dresdner Neustadt, der andere ziehe vielleicht mit Familie nach Weinböhla. Eine verlängerte Linie 8 regle nicht alles.

SZ

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