Anja Beutler
Löbau. Als „renommiertester Maschinenbauer im Osten Deutschlands“ bezeichnete ihn vor Kurzem die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Als „Stimme für den ostdeutschen Maschinenbau“ zitieren ihn Medien ohnehin. Alexander Jakschik ist gefragt und wird gefragt: Zum Beispiel, wenn Wahlen anstehen, wenn es um hohe Stimmanteile für die AfD in Sachsen und im Osten und Auswirkungen auf die Wirtschaft geht.
Kein Zweifel: Der 43-jährige Löbauer, der seit einem Jahr Vize-Präsident des größten Branchenverbandes in Deutschland, des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) ist, und gemeinsam mit seinem Bruder Stefan erfolgreich in Löbau das Familienunternehmen ULT führt, ist die ostdeutsche Wirtschaftsstimme auf höchster Ebene, die sich viele so lange gewünscht haben.
„Mut haben und machen“
Nervt ihn dieses Ost-Ding nicht manchmal? Alexander Jakschik lächelt und schüttelt den Kopf. „Die Kategorien Ost und West spielen für mich keine Rolle mehr.“ Er sagt „nicht mehr“, aber eigentlich hat er noch nie in diesem Schema gedacht: 1982 in Löbau geboren, Abitur am Geschwister-Scholl-Gymnasium, Studium an der TU Dresden: Ihn hat das vereinte Deutschland geprägt. Und das, was in seiner Kindheit Löbau wie viele andere ostdeutsche Städte beherrschte: „Abriss und Aufbau, das war eine unglaubliche Dynamik“, erinnert er sich.
Diese Dynamik ist für ihn nicht negativ besetzt, auch wenn sein Vater damals erst einmal seinen Job bei Robotron in Görlitz verlor. Für Familie Jakschik, die mit drei Kindern in einem Löbauer Viertel unweit des Löbauer Berges wohnte, wo alle Straßennamen nach Musikern benannt sind, ergab sich aus dem Ende ein neuer Anfang: 1994 gründete Vater Christian Jakschik seine eigene Firma ULT, experimentierte zunächst in der heimischen Garage. „Mut haben und machen“ − das hat Alexander Jakschik damals verinnerlicht −, führt zum Erfolg.

Quelle: Matthias Rietschel
2015 übernahmen dann Alexander Jakschik und sein sechs Jahre älterer Bruder Stefan die Geschäfte und kümmern sich mit dem Maschinenbauunternehmen, das mittlerweile eine AG ist, um „gute Luft“. Überall dort, wo Dämpfe, Feuchtigkeit, Staub, feinste Teilchen unerwünscht sind, saugen individuell angepasste ULT-Maschinen diese ab. „Lufttechnik spielt fast in alle Branchen hinein, von der Batteriezelle-Produktion über Arbeiten mit Lasern, beim Schweißen und beim Trocknen von Blaubeeren“, schildert Alexander Jakschik.
Fasziniert von Innovationen
Wenn er von all den Lösungen erzählt, leuchten die Augen des studierten Wirtschaftsingenieurs. Obwohl er im Unternehmen vorrangig für Bilanzen und Vertrieb zuständig ist, reizen auch ihn neue Produkte und vor allem neue Technologien, wie additive Fertigungen, also das, was man landläufig unter 3D-Druck versteht.
Diese Begeisterung verbindet ihn mit seinem Bruder Stefan, der sich bei ULT um Produktion und Entwicklung kümmert und auch in der Forschungslandschaft gut vernetzt ist. Oftmals werden die beiden − die optisch eine starke Familienähnlichkeit haben − als eine Art „dynamisches Duo“ wahrgenommen. Und in der Tat sind sie das auch.
Dynamisches Duo mit Bruder
Gemeinsam haben sie jüngst beim Unternehmerforum Oberlausitz im September in Görlitz einen Vortrag gehalten. Katharina Domschke, Wirtschaftsförderin bei der IHK Zittau, erinnert sich an kreative Ideen und vor allem an die Harmonie und das eingespielte Miteinander zwischen den Geschäftsführer-Brüdern. Auch Albrecht Gubsch, Oberbürgermeister der Stadt Löbau, in der die ULT AG ihren Stammsitz hat, fällt es schwer, den einen zu beschreiben, ohne den anderen nicht gleich mitzumeinen: „Sie sind sehr innovations- und technikbegeistert, sehr lösungs- und sachorientiert“, sagt er und fügt hinzu: „Und wo die beiden überall sind! Unfassbar!“
Netzwerke haben wir immer gesucht, es ist wichtig, mehrere Sichtweisen zu kennen. In einer komplexen Welt muss man komplex denken. – Alexander Jakschik
Was Löbaus OB damit meint, ist das Engagement in Vereinen und Verbänden wie eben dem VDMA: Hier sind beide Mitglied, Alexander Jakschik steht sogar seit 2022 dem VDMA-Ost vor. Hat er sich mit seinem Bruder da abgesprochen? War das Strategie, wer wo Mitglied ist? Jakschik lacht. „In Teilen war das bewusst, Netzwerke haben wir immer gesucht, es ist wichtig, mehrere Sichtweisen zu kennen. In einer komplexen Welt muss man komplex denken“, sagt er.
Netzwerker mit Ehrenamt
Einen Plan, Führungsfunktionen zu übernehmen, den gab es nicht: „Für mich persönlich stand das nie auf einer Liste“, sagt er. Es habe sich ergeben, das Ehrenamt sei an ihn herangetragen worden und jetzt buchstäblich eine Ehre für ihn: „Und es war hoffentlich nicht nur wegen meiner ostdeutschen Herkunft“, meint er augenzwinkernd.
Gewiss nicht. Alexander Jakschik ist ein Mann, der Probleme mit analytischem Blick klar benennen kann, dabei aber nicht jammert, sondern nach vorne schaut und Lösungen anregt. „Mut haben und machen“, das Familiencredo, ist genau die Haltung, die er generell wiederbeleben will. Nicht nur bei den Maschinenbauern. Sondern auch in der Politik: Über sein Spitzenamt auf Verbandsebene ist Jakschik in dieses Feld hineingerutscht. Er spricht mit Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche bei Verbandstreffen, seine Stimme wird in Sachen Staatsmodernisierung und Bürokratieabbau gehört. Ohnehin ist das eines der Kernthemen, die Jakschik umtreiben.
Talkshowgast mit Forderungen
Der Mann, der Zahlen mag, rechnet in Talkshows und Interviews schnell vor, dass laut einer VDMA-Studie bei „Unternehmen mit rund 150 Mitarbeitern die Bürokratiekosten bei 6,3 Prozent des Umsatzes liegen“. Geld, das für Innovationen fehle, die aber dringend nötig seien. Warum aber ist das so schwer, Gesetze zu ändern? Alexander Jakschik kann inzwischen besser verstehen, sieht, in welchem Spannungsfeld Politiker stehen. Er sieht auch den deutschen Hang zu Gerechtigkeit für jeden Einzelnen − zulasten des Gemeinwohls. Da müsse die Politik mehr wagen. So wie einst Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010. „Eine der mutigsten und stärksten Reformen, die es gab“, sagt er.

Quelle: Matthias Weber
Und was tun gegen die Turbulenzen, die Trumps „America first“ und Chinas protektionistische Politik bei der deutschen Exportwirtschaft auslösen? „Der Maschinen- und Anlagenbau exportiert 80 Prozent der Produkte. Im Osten sind es 60 Prozent“, zählt Jakschik die Knackpunkte auf und sieht den Ball in Teilen bei der EU. Sie müsse klarer und deutlicher reagieren als bisher, sie müsse sich reformieren.
Unternehmer müssen sich neu erfinden
Sich reformieren, oder besser: sich neu erfinden, das gelte aber vor allem für Unternehmer mehr denn je, sagt Alexander Jakschik. „Wir müssen den Menschen reinen Wein einschenken“, erklärt er die Lage. Zeiten, in denen ein Betrieb ein Produkt entwickelt, das dann 20 Jahre unverändert hergestellt wird, sind passé.
Jakschik weiß, dass viele das nicht hören wollen, Veränderungen als Zumutung empfinden. Gerade im Osten, wo die Menschen nach den Wendeerfahrungen sensibler reagieren.
Hoffnung heißt, man ist von außen abhängig. Bei Zuversicht, da kann ich selbst mitgestalten. – Alexander Jakschik
Und er mag auch nicht von Hoffnung auf bessere Zeiten sprechen. Von Zuversicht aber sehr wohl: „Hoffnung heißt, man ist von außen abhängig. Bei Zuversicht, da kann ich selbst mitgestalten“, erklärt er. Alexander Jakschik hat als Christ diese Zuversicht immer verspürt. Und mitgestalten, das reizt ihn. Dass er es nun auf dieser bundesweiten Ebene kann, ist für den Familienvater, der mit Frau und zwei Teenagern in Bautzen wohnt, ein Geschenk. „Vor zehn Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich für den VDMA auf großen Bühnen stehe“, gesteht er ein. Reden halten, im Mittelpunkt stehen, das war nicht sein Metier. Aber er hat es zu seinem gemacht.
Möglich war das alles, weil Alexander Jakschik gelernt, hat, sich auf Neues einzustellen, aber immer Teamspieler geblieben ist: mit seinem Bruder und den Mitarbeitern, die das gesamte Firmenkonstrukt inzwischen nicht mehr nur in Löbau und Weinböhla, sondern auch in Nordamerika und Polen hat. Selbst bei seinem Hobby, der Musik, ist das so. Alexander Jakschik spielt Schlagzeug, sein Bruder Saxophon. Gemeinsam sind sie Teil eines „Projekts“, spielen mit ihrer Band drei, vier Auftritte pro Jahr. Alexander, der Wirtschaftler gibt den Takt vor, sein Bruder Stefan, der Mikroelektroniker und Produktentwickler, spielt die Melodie. Ein bisschen wie in der Firma.
SZ


