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Tschechien plant Atomkraftwerk nahe der Grenze zu Sachsen

Tschechien setzt weiter auf Atomkraft und plant den Neubau von Meilern. Ein Minikraftwerk könnte unweit der Grenze zu Sachsen entstehen. Scharfe Kritik kommt von den Grünen.

Lesedauer: 3 Minuten

Henriette Kuhn

Tušimice. Der tschechische Energieversorger „ČEZ“ plant, in Tušimice ein Atomkraftwerk zu errichten. Konkret geht es um einen kleinen Reaktortypen. Die Anlage läge nur etwa 17 Kilometer Luftlinie von der sächsischen Grenze entfernt.

Das Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit teilte Ende der vergangenen Woche mit, dass die deutsche Kontaktstelle am 7. Mai über eine anstehende grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung aus Tschechien informiert worden sei. Konkret gehe es um den geplanten Bau und Betrieb eines neuen Atomkraftwerkes mit einem kleinen modularen Reaktor (SMR) auf dem Gelände des bestehenden Kohlekraftwerks Tušimice. Das Kraftwerk soll bis 2030 stillgelegt werden.

Hier soll das neue Kernkraftwerk entstehen:

Was verbirgt sich hinter der SMR-Technologie?

Bei sogenannten „Small Modular Reactors“ (SMR) handelt es sich um modulare Kernkraftwerke mit niedrigerer Leistung als herkömmliche Reaktoren. Sie versprechen laut Befürwortern der Technologie eine flexiblere und möglicherweise sicherere Energieerzeugung.

Die Nuklearbranche argumentiert, dass SMR einfacher zu bauen, kostengünstiger und effizienter sein könnten als traditionelle Großkraftwerke. Atomkraftgegner bezweifeln das und befürchten sogar neue Risiken durch eine Vervielfachung der Anlagenzahl, was Kontrollen erschwere.

An der Entwicklung der SMR-Technologie wird unter anderem in Großbritannien, den USA, Frankreich, Südkorea, China und Russland geforscht.

Tschechien treibt seit mehreren Jahren den Ausbau der Atomkraft voran und schreibt der SMR-Technologie dabei eine Schlüsselrolle zu. Ähnliche Pläne wie an dem möglichen Standort nahe der Grenze zu Sachsen werden auch nahe der Ortschaft Temelín verfolgt, 60 Kilometer von der Grenze zu Bayern entfernt. Hier befindet sich das größte Atomkraftwerk Tschechiens. Geplant ist unter dem Titel „Nuklearpark Südböhmen“ ein Gelände mit mehreren kleinen modularen Reaktoren.

Grüne üben scharfe Kritik an Atomkraft-Plänen

Scharfe Kritik an den aktuellen Plänen kommt von den Grünen. Sie äußern massive sicherheits- und umweltpolitische Bedenken. Franziska Schubert, Fraktionsvorsitzende im Sächsischen Landtag und Abgeordnete aus der Oberlausitz, sprach laut Mitteilung des Grünen-Kreisverbands Görlitz von „menschlicher Dummheit“ – anders könne man die Idee, Atomkraft zu errichten, nicht bewerten.

„Dass in unmittelbarer Nähe zur sächsischen Grenze neue Atomanlagen geplant werden, ist nicht nur fahrlässig, sondern ein politisches Signal in die falsche Richtung – gegen die europäische Energiewende und gegen die Verantwortung für kommende Generationen“, sagte Carolin Renner, Sprecherin des Grünen-Kreisverbands Görlitz.

„Die SMR-Technologie ist noch nicht ausgereift“, kritisierte Ruben Ramirez Cutino, Sprecher des Kreisverbands der Grünen im Erzgebirge. „Das geplante Kraftwerk birgt ein erhebliches Unfallrisiko, dessen mögliche langfristige Folgen nicht zu unterschätzen sind.“

Atomkraftwerk in Tschechien: Wie ist der Zeitplan?

Das Verfahren befindet sich nach Angaben des Bundesumweltministeriums in der Scoping-Phase (Vorverfahren). Betroffene Bürgerinnen und Bürger können bis zum 13. Juni beim tschechischen Umweltministerium Stellungnahmen abgeben. „Die Bürgerbeteiligung ist ein zentrales Element, um eine transparente und umfassende Bewertung der langfristigen Umweltauswirkungen und die Sicherheitsrisiken zu berücksichtigen“, werben die Grünen im Erzgebirge für die Teilnahme.

Das Amt für Umwelt und Landwirtschaft der Region Ústí nad Labem äußerte sich in einer Stellungnahme bereits kritisch hinsichtlich möglicher künftiger Wasserentnahmen aus dem Fluss Ohře, die etwa eine Austrocknung von angrenzenden Feuchtbiotopen zur Folge haben könnten.

Laut Angaben des tschechischen Energieversorgers ist die Bauzeit für das Kraftwerk für die Jahre 2034 bis 2042 geplant – abhängig von der Anzahl der Blöcke. Für die Bauzeit eines Blocks werden drei bis vier Jahre veranschlagt. Die Inbetriebnahme des ersten Blocks ist frühestens für 2038 geplant.

SZ

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