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Vom höchsten Berg an den größten See

Ein Hotelier vom Fichtelberg will in der Lausitz investieren und bei der Energie ganz neue Wege gehen.
Lesedauer: 3 Minuten
Ein Mann spiegelt sich in einer Glasfensterfront und schaut in die Weite.
ens Ellinger möchte in der Lausitz mit ihrer Kohle- und Kraftwerksgeschichte neue Maßstäbe in Sachen Energie setzen. Er will hier im Osten Sachsens ein für Deutschland recht neues Vorhaben umsetzen: die Seethermie. Foto: Jürgen Lösel

Von Irmela Hennig

Neujahrsnacht 1978/79. Jens Ellinger ist in seiner Heimatstadt Leipzig. Doch dann kommt für den Wehrdienstleistenden der Marschbefehl ins Lausitzer Braunkohlerevier. Wohin genau, daran kann sich der heute 64-Jährige gar nicht mehr erinnern. „Tagebau Nochten oder Jänschwalde“, überlegt er. Tagelang muss er wie Tausende andere Soldaten und Bereitschaftspolizisten festgefrorene Rohbraunkohle aus den Waggons der Grubenbahnen brechen. Gleise und Weichen frei halten vom Schnee, den ein eisiger Wind umhertreibt.
Jene Tage zwischen Ende Dezember und Anfang Januar werden als Katastrophenwinter in die DDR-Geschichte eingehen. Ausgelöst durch ein Aufeinandertreffen von erst sehr mildem und feuchtem Wetter und dann einem plötzlichen Temperatursturz um fast 30 Grad Celsius. Die Kohle – Grundlage für die Energieversorgung der DDR – friert ein. Strom fällt großflächig aus. Nach einigen Tagen ist das Schlimmste überstanden. Der kräftezehrende Einsatz – eine Episode, von der man Kindern und Enkelkindern erzählt.

Spa und Ponyhof
Aber sie hat auch Bilder im Kopf hinterlassen. „Wie schwarz-weiße Ansichtskarten, mit Kohle und Dreck“, erzählt Jens Ellinger. Und auch, wenn er grundsätzlich mehr Positives als Negatives mit der Lausitz verbindet – in Cottbus hat er seine spätere Frau kennengelernt – so hat sich die Region doch nicht eingeprägt als eine zum Urlaub machen. Oder gar eine, um eine Ferienanlage zu errichten. So eine, wie sie Jens Ellinger mit Frau Carmen und Tochter Melanie Duske seit Jahren betreibt und besitzt.
Nicht im Tagebauland, sondern unter dem höchsten sächsischen Gipfel, dem Fichtelberg mit seinen 1.214 Metern. Dort, in Oberwiesenthal im Erzgebirge, übernahmen die Ellingers 2007/2008 einen Wohn- und Ferienpark. Erst als Pächter, dann kauften sie die zuvor insolvente Anlage von einer Bank. 120 Appartements und das Gebäude mit der Rezeption gab es da schon. Alles andere, was heute das Elldus Resort als Vier-Sterne-Ferienpark ausmacht, haben die Ellingers hinzugefügt. Spa-Bereich mit Saunen und Schwimmbad, Ponyhof, Innen- und Außenspielplatz beispielsweise.

Hotel im vierten Anlauf
Irgendwann verschlug es Roman Krautz zum Urlauben dorthin. In der Gemeindeverwaltung von Boxberg/Oberlausitz, nördlich von Görlitz, ist er zuständig für Wirtschaftsförderung und die Entwicklung des Bärwalder Sees, ein Tagebaurestloch. Größtes Gewässer im Freistaat mit 13 Quadratkilometern Oberfläche. Dort hoffen die Anrainer seit Jahren auf den Tourismusboom. Doch vorwärts geht es nur in kleinen Schritten. Es gibt eine Marina, Campingplätze, schwimmende Ferienhäuser. Aber noch immer kein Fahrgastschiff. Und trotz langjähriger Bemühungen bis heute kein großes Hotel am See, wie Roman Krautz erzählt.
Er also dachte sich, so was wie das Elldus wäre etwas für den Bärwalder See. Doch bei Jens Ellinger saßen die Kohle-Winter-Bilder aus den 1970er-Jahren fest. Es zog ihn nicht an die Tagebaukante. Obwohl er durchaus die Idee hegte, mal etwas an einem See zu entwickeln. Roman Krautz aus Boxberg aber blieb hartnäckig. „Also dachte ich, dann schau ich mir das mal an. Und ich war völlig perplex darüber, was dort passiert ist“, erinnert sich Geschäftsführer Ellinger. „Da war blühende Natur, Wald und überhaupt nichts zu spüren vom Bergbau.“
Selbst ein Gelände am Bärwalder See kaufen und bebauen, das wollten die Ellingers zuerst dennoch nicht. Eine Dresdner Immobiliengesellschaft kündigt an, dies zu tun. Familie Ellinger wäre Hotel-Betreiber gewesen. Doch die Dresdner kamen nie in die Gänge. Und so schrieb die Gemeinde das Vorhaben neu aus. „Unser vierter Anlauf für ein Hotel“, so Krautz. Die Ellingers gaben als Einzige ein Angebot ab und erhielten den Zuschlag. Denn mittlerweile hatten sie sich mit der Berliner Idealversicherung einen Mitgesellschafter gesucht und trauten sich die Investition zu. „Wir wollen aber auch Fördermittel beantragen“, so Jens Ellinger. Was die Investition kostet, werde erst feststehen, wenn der Bauantrag fertig sei. Ellinger hofft, diesen um Weihnachten 2023 herum abgeben zu können. Im Mai/Juni 2026 oder 2027 ist das Elldus Resort Bärwalder See idealerweise fertig.
Für Jens Ellinger ist die Kombination aus Ferien am höchsten sächsischen Berg und am größten See des Freistaats ideal. Er könne seinen Gästen künftig beides bieten. Wassersport im Seenland und Wintersport im Erzgebirge. Entstehen wird die neue Anlage am Boxberger Ufer vor dem Gebäude der Tourist-Information. 60 Appartements und 20 Doppelzimmer seien geplant. Dazu Gastronomie, Streichelzoo, Ponyhof, Abenteuer-Minigolfplatz, ein Parcours zum Feldbogenschießen. Und trotz See ein Schwimmbad als Winter- und Schlechtwettervariante. Neben Familien sieht Jens Ellinger zwei weitere Zielgruppen: Gäste von Familienfeiern und Nachwuchsgruppen aus dem Leistungssportbereich. Das kommt nicht von ungefähr. Jens Ellinger hat in Leipzig einst Sport studiert, den Schwerpunkt Rennrodeln für sich gewählt, ist so nach Oberwiesenthal gekommen, hat Jugendliche trainiert. Nach der Wende wechselte er in den Tourismus. Schließlich kam der Ferienpark. Ein Schritt, den Ellinger „noch keinen Tag bereut hat“. Trotz aller Herausforderungen. Arbeitskräfte zu gewinnen, das sei eine davon. 40 Jobs, maximal 60, sollen in Boxberg entstehen.

Wärme über Seethermie
In der Lausitz mit ihrer Kohle- und Kraftwerksgeschichte wollen die Ellingers in Sachen Energie neue Maßstäbe setzen. Das Resort möglichst autark versorgen. Jens Ellinger möchte ein für Deutschland recht neues Vorhaben umsetzen: die Seethermie. Dabei wird die Seewärme zum Heizen genutzt. Alternativ könnte die Energie im Sommer zur Kühlung eingesetzt werden. In der Schweiz gebe es solche Anlagen seit Ende der 1930er Jahren. Für die Bundesrepublik wäre es ein Pilotprojekt, bei dem am Ende bestenfalls ein „Weißbuch“ entsteht mit Handlungsanleitungen für Nachahmer. Die Energie, die für den Betrieb so einer Anlage benötigt werde, solle wie der Strom für das neue Resort aus erneuerbaren Quellen kommen.

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