Gastbeitrag von Matthias Ecke, sächsischer SPD-Europaabgeordneter im Industrieausschuss
Die europäische Automobilindustrie steckt in einer tiefen Krise. Absatzprobleme, wachsender internationaler Wettbewerb und ein rasanter technologischer Wandel setzen die Branche unter Druck. Die Europäische Kommission hat darauf nun mit einem Auto-Paket reagiert, das kurzfristig Wertschöpfung sichern und zugleich die Voraussetzungen für den Hochlauf der Elektromobilität schaffen soll. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, diese Technologie dauerhaft in Europa zu produzieren. Davon hängt auch viel für Sachsen ab.
Ein Erfolgsmodell stößt an Grenzen
Das Erfolgsmodell der deutschen Autoindustrie basierte jahrzehntelang auf Premiumfahrzeugen für den Weltmarkt. Rund 75 Prozent der in Deutschland produzierten Autos werden exportiert. Dieses Modell gerät zunehmend an seine Grenzen. Neue Wettbewerber – insbesondere aus China – gewinnen Marktanteile, während protektionistische Maßnahmen, etwa in den USA, den Zugang zu wichtigen Absatzmärkten erschweren. Diese Entwicklung ist auch in Sachsen deutlich spürbar, wo tausende Arbeitsplätze direkt und indirekt an der Automobilindustrie hängen.
Gleichzeitig zeigen die Zulassungszahlen klar, wohin sich der Markt entwickelt. Im November 2025 war in Deutschland wie auch weltweit rund jeder fünfte Neuwagen ein reines Batteriefahrzeug. Die Nachfrage nach E-Autos wächst seit Jahren stetig. Die heute noch dominierenden Verbrenner verlieren an Attraktivität. Sinkende Strompreise durch den Ausbau der Erneuerbaren und steigende Spritpreise infolge der CO₂-Bepreisung werden das Fahren mit Benzin oder Diesel für Normalverdiener künftig immer teurer machen.
Die Zukunft des Automobils ist elektrisch. Die zentrale Frage ist, ob diese Zukunft auch in Deutschland und Europa stattfindet. Dafür müssen unsere Hersteller vor allem bei Klein- und Mittelklassefahrzeugen wettbewerbsfähige elektrische Modelle auf den Markt bringen.
Kurzfristig entlasten, langfristig stärken
Mit dem neuen Auto-Paket reagiert die Kommission auf die akute Krise der Branche. Die bisherigen Zielvorgaben zur Emissionsminderung im Verkehrssektor werden flexibler ausgestaltet. Die Klimaneutralität bis 2035 bleibt bestehen, der Weg dorthin soll jedoch technologisch offener gestaltet werden.
Konkret sieht der Vorschlag vor, dass Plug-in-Hybride sowie Elektrofahrzeuge mit Range Extender auch nach 2035 zugelassen bleiben können. Dass die Kommission darüber hinaus die Tür für klassische Verbrenner einen Spalt weit offenlässt, halte ich für einen Irrweg. Er birgt die Gefahr teurer Doppelinvestitionen und falscher Signale an die Industrie.
Gleichzeitig bleibt der Druck zur Emissionsminderung hoch: 90 Prozent der Emissionen müssen weiterhin direkt eingespart werden. Für die verbleibenden zehn Prozent gilt eine Kompensationspflicht, die vor allem über den Einsatz von CO₂-armem Stahl erfüllt werden soll. Das ist ein sinnvoller Ansatz, weil er Klimaschutz mit einer gezielten Nachfrage nach sauberem europäischem Stahl verbindet. Kritisch sehe ich hingegen den verstärkten Einsatz von Biosprit und E-Fuels, die die Kosten für Verbraucherinnen und Verbraucher erhöhen werden.
Die flexibleren Regeln können helfen, Arbeitsplätze in der aktuellen Absatzkrise zu sichern. Entscheidend ist aber, dass sie nicht zum Bremsklotz für den Hochlauf der Elektromobilität werden.
Nachfrage gezielt ankurbeln
Um die Krise der Autoindustrie zu überwinden, braucht Europa vor allem mehr heimische Nachfrage nach E-Autos. Über die Hälfte der Neuzulassungen entfällt auf Firmenwagen. Verbindliche Vorgaben für betriebliche Flotten können deshalb ein echter Hebel sein. Das Auto-Paket setzt hier an und enthält Anforderungen für Dienst- und Mietwagenflotten. Damit lässt sich gezielt Nachfrage nach in Europa produzierten E-Fahrzeugen schaffen.
Auch Kaufanreize für private Haushalte sind sinnvoll, wie sie die Bundesregierung plant. Gleichzeitig dürfen wir Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen nicht außen vor lassen. Als SPD fordern wir deshalb ein soziales Leasing: erschwingliche monatliche Raten für Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen, insbesondere für Menschen auf dem Land, Schichtarbeiterinnen und -arbeiter sowie Familien. Gefördert werden sollen Fahrzeuge, die in der EU produziert werden. Saubere Mobilität darf kein Privileg sein, sondern muss für alle erreichbar werden.
Batterien entscheiden über Wertschöpfung
Ob die Transformation gelingt, entscheidet sich nicht zuletzt bei der Batterie. Sie macht den größten Teil der Wertschöpfung eines Elektroautos aus. In Europa wurden zuletzt rund 40 Gigafactory-Projekte angekündigt. Doch der Optimismus ist brüchig: 2024 wurden zahlreiche Vorhaben gestrichen, verschoben oder verkleinert.
Für Sachsen ist das eine konkrete Gefahr. Ohne eine stabile europäische Batteriewertschöpfung steht auch die Zukunft der sächsischen Automobilindustrie auf dem Spiel – vom Fahrzeugbau bis zu den Zulieferern. Die Nachricht, dass der ID.3 und der Cupra Born länger in Zwickau produziert werden, verschafft den Beschäftigten kurzfristig Luft. Langfristig reicht das nicht.
Wir müssen sicherstellen, dass Wertschöpfung hier stattfindet und nicht nur importiert wird. Dazu braucht es gezielte Unterstützung für Batteriezellenhersteller sowie mehr Investitionen in Forschung und Innovation. Umso enttäuschender ist es, dass die Kommission das angekündigte Förderprogramm „Battery Booster“ bislang nicht vorgelegt hat. Europa droht sonst im globalen Wettbewerb um Batterien und saubere Fahrzeugtechnologien zurückzufallen.
Jetzt kommt es auf politische Mehrheiten an
Das Auto-Paket kann für Unternehmen wie für Beschäftigte Planungssicherheit schaffen. Dafür braucht es jedoch tragfähige Mehrheiten im Europäischen Parlament und unter den Mitgliedstaaten. Ein vernünftiger Kompromiss aus der demokratischen Mitte kann Wettbewerbsfähigkeit, Innovation, gute Arbeit und Klimaschutz zusammenbringen.
Kommt es hingegen zu einem Rechtspakt von CDU bis AfD, der die zukunftsweisenden Elemente des Pakets streicht, steht viel auf dem Spiel: die langfristige Perspektive der europäischen Autoindustrie, gute Arbeitsplätze in Sachsen und unsere Klimaziele. Das dürfen wir nicht zulassen.


