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386 Millionen Verlust, Brände, 100 Stellen weg: Was wird aus dem Leipziger Solar-Riesen SENEC?

386 Millionen Euro Verlust, 100.000 ausgetauschte Speicher – und jetzt sucht EnBW einen Käufer für SENEC: Das Leipziger Energieunternehmen kämpft ums Comeback. Der neue Chef Herbert Schein will das Ruder herumreißen – und macht eine klare Ansage.

Lesedauer: 4 Minuten

Kann er die Wende bei SENEC meistern? Herbert Schein soll das Leipziger Unternehmen in die Zukunft führen. Die Aufgabe ist riesig – denn die EnBW-Tochter ist in den vergangenen Jahren tief gefallen. Quelle: Kempner

Florian Reinke

Leipzig. Die Halle an der Saarländer Straße riecht nach frischer Farbe. Weißer Boden, kobaltblaue Sitzstufen, dazwischen tropische Pflanzen – und mittendrin, in großen blauen Lettern: „360″. Wer den neuen Firmensitz des Solarspeicher-Unternehmens SENEC betritt, spürt sofort: Hier wollen sie etwas beweisen – auch sich selbst.

Ob das gelingt, ist offen. SENEC ist tief gefallen – vom Vorzeigeunternehmen zur Krisenfirma. Massive technische Probleme, Hunderte Millionen Euro Verlust und ein Stellenabbau zeichneten die vergangenen Jahre aus. Und jetzt die nächste Hiobsbotschaft: Der Mutterkonzern EnBW sucht einen Käufer für die Leipziger Tochter.

Schein krempelt um: 100 Stellen weg, Führung gestutzt

Herbert Schein, langjähriger CEO des Batterieherstellers Varta, führt SENEC seit knapp einem Jahr. Er ist kein Mann für lange Anlaufzeiten.

„Als ich zu SENEC gekommen bin, habe ich gleich gesehen, dass viel Know-how vorhanden ist“, sagt Schein. „Trotzdem war mir auch klar, wie groß die Herausforderungen sind. Da haben wir nicht lange gewartet, sondern gleich angefangen, das Unternehmen anzupassen und zu strukturieren.“

Neues Zuhause im Leipziger Westen: SENEC-Chef Herbert Schein steht vor einem der neuen Solarspeicher. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen den Komplex an der Saarländer Straße bezogen.
Neues Zuhause im Leipziger Westen: SENEC-Chef Herbert Schein steht vor einem der neuen Solarspeicher. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen den Komplex an der Saarländer Straße bezogen.
Quelle: Kempner

Die Belegschaft spürte die neue Gangart direkt. „Wir haben uns von rund 100 Kolleginnen und Kollegen trennen müssen“, sagt Schein. Es war nicht der erste Einschnitt: Bereits unter seinem Vorgänger hatte SENEC Personal abgebaut.

Zugleich strich Schein Führungsebenen, um Entscheidungen zu beschleunigen. In der gesamten SENEC-Gruppe arbeiten heute noch gut 800 Menschen, davon 400 in Leipzig. Schein verkündet: „Die Restrukturierung bei SENEC in Leipzig ist abgeschlossen.“

Brände, Abschaltungen, Krise

Der Absturz begann 2022. Berichte über drei brennende SENEC-Speicher schreckten die Branche auf. Besonders dramatisch: eine Explosion nahe Ravensburg.

Die Einsatzkräfte fanden ein „stark verrauchtes Haus“ vor. Im Keller war der Speicher durch einen technischen Defekt detoniert. Die Druckwelle drückte Fenster und Türen nach außen.

SENEC-Batteriespeicher in einem Haushalt: Die Leipziger sind zurück am Markt.
SENEC-Batteriespeicher in einem Haushalt: Die Leipziger sind zurück am Markt.
Quelle: SENEC GmbH

SENEC schaltete Tausende Speicher aus der Ferne ab und nahm sie mit gedrosselter Kapazität später wieder in Betrieb. Das Problem verschwand nicht.

2023 gab es neue Berichte über Brände – trotz entwickelter Sicherheitsfunktionen. Die Ursache: ungewollte Alterungseffekte einzelner Zellen.

Ein 386-Millionen-Euro-Grab

Dann die Entscheidung, die alles in den Schatten stellte: 100.000 ausgelieferte Speicher sollten auf die neue LFP-Technologie umgerüstet werden. Ein Feldaustausch im Industriemaßstab. Die Kosten schlugen brutal durch: Für 2024 weist SENEC einen Verlust von 386 Millionen Euro aus.

Auch 2025 drückt der Austausch aufs Ergebnis. Der einstige Spitzenanbieter – zeitweise mit 20 Prozent Marktanteil – kämpft seither darum, wieder Fuß zu fassen. Zumal chinesische Anbieter wie BYD mit aggressivem Preiskampf in die Lücke stoßen und Marktanteile erobert haben. Wo SENEC einst stand, stehen heute die Chinesen.

Zurück im Markt – aber reicht das?

Das Kapitel Austausch ist fast beendet. Etwa 100.000 Systeme sind laut Schein ausgetauscht. Es bleiben noch wenige Sonderfälle.

Er zieht Bilanz: „SENEC und EnBW haben von Beginn an gesagt: Wir stellen uns dieser Verantwortung.“ Keine halben Sachen habe man gemacht, „sondern die Speicher vom Markt genommen, keine neuen verkauft und nicht nur irgendwie ein bisschen nachgebessert. Wir haben gesagt: Wir machen ein neues Produkt, das mehrfach abgesichert ist.“

2030 wollen wir führender europäischer Anbieter für Energielösungen sein. – Herbert Schein, CEO SENEC

Seit September 2025 ist SENEC zurück am Markt. Groß ist der Marktanteil aber bisher nicht. Die Infrastruktur steht: „Wir können problemlos höhere Stückzahlen ausliefern“, sagt Schein.

Das Comeback ist angelaufen. Doch wohin will Schein mit SENEC – und wer bezahlt das alles?

Die Vision: Vom Speicherbauer zum Energiemanager

Schein will das Unternehmen neu erfinden: vom Speicherhersteller zum Energiemanager. Hier schließt sich der Kreis zur „360″ im Foyer: Es geht um den Rundumblick.

„In diesem Geschäft geht es darum, die Stromrechnung des Endkonsumenten zu optimieren“, sagt Schein. Im Fokus steht der „PowerPilot“, der PV-Anlage, Speicher, Wallbox und Wärmepumpe miteinander vernetzt.

Blick in die riesige Halle: SENEC-Chef Herbert Schein in seinem Büro in Leipzig.
Blick in die riesige Halle: SENEC-Chef Herbert Schein in seinem Büro in Leipzig.
Quelle: Kempner

Das Ziel: „2030 wollen wir führender europäischer Anbieter für Energielösungen sein – nicht nur für Speicher, sondern für die komplette Energielösung im Haushalt.“

Der Markt gibt ihm eine Chance: Während die Nachfrage in Deutschland zuletzt stockte, wuchs der Bedarf in anderen europäischen Ländern deutlich, zeigen Marktdaten von EUPD. Genau da will Schein hin. Ab 2028, so das Versprechen, sollen wieder schwarze Zahlen stehen.

EnBW sucht Käufer für SENEC

Doch Wachstum kostet Geld. Und ausgerechnet jetzt sucht die EnBW einen Käufer. „Die EnBW befindet sich aktuell im größten Investitionsprogramm ihrer Geschichte“, teilt eine Konzernsprecherin mit. 50 Milliarden Euro investiere man bis 2030. Dabei bedürfe es „einer Fokussierung“.

SENEC-Chef Schein kommentiert die Investorensuche gelassen: „Ziel ist es, dass der Wachstumskurs von SENEC fortgesetzt werden kann.“ Eine Option sei die Aufnahme eines Investors, aber auch ein Verbleib bei der EnBW sei möglich.

Leipzig bleibt Zentrum

Eines stellt Schein unmissverständlich klar: Der Standort wackelt nicht. Im „Cube“ an der Saarländer Straße bündelt das Unternehmen Forschung, Entwicklung, Verwaltung und Vertrieb.

„Wir sind ein Leipziger Unternehmen und bleiben es auch“, sagt Schein.

Ob das reicht, um gegen die Konkurrenz und die chinesische Übermacht zu bestehen, wird sich zeigen. Herbert Schein hat keine Zweifel: „Wir haben große Pläne, einen ehrgeizigen Wachstumsplan – und den Platz dafür.“

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