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Was steckt hinter dem weißen Klotz an der A4? Ein Blick in Edekas riesiges Logistikzentrum

Temperaturen von minus 24 Grad, 15.000 Kilo Tragegewicht täglich und flinke Roboterhände. Damit die Tiefkühlpizza im Einkaufsladen landet, sortieren Hunderte Beschäftigte im Logistikzentrum Berbersdorf die Ware. Doch wer arbeitet da eigentlich?

Lesedauer: 5 Minuten

Stefan Deutschmann in der Obstabteilung: Täglich trägt er 15.000 Kilo. Quelle: Matthias Schumann

Luisa Zenker

Berbersdorf. Stefan Deutschmann ist schnell beim Stapeln. „Platz 3.10“, sagt er in sein Headset. Dann wartet er auf die Antwort der weiblichen Roboterstimme. „37.“ Flink zieht er eine Kiste mit sechs Blumenkohlköpfen aus dem Regal, frachtet sie in das Flurförderfahrzeug und fährt damit sofort zur nächsten Palette. Zehn Fußballfelder ist das Logistikzentrum in Berbersdorf im Landkreis Mittelsachsen groß.

Dabei handelt es sich um ein riesiges Lager an der A4, dessen weißer Umriss schon von Weitem zu erkennen ist. 420 Edeka-, Simmel-, Marktkauf- und Diska-Märkte in Sachsen und Thüringen werden von da aus mit Obst, Gemüse, Tiefkühlkost, Teigwaren und Dosen beliefert. Seit Kurzem versorgt das Werk auch die rund 30 Konsummärkte in Dresden.

Eine Kiste kann bis zu 25 Kilogramm wiegen

Das Edeka-Logistikzentrum in Berbersdorf ist schon von Weitem sichtbar.
Das Edeka-Logistikzentrum in Berbersdorf ist schon von Weitem sichtbar.
Quelle: EDEKA/Peter Wislaug

Deutschmann sortiert in Berbersdorf täglich das Gemüse und Obst für die Märkte. Aus der großen, weiten Welt kommen sie dort per Lkw an, um dann für jeden Dorfladen und jedes Einkaufscenter individuell zusammengepackt zu werden. Eigentlich ist Deutschmann ausgebildeter Bäckergeselle, aber wegen der Arbeitszeiten und des Gehalts hat der 36-Jährige vor drei Jahren den Quereinstieg als Lagerfacharbeiter geschafft. Pro Stunde schafft er zwischen 160 und 240 Kolli, der Fachjargon für Kiste. Und diese kann ganz schön schwer sein: Eine Palette Melonen wiegt zwischen 20 und 25 Kilogramm. Einer wie Deutschmann wuchtet dann täglich 15.000 Kilo umher. „Ich fühle mich so wie ein Zahnrad der Gesellschaft.“

Damit Gemüse und Obst täglich frisch in den Läden ankommen, beginnt seine Schicht um 16 Uhr und endet zwischen 1 und 3 Uhr in der Nacht. „Das Ende steht nie fest“, sagt Tom Weinert, Abteilungsleiter für Frische. Am frühen Morgen wird das sortierte Obst dann per Lkw in die Märkte geliefert, damit es vor Ladeneröffnung da ist.

Großteil der Lagerarbeiter kommt aus Polen

90 Prozent der Facharbeiter pendeln von Polen ins Edeka-Logistikzentrum.
90 Prozent der Facharbeiter pendeln von Polen ins Edeka-Logistikzentrum.
Quelle: Matthias Schumann

Viele Schilder in dem Lager sind auf Deutsch und Polnisch. Mehr als 90 Prozent seiner Kollegen kommen aus Polen. „Wir profitieren von der polnischen Grenze“, sagt Betriebsleiter Thomas Erfurt. Auch die Roboterstimme in Deutschmanns Headset kann Polnisch. „Viele können sehr gut Deutsch“, so der Logistiker. Ansonsten funktioniere es auf Englisch oder mit Händen und Füßen.

Wir haben Menschen, die rennen durch das Lager. Das ist echt geistige Arbeit. Da muss man genau überlegen, wie man das gut auf dem Fahrzeug sortiert. – Thomas Erfurt, Leiter des Edeka-Logistikzentrums bei Berbersdorf

486 Beschäftigte sortieren im Dreischichtbetrieb die Produkte für den Einkaufsladen. Doch neben den Menschen leisten auch Roboter enorme Sortierarbeit. Denn die Hälfte des Logistikzentrums läuft automatisch ab.

Auf Fließbändern ruckeln die grünen Kisten mit Schlangengurken, Clementinen und Cocktailtomaten wie von Geisterhand durch die Halle. Autonom fahrende Gabelstapler holen das Gemüse aus den 22 Meter hohen Regalen. Nur eine Person steht am Hebel und überwacht die Maschinen in der Halle.

Ein Mensch schafft 180 bis 300 Kolli die Stunde. „Wir haben Menschen, die rennen durch das Lager. Das ist echt geistige Arbeit. Da muss man genau überlegen, wie man das alles gut auf dem Fahrzeug sortiert“, sagt Erfurt anerkennend. Doch ein Mensch ist nichts zur Maschine: „Ein Roboter hebt 500 bis 600 Kolli pro Stunde.“ Warum braucht es dann überhaupt noch Menschen?

Mensch vs. Roboter: Wen braucht es?

Hinter dem Betrieb auf 71.300 Quadratmetern, die so groß sind wie zehn Fußballfelder, steckt eine logistische Herausforderung, weiß Edeka-Lagerleiter Thomas Erfurt in der automatischen Kommissionierung.
Hinter dem Betrieb auf 71.300 Quadratmetern, die so groß sind wie zehn Fußballfelder, steckt eine logistische Herausforderung, weiß Edeka-Lagerleiter Thomas Erfurt in der automatischen Kommissionierung.
Quelle: Matthias Schumann

Der Leiter Thomas Erfurt erinnert sich bei der Frage an einen Unfall im Lager. Eine Kiste Olivenöl sei auf dem Fließband umgefallen. Sechs Stunden stand alles still. Sie mussten aus allen Maschinen die winzigen Tropfen Öl herausputzen. Auch bestimmte Obst- und Gemüsesorten wie Beeren oder Salat und Kistenarten seien nicht für die automatisierte Anlage geeignet.

Für die Eröffnung des Großlagers Berbersdorf 2015 wurden die sächsischen Edeka-Lager Hof bei Stauchitz und Borna geschlossen. In den Werken waren rund 500 Frauen und Männer beschäftigt. Ein Großteil davon ist mit nach Berbersdorf gekommen, weiß Erfurt, der seit 2015 das Lager betreut und seit 2024 leitet. Seit der Eröffnung ist das Werk um mehr als 100 Beschäftigte gewachsen. „Jedes Jahr kommen neue Märkte hinzu.“ Deshalb investierte Edeka zuletzt rund 100 Millionen Euro in die Halle bei Berbersdorf, um die bestehende Fläche um 60 Prozent zu vergrößern.

Arktis-Bedingungen: Arbeiten bei täglich minus 24 Grad

Arbeiten im Tiefkühler: Kurt Krondorf sortiert bei minus 24 Grad Eis und Pizza.
Arbeiten im Tiefkühler: Kurt Krondorf sortiert bei minus 24 Grad Eis und Pizza.
Quelle: Matthias Schumann

„Als ich vor 20 Jahren in der Logistik angefangen habe, waren Frauen unüblich“, sagt Erfurt. Das hat sich geändert. Der Frauenanteil liege nun bei einem Drittel. Wo noch immer keine Frau arbeitet, ist in der Tiefkühlabteilung. Da herrschen minus 24 Grad. Tagsüber und nachts. Kurt Krondorf arbeitet bei diesen Temperaturen im Dreischichtbetrieb. Und sortiert Tiefkühlpizza, Eis und Fertiggerichte.

„Ich mag die Kälte“, sagt er mit Handschuhen, Mütze und Schneeanzug. Hose und Jacke sind gefüttert. Den 42-Jährigen stört die Kälte nicht: „Da ist es draußen bei um die Null Grad mit Regen deutlich unangenehmer.“ Krondorf muss alle 90 Minuten eine halbstündige Wärme-Pause machen. Für die eisigen Temperaturen gibt es eine Tiefkühlzulage zum Gehalt.

Ungleicher Lohn in den Edeka-Werken

Dieses wird in dem Werk nach dem sächsischen Groß- und Außenhandelstarifvertrag bezahlt. Im Nachbarlager, das ebenfalls zu Edeka gehört und Wurstwaren sortiert, verdienen die Logistiker jedoch deutlich weniger für die gleiche Arbeit. Die Lkw-Fahrer bekämen 500 Euro weniger, weshalb es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Streiks gekommen ist, erzählt NGG-Gewerkschaftssekretärin Funda Römer.

Tiefkühl-Arbeiter Krondorf aber ist zufrieden. Er zeigt auf ein Tor, dahinter liegt der Schockfroster – darin herrschen minus 36 Grad Celsius. Kühlakkus werden dort schockgefrostet, damit sie beim Transport im Lkw die Ware kühl halten. „Das Personal in der Tiefkühlabteilung wird seltener krank“, meint Chef Erfurt augenzwinkernd, der schnell wieder die Tiefkühlabteilung verlässt.

Busverbindung fehlt ins Lager

Er will auch künftig das Zentrum weiterwachsen lassen. So soll in diesem Jahr noch die Belieferung der Leipziger Konsumgenossenschaft starten.

Doch eines fordert er auch von der Politik: „Eine Busanbindung wäre dringend notwendig und würde den Mitarbeitern, besonders den Auszubildenden, die Erreichbarkeit erleichtern.“

SZ

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