Von Ulrich Milde
Leipzig. Er ist auf dem besten Wege zum Vorzeigebeispiel. Yakiv Halietkin wurde von seinen Eltern vor dreieinhalb Jahren aus der Ukraine nach Leipzig geschickt. „Meine Eltern wollten mich in Sicherheit haben“, erzählt der 21-Jährige mit Blick auf den dortigen Krieg. Die Wehrpflicht beginnt in seinem Heimatland mit 25. Die Suche nach einem Ausbildungsplatz als Fachinformatiker für Systemintegration verlief für den Abiturienten trotz der erworbenen guten Deutschkenntnisse „nicht erfolgreich“, räumt er ein. Bis die Leipziger Joblinge ihn unter ihre Fittiche nahmen. Sie machten ihn sechs Monate lang fit. Mit dem Ergebnis, dass er Ende Juli seine dreijährige Ausbildung im Wunschberuf bei der Leipziger Goldschmidt Holding GmbH angetreten hat. Das Unternehmen entwickelt mit seinen 1000 Beschäftigten Lösungen rund um die Schiene.
Schon seit 2008 aktiv
Bei den Joblingen handelt es sich um eine gemeinnützige Aktiengesellschaft, die Jugendliche und junge Erwachsene (bis 27 Jahre) unterstützt, die Schwierigkeiten bei der Suche nach einer Ausbildung haben. Gegründet wurde die Organisation 2008 von der Boston Consulting Group und der Eberhard von Kuenheim Stiftung der BMW AG. Ziel ist es, den damals bereits erahnten Fachkräftemangel „mit wirtschaftlicher Expertise und unternehmerischem Selbstverständnis“ anzugehen. Die Initiative ist bundesweit an 30 Standorten vertreten und seit 1. Dezember 2012 in Leipzig. „Wir betreuen derzeit junge Menschen aus 15 Herkunftsländern“, berichtet der Leipziger Vize- Chef Sebastian Heiland. Er verantwortet das Programm „Kompass“, das sich an Geflüchtete mit einer Aufenthaltserlaubnis richtet. Daneben läuft die Maßnahme „Klassik“. Dabei werden die Teilnehmer auf die angestrebte Ausbildung vorbereitet. Das sechsmonatige Vollzeitprogramm enthält Workshops, Berufsorientierungsmaßnahmen, Praktika mit einer Perspektive für eine Lehrstelle und Unterstützung durch ehrenamtliche Mentoren. Bewerbungsunterlagen bedeutsam Als „Schlüssel, um zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden“, bezeichnet Heiland die Bewerbungsunterlagen. „Die Unternehmen machen da keine Abstriche.“ Folglich haben die Joblinge auch Halietkin hier mit ihren Ratschlägen unterstützt – erfolgreich. Zuvor hatte er bei Goldschmidt ein Praktikum absolviert. „Da habe ich das Unternehmen schon ganz gut kennengelernt.“ Zunächst kommt es nach Angaben von Leipzigs Joblinge- Geschäftsführer Matthias Kretschmer darauf an, den Jugendlichen einen Tagesrhythmus zu vermitteln. „Wir wollen sehen, wie sie arbeiten, was sie leisten.“ Es gehe auch um die wichtigen Punkte der Motivation und Zuverlässigkeit. „Wir schauen nicht nur auf die Qualifikationen“, ergänzt Heiland. Schafft der Teilnehmer es letztlich, eine Lehrstelle zu ergattern, ist die Arbeit der Joblinge mit ihren 33 Beschäftigten und zusätzlich sechs Werkstudenten in der Messestadt noch nicht beendet. „Wir begleiten die jungen Menschen auch während der Ausbildung.“ Sollten sie Probleme haben, dann stehen die Experten als Vermittler zur Verfügung. Und wird die Lehre doch abgebrochen, wird die Unterstützung nicht eingestellt. „Dann bieten wir eine neue Chance“, sagt Heiland. Das alles bedingt intensive Kontakte zu den inzwischen 500 Partnerunternehmen in der Region. Hinzu kommen 200 ehrenamtliche Mentoren, die etwa Bewerbungsgespräche üben oder den Jugendlichen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Da geschieht es inzwischen auch, dass ein Betrieb anruft und nachfragt, ob ein Teilnehmer mit bestimmten Fähigkeiten gerade einen Kurs besucht. Zu den wichtigen Unterstützern zählen hier unter anderem das BMW-Werk, die Stadtbau AG, die Sparkasse, die Anwälte von CMS, der Bauriese Papenburg und die Stadtwerke. Die Joblinge finanzieren ihre Arbeit – das Budget liegt in diesem Jahr bei 2,1 Millionen Euro – zu 90 Prozent über öffentliche Mittel, der Rest sind Spenden. „Ich denke, das ist gerechtfertigt, weil wir eine Aufgabe im gesellschaftlichen Kontext erfüllen“, meint Kretschmer. Zumal die Erfolge für sich sprächen. Bisher hat es in Leipzig 1665 Teilnehmer gegeben, die Vermittlungsquote in eine Ausbildung beträgt 72 Prozent. „Gestartet sind wir, um die damals hohe Jugendarbeitslosigkeit mit zu bekämpfen“, erinnert sich Kretschmer. Jetzt gehe es darum, dem Fachkräftemangel zu begegnen. Schließlich werden in Sachsen im Jahr 2030 mehr als 300.000 erwerbsfähige Menschen weniger zur Verfügung stehen als noch 2014. Obendrauf komme, dass bundesweit 630.000 junge Menschen derzeit weder zur Schule gehen noch eine Beschäftigung beziehungsweise Lehrstelle haben. Dabei werden sie auf dem Arbeitsmarkt dringend gebraucht.
Das Interesse für MINT-Berufe wecken
Dazu gehen die Joblinge seit einiger Zeit auch in Schulen. „Wir wollen Interesse für die MINTBerufe wecken“, erläutert Kretschmer, also in den Fachrichtungen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Geplant ist zudem, im neuen Jahr durch digitale Praktika auch den ländlichen Raum zu erschließen, um die Jugendlichen zu animieren, sich um ihre berufliche Zukunft Gedanken zu machen. Helfen wird das Geld, das die Einrichtung kürzlich bei der Ferry- Porsche-Challenge erhielt. Der Wettbewerb der Ferry-Porsche-Stiftung stand in diesem Jahr unter dem Motto, mit kreativen Ideen und Formaten junge Menschen auf ihrem Weg ins Leben zu begleiten. Die Leipziger wurden mit 50.000 Euro für ihre Schulprojekte prämiert. Das Geld soll in zusätzliche Angebote fließen und dazu beitragen, „dass die Jugendlichen über den Tellerrand schauen und mit Zukunftsthemen in Berührung kommen“. Da geht es um Themen in Robotik, Programmierung und 3-D-Druck. Im Rahmen der Netzwerkarbeit beteiligen sich die Joblinge aktiv an der jährlichen Organisation der Integrationsmesse in Leipzig. Sie richtet sich an Geflüchtete und Zugereiste mit dem Ziel, direkten Kontakt zu hiesigen Firmen herzustellen, um die Chancen auf Arbeit oder einen Ausbildungsplatz zu erhöhen. Die nächste Messe findet am 26. März im H16-Eventpalast auf der Alten Messe statt.


