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Weltweit einzigartig: So könnte das Einstein-Teleskop in die Lausitz kommen

Es geht um Spitzenforschung, Milliarden und Tausende Arbeitsplätze: Das Einstein-Teleskop soll in der Oberlausitz gebaut werden. Ein Plan, der lange als Träumerei galt - jetzt aber Aufschwung in Berlin bekam.

Lesedauer: 5 Minuten

Michael Kretschmer, Geophysiker Andreas Rietbrock und Astroteilchenphysiker Christian Stegmann (v.li.) an Granitproben aus der Oberlausitz. Quelle: TU Dresden/Christoph Soeder

Susanne Sodan

Görlitz/Bautzen. Einzigartig, dieses Wort fiel oft am Donnerstagabend in der „Vertretung des Freistaates Sachsen beim Bund“ in Berlin. Bundespolitiker, Landespolitiker, Lausitzer Bürgermeister und Wissenschaftler kamen am Donnerstag im Saal der sächsischen Vertretung zusammen. So viele, dass ein Teil der Gäste keinen Sitzplatz mehr fand.

Es ging an diesem Abend um ein Projekt, das die Grenzen des Möglichen in der Astronomie verschieben soll – auch das war mehrfach zu hören. Drei Regionen wollen das Einstein-Teleskop: Sardinien, die Maas-Rhein-Region – und die Oberlausitz. Letztere Variante war lange eher als Träumerei wahrgenommen worden. Der Donnerstag in Berlin war ein Zeichen, dass Sachsen ernst macht mit der Bewerbung um das Teleskop.

Voller Saal in der sächsichen Vertretung in Berlin. Hier kamen zahlreiche Politiker und Wissenschaftler zusammen, um mehr über das Einstein-Teleskop zu erfahren. 
Voller Saal in der sächsichen Vertretung in Berlin. Hier kamen zahlreiche Politiker und Wissenschaftler zusammen, um mehr über das Einstein-Teleskop zu erfahren. 
Quelle: TU Dresden/Christoph Soeder

Was ist das Einstein-Teleskop?

Es handelt sich um ein Gravitationswellen-Teleskop, das in 200 bis 300 Metern Tiefe gebaut werden soll. Das Besondere: Es soll Veränderungen im Universum zehnmal präziser messen als bereits bestehende Gravitationswellen-Teleskope, erklärt Christian Stegmann. Er ist Professor für Astroteilchenphysik, zählt zu den Köpfen des DESY-Instituts in Zeuthen und ist Mitbegründer des Deutschen Zentrums für Astrophysik (DZA) in Görlitz. Zusammen mit dem Geophysiker Andreas Rietbrock arbeitet er an einer Machbarkeitsstudie für das künftige Einstein-Teleskop in der Oberlausitz. Sie untersuchen einen Granitblock zwischen Hoyerswerda, Kamenz und Bautzen auf seine Eignung.

Für das Teleskop gibt es zwei Varianten, erstens: eine Dreiecksform mit drei Armen – Röhren –, die je zehn Kilometer lang sein sollen. Zweitens: Statt eines Dreieckes sollen die Röhren in zwei L‑Formen mit Armen von je 15 Kilometern Länge gebaut werden.

Ungefähr so könnte das Einsetin-Teleskop aussehen, würde es in Dreiecksform gebaut. Die Zeichen deuten aber mehr auf die Doppel-L-Form.
Ungefähr so könnte das Einsetin-Teleskop aussehen, würde es in Dreiecksform gebaut. Die Zeichen deuten aber mehr auf die Doppel-L-Form.
Quelle: NIKHEF

Wozu braucht es das?

„Kurz“ nach dem Urknall, vor über 13 Milliarden Jahren, gab es eine Zeit, von der man nicht weiß, was im Universum geschah. Mithilfe des Einstein-Teleskops soll es möglich werden, selbst das noch zu erkunden. Dafür braucht es Technologien, die es noch nicht gibt. Um sie zu entwickeln, braucht es wiederum auch andere Wissenschaften und Industrien, die neuartige Sensoren, besondere Siliziumspiegel und Laser und so weiter herstellen können. Wirtschaft und internationale Wissenschaftler siedeln sich an, so Ministerpräsident Michael Kretschmer. In kleinerer Form sei das bereits beim Aufbau des DZA in Görlitz zu beobachten. Abgesehen davon: Auf Grundlage astronomischer Forschung sind viele Alltagsentwicklungen entstanden: In heutigen Handys sind alleine acht Technologien enthalten, die auf die Astronomie zurückgehen.

Worum ging es in Berlin?

Was würde das Einstein-Teleskop für Sachsen bedeuten – darum ging es auch am Donnerstag in Berlin. Für ein Podiumsgespräch kamen Christian Stegmann, Andreas Rietbrock, Harald Lück, Gravitationsphysiker und einer der beiden Ideengeber für das Einstein-Teleskop, TU-Rektorin Ursula Staudinger, Heike Graßmann, Staatssekretärin im sächsischen Wissenschaftsministerium, und Frank Bösenberg, Geschäftsführer des Wirtschaftsnetzwerkes Silicon Saxony, zusammen. Sie sprachen darüber, was das Einstein-Teleskop etwa für Sachsen als Wissenschaftsstandort, für die Wirtschaft, Arbeitsplätze, die Demografie bis hin zu sozialen Fragen leisten könnte.

Eine historische Chance, sagen viele. „Es wäre ein riesiger Gewinn“, so Michael Kretschmer. Zu den Gästen zählte auch Franziska Schubert, Landtagsmitglied für die Bündnisgrünen. Ihre Fraktion hatte Ende vorigen Jahres einen Antrag eingereicht, der die Unterstützung des Freistaates für die Lausitzer Bewerbung festzurrt. Ein Ziel lautet, dass keine voreilige, sondern eine wissenschaftsbasierte Entscheidung zum Standort getroffen wird. Dafür plädiert auch Kretschmer.

Welche Rolle spielt Italien?

Alessandra Todde, Präsidentin der Autonomen Region Sardinien, im Gespräch mit Christian Stegmann. 
Alessandra Todde, Präsidentin der Autonomen Region Sardinien, im Gespräch mit Christian Stegmann. 
Quelle: TU Dresden/Christoph Soeder

Ist die Dreiecks- oder die L-Form die bessere – darüber wird auch innerhalb der Wissenschaft gestritten. Christian Stegman ist aus verschiedenen Gründen eher für das doppelte L. Sollte sich diese Variante durchsetzen, braucht es zwei Standorte, die möglichst weit voneinander entfernt liegen. Damit wäre Sardinien quasi der „natürliche Partner“ der Lausitz: Mit der Maas-Rhein-Region wäre der Abstand zwischen den zwei L-Formen zu gering, die rund 1200 Kilometer nach Sardinien wären sinnvoller. Dazu kommt, dass das infrage kommende Gestein in der früheren Mine Sos Enattos in Sardinien dem Granitstock bei Kamenz stark ähnelt. Vor wenigen Wochen schlossen beide Regionen einen Kooperationsvertrag.

Wie soll die Zusammenarbeit zwischen Lausitz und Sardinien aussehen?

Zu Gast war am Donnerstag Alessandra Todde, Präsidentin der Region Sardinien. Sie erhofft sich im Grunde dasselbe vom Einstein-Teleskop wie Sachsen: die Transformation einer Region und Teil zu sein einer europäischen Wissenschafts-Infrastruktur. Materialnutzung, Technologieentwicklung – es gibt für Planung und Aufbau des Einsteinteleskopes zahlreiche Fragen, in denen man kooperieren oder sich die Arbeit teilen kann.

Alessandra Todde, Sardiniens Präsidentin, und Michael Kretschmer, Sachsens Präsident, verstehen sich gut. Sie haben ein gemeinsames Ziel.
Alessandra Todde, Sardiniens Präsidentin, und Michael Kretschmer, Sachsens Präsident, verstehen sich gut. Sie haben ein gemeinsames Ziel.
Quelle: TU Dresden/Christoph Soeder

Bricht jetzt ein Forscherstreit aus?

So wie die Lausitzer Forscher untersuchen aktuell auch Wissenschaftler an den anderen beiden Standorten genau die infrage kommenden Gesteinsböden und andere Bedingungen. Dann wird auch klarer sein, wie viel das Einstein-Teleskop in welcher Variante kostet. Fest steht: Es geht um Milliar­den. Heißt auch, die Standortentscheidung wird eine politische sein. Die Hoffnung in der Wissenschaft: dass letztlich gar keine Entscheidung oder gar Streit nötig sind, sondern die Untersuchungen ein klares Bild ergeben, in welcher Form und wo das Einstein-Teleskop am sinnvollsten ist.

Fest steht auch, dass es neben dem Einstein-Teleskop an sich weitere Partnerinstitute in anderen Ländern brauchen wird. „Alleine kann das niemand machen“, so Stegmann. Klar gebe es Konkurrenz unter den Bewerberregionen, „aber die Kooperation überwiegt“. Die europäische Zusammenarbeit ist ohnehin ein wichtiger Punkt für ihn. „Wir brauchen für das Einstein-Telekop Netzwerke, bei denen Grenzen keine Rolle spielen.“ Er sieht das Teleskop als ein Projekt eines offenen, freien Europas, „und das war nie so dringend nötig wie heute“.

Wie geht es weiter in der Lausitz?

In dem Granitsockel im Landkreis Bautzen gab es bereits Bohrungen, die Aufschluss gegeben haben über die Beschaffenheit und die Ausdehnung des Granits. Aktuell stehen noch einmal Bohrungen an, um einen flächendeckenden Eindruck zu erlangen, erklärt Andreas Rietbrock. Bekannt ist inzwischen: Das Granitbruchstück ist größer als erwartet und könnte sowohl das Dreieck als auch eines der beiden Ls aufnehmen.

Welche Rolle spielt das DZA in Görlitz?

Eine große und zugleich gar keine. Astrophysiker Günther Hasinger, Gründungsdirektor des DZA, war es, der die ersten Bohrungen im Lausitzer Granit startete. Denn für das DZA war ursprünglich ein seismisches Labor vorgesehen. So wurde deutlich, dass das Gestein auch für das Einstein-Teleskop geeignet ist. An der Machbarkeitsstudie für das Teleskop sind Hasinger und das DZA nun aber nicht beteiligt. Bei der Standortfrage müssen sie neutral bleiben, denn: Unabhängig davon, wo das Teleskop gebaut wird, soll das DZA der deutsche Vertreter des Projektes sein. Die Machbarkeitsstudie erstellen Christian Stegmann und Andreas Rietbrock an der TU Dresden. Falls es letztlich doch nichts wird mit dem Einstein-Teleskop in der Lausitz, gibt es einen Plan B: das Labor des DZA.

SZ

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