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Nach Cottbus, Bitterfeld, Berlin: Warum diese Sachsen pendeln – und was sie daran schätzen

Über 160.000 Sachsen pendeln für die Arbeit in andere Bundesländer – so viele wie noch nie. Hier erzählen fünf Menschen aus Görlitz, Hoyerswerda, Dresden, Leipzig und Großenhain, wieso sie die Fahrt auf sich nehmen.

Lesedauer: 6 Minuten

Sachsens Pendler: Für Top-Jobs in Cottbus, Bitterfeld oder Berlin nehmen Fachkräfte weite Wege in Kauf – so wie Louis, Andrea Prittmann, Antje Hüttig und Sylvia Booth (im Uhrzeigersinn). Quelle: Montage: B. Winkler, Fotos: R. Bonß, J. Mietzsch, André Kempner, P. Glaser, de.freepik.com/fanjianhua

Luisa ZenkerAnja BeutlerJuliane Mietzsch und Kathrin Krüger

Dresden. Rund jeder zehnte berufstätige Sachse fährt zur Arbeit in ein anderes Bundesland. Mit 160.138 Pendlern erreicht die Zahl einen neuen Rekord. Besonders Bayern ist populär. Aber auch Thüringen, Berlin, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen erfreuen sich größerer Beliebtheit, zeigen die Daten der Landesarbeitsagentur in Chemnitz. Diese Zeitung hat fünf Pendler und Pendlerinnen getroffen. Sie erzählen nicht nur, warum und wohin sie pendeln, sondern auch, wie sie sich die lange Fahrt versüßen.

Ein Fassbier Freitagabend im Zug nach Hause

Logistikmanager Louis wohnt in der Dresdner Neustadt, pendelt aber oft nach Berlin.
Logistikmanager Louis wohnt in der Dresdner Neustadt, pendelt aber oft nach Berlin.
Quelle: ronaldbonss.com

Louis ist in der französischen Normandie aufgewachsen. In Paris hat er Betriebswirtschaftslehre studiert und anschließend sechs Jahre in Prag für eine große Brauereikette gearbeitet. Gesprochen hat er dort nur Englisch. Vor einem Jahr ist der 30-Jährige nach Dresden gezogen. Der Beziehung wegen. Vier Monate besuchte er einen Deutschkurs, um die Grundlagen zu lernen. Parallel dazu hat Louis einen Job in Dresden gesucht. „Ich konnte keine Stelle finden. Ich war sehr überrascht, dass man hier überall Deutsch braucht, um einen Job zu finden.“

Er weitete seinen Radius aus, erst Leipzig, dann München, dann Berlin. In der Hauptstadt wurde er fündig. Seit Oktober arbeitet er in einem europaweit tätigen Unternehmen mit 300 Beschäftigten. Durch das internationale Team muss der Logistikmanager Englisch, Deutsch, Französisch sprechen.

Seitdem pendelt Louis nach Berlin. Da er noch in der Probezeit ist, möchte er nur den Vornamen nutzen. Unter der Woche bleibt der Logistikmanager oft in Berlin, dort hat er sich ein zweites Apartment gemietet. 1000 Euro kostet das möblierte Zimmer mit Putzkraft. „Ich habe keine Zeit für den Haushalt in zwei Wohnungen.“

„Ich mag meine Arbeit, sie macht Spaß und ist sehr interessant. Ich bekomme circa zehn Prozent mehr Gehalt als bei dem Jobangebot, das ich in Dresden hatte“, begründet er die Entscheidung fürs Pendeln. „Die Zugverbindung ist wirklich gut, eine Stunde und 30 Minuten. Das Internet funktioniert oft nicht, aber am Freitagabend hole ich mir ein Fassbier im Bordbistro auf dem Weg nach Hause.“

Eine Fahrgemeinschaft mit drei Pendlerinnen

Andrea Prittmann pendelt von Hoyerswerda nach Cottbus – manchmal alleine, oft in einer Fahrgemeinschaft.
Andrea Prittmann pendelt von Hoyerswerda nach Cottbus – manchmal alleine, oft in einer Fahrgemeinschaft.
Quelle: Juliane Mietzsch

Für Andrea Prittmann aus Hoyerswerda ist das Pendeln keine große Last. Vor etwas mehr als einem Jahr hat sie den Job als Sammlungsmanagerin bei den Städtischen Sammlungen Cottbus aufgenommen.

Damit kann sie sich nach der Leitung des Hoyerswerdaer Zuse-Computermuseums wieder mehr dem wissenschaftlichen Arbeiten widmen, was ihr sehr gut gefällt und ausschlaggebend war. Die 45 bis 60 Minuten Fahrtzeit hat sie als wertvolle Zeit für sich erkannt. Es laufen unentwegt Podcasts, die sich geschichtlichen oder politischen Themen widmen. Außer: Es wird eine Fahrgemeinschaft gebildet.

Denn drei Hoyerswerda-Cottbus-Pendlerinnen stehen in Kontakt und schließen sich zu Fahrgemeinschaften zusammen, so oft es geht. Das schont nicht nur den Geldbeutel und die Umwelt, sondern bietet auch Gelegenheit für lockere Gespräche.

Ein Umzug nach Brandenburg kam für Familie Prittmann nicht infrage. Dem sächsischen Bildungssystem und den guten Hoyerswerdaer Schulen wurde der Vorzug gegeben, so Andrea Prittmann. Einzig Baustellen, die bekannte Tempo-30-Zone auf der B97 und andere Autofahrer können die Fahrt für Andrea Prittmann anstrengend machen. Aber mit der Gleitzeitregelung ist sie flexibel und einmal wöchentlich arbeitet sie im Homeoffice.

Für die Eisenbahn auf der Autobahn nach München oder Offenburg unterwegs

Kai Zilliges aus Großenhain ist als Prokurist einer Bahnbaufirma deutschlandweit unterwegs.
Kai Zilliges aus Großenhain ist als Prokurist einer Bahnbaufirma deutschlandweit unterwegs.
Quelle: privat

Kai Zilliges aus Großenhain arbeitet seit vier Jahren für die Firma Bahnbau Weidlich in Heinsdorfergrund bei Reichenbach im Vogtland. Pendler ist er aber schon seit 30 Jahren. Immer für Bahnbaubetriebe. Montagfrüh oder Sonntagabend geht es los.

Doch die Wochenenden versucht der Familienvater immer, zu Hause in Großenhain zu sein. „Homeoffice wäre möglich, aber bei uns zu Hause ist die Internetverbindung zu schlecht“, sagt der 52-Jährige. Da sei sie noch besser im Ferienhaus an der Ostsee.

Das Unternehmen, für das Zilliges tätig ist, ist hauptsächlich in den alten Bundesländern für die Deutsche Bahn tätig. Dort seien die Erlöse höher, so Zilliges. Deshalb sei er eine Woche im Büro im Vogtland tätig, und eine Woche deutschlandweit auf den Baustellen unterwegs: in München, Offenburg, Coburg. „Manchmal fahre ich sogar schneller durch Frankreich nach Trier“, erzählt Zilliges.

Seine Arbeit erfordert es, dass er jährlich bis zu 100.000 Kilometer auf Achse ist. Die reine Pendelzeit von Großenhain ins Vogtland beträgt nur zwei Stunden. Doch sein Mercedes GLS 450 düse mit 250 Sachen über viele deutsche Autobahnen, meist nachts. Manchmal 3000 Kilometer in der Woche.

Homeoffice wäre möglich, aber bei uns zu Hause ist die Internetverbindung zu schlecht. – Kai Zilliges, Pendler

„Mit dem Zug würde das nicht gehen, da käme ich nicht pünktlich überall hin“, sagt Kai Zilliges. So macht er sich schöne Musik im Autoradio an, stimmungsabhängig, aber am liebsten den Sender 80s80s.

Als Pendler muss der Prokurist oft auch im Auto arbeiten: telefonieren und per Freisprechanlage Baubesprechungen leiten. „Ich muss 24/7 erreichbar sein“, sagt Kai Zilliges. Er liebt diese Arbeit, den Kontakt zu Menschen und will das gern noch bis zur Rente machen. Denn das Pendeln habe auch schöne Seiten.

Zilliges wohnt in einem Familienhotel im Vogtland, wo er immer sein Stammzimmer bekommt. „Die laden mich sogar zu ihren Familienfeiern ein“, erzählt der Großenhainer. Einmal habe er seine Lesebrille vergessen. „Da lag dann ein schwarzes Etui mit roter Schleife und roter Brille drin auf meinem Bett“, erinnert sich Zilliges gerührt. Rot ist seine Lieblingsfarbe.

Im Zug neue Bekanntschaften schließen

Mit Rad und Bahn braucht Sylvia Booth für eine Strecke 50 Minuten. Früher war sie eine Stunde und 15 Minuten unterwegs.
Mit Rad und Bahn braucht Sylvia Booth für eine Strecke 50 Minuten. Früher war sie eine Stunde und 15 Minuten unterwegs.
Quelle: Kempner

Sylvia Booth pendelt seit 2002 täglich von Leipzig nach Sachsen-Anhalt. Zuerst Dessau, dann Wolfen und nun Bitterfeld. Die Psychologin arbeitet dort im Krankenhaus. Anfangs war es eine Stunde und 15 Minuten, jetzt sind es 50 Minuten von Tür zu Tür – mit Rad und Bahn. Auf der Zugfahrt hört sie Musik, strickt, liest Nachrichten oder unterhält sich mit ihren Mitfahrern.

„Inzwischen kennt man sich unter den Pendlern. Man macht richtige Zugbekanntschaften“, sagt die 50-Jährige. In den ersten Jahren ist sie noch mit dem Auto gefahren, das hat sie 2019 abgeschafft. „So hab ich mehr Bewegung an der frischen Luft.“ Eines ist ihr jedoch aufgefallen: Die Züge haben öfter Verspätungen und sind voller. „Als es das Neun-Euro-Ticket gab, war es super nervig. Ich musste die ganze Zugstrecke stehen.“ Dennoch schätzt sie das Deutschlandticket sehr, damit spare sie viel Geld.

Aber warum nimmt sie täglich den Weg auf sich? „Ich habe 2002 mehrere Monate nach einer Arbeit in Leipzig gesucht“, erklärt sie den Grund, wieso sie mit dem Pendeln begonnen hat. Nun fühle sie sich wohl mit den Kollegen, das Gehalt sei gut.

Sylvia Booth hat ihre Tochter alleinerziehend aufgezogen, das ging nur mit einer 30-Stunden-Woche und Gleitzeit. Dafür musste sie eine passende Stelle finden. Aber sie bemerkt auch: „Ich mag Pendeln, im Zug habe ich Zeit für mich. Es ist wie eine Zäsur. Ich lasse meine Arbeit in Bitterfeld. Außerdem treffe ich keine Klienten in Leipzig.“

Von Görlitz nach Cottbus für neue Anregungen

Antje Hüttig pendelt regelmäßig mit dem Zug von Görlitz nach Cottbus. Der kann manchmal sehr voll werden.
Antje Hüttig pendelt regelmäßig mit dem Zug von Görlitz nach Cottbus. Der kann manchmal sehr voll werden.
Quelle: Paul Glaser/glaserfotografie.de

Die Görlitzerin Antje Hüttig pendelt seit drei Monaten einmal die Woche nach Brandenburg. Meist fährt sie nach Cottbus, manchmal aufs Land, nach Forst oder Senftenberg. Das ist in ihrem Job so angelegt, denn Hüttig arbeitet für die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, die wie ein Zipfel über den Norden des Kreises Görlitz bis nach Görlitz selbst in den Freistaat Sachsen hineinragt.

Die 42-Jährige organisiert als Referentin am Zentrum für Dialog und Wandel den Lausitz-Kirchentag: „Er soll im Juni 2028 in der Brandenburgischen Lausitz stattfinden und viele Akteure aus der Zivilgesellschaft einbinden.“ Heißt für sie: viele Vor-Ort-Termine – auch abends. Aufs Land fährt sie mit dem Auto, nach Cottbus mit dem Zug, „der auf dem Rückweg nach Görlitz sehr voll sein kann“.

Abgesehen von der „großen Weite ohne Hügel“, in die sie fährt, schätzt sie am Pendeln, „dass sich der Horizont weitet“. In Brandenburg schauten die Menschen stärker auf Berlin, auch der Strukturwandel laufe anders. „Und Anregungen sind ja immer gut“, findet sie.

SZ

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