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Wie Oliment das Bauen verändern kann

Ein Unternehmen aus Espenhain setzt auf ein Bindemittel, das es so bisher weltweit nicht gab.

Lesedauer: 3 Minuten

Ein Mann zeigt ein Mineraliengemisch.
Gemisch mit Potenzial: Bei der Grundsteinlegung bei Oliment in Espenhain zeigte der Mineraloge Daniel Wagner den Grundstoff Magnesiumsilikat. Foto: Jens Paul Taubert

Von Ulrich Langer

Espenhain. Einzigartig, phänomenal, unglaublich, phantastisch. Das sind nur einige der bewundernden Adjektive – kürzlich zu hören bei der feierlichen Grundsteinlegung für einen Experimentalbau der Oliment GmbH in Espenhain. Nahezu euphorisch gibt sich auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. Es sei erstaunlich, was die Mitarbeiter geleistet hätten. „Hier ist ein toller Standort. Das ist Weltniveau“, fügt der 51-jährige CDU-Politiker hinzu. Damit meint er das, was die 30 Mitarbeiter des Unternehmens leisten. Sie haben das Bindemittel Oliment entwickelt, das den herkömmlichen Zement ersetzt, aber bei seiner Herstellung keinerlei schädliches Kohlendioxid (CO₂) freisetzt. Das ist ein absolutes Novum. Mit großem Potenzial. Denn die weltweite Zementproduktion verursacht jährlich etwa 2,8 Milliarden Tonnen des Klimakillers. Das entspricht rund acht Prozent des gesamten globalen CO₂-Ausstoßes, „doppelt so viel wie der Flugverkehr verursacht“, betont denn auch Henry Graichen (49), Landrat des Landkreises Leipzig. „Umso wichtiger ist es, etwas dagegen zu tun“, lobt Kretschmer das Engagement der „Olimentis“, wie sie scherzhaft genannt werden.

Das Unternehmen wurde 2021 gegründet von Frank Bellmann. Der 53-Jährige hatte an der Bauhaus-Universität in Weimar studiert, promoviert und habilitiert. Seit Anfang der 2000er-Jahre forscht er zu mineralischen Werkstoffen im Bauwesen. Er hatte vor einem Vierteljahrhundert die Idee zu Oliment. Der Name – statt Zement – ist abgeleitet von Olivin. Das ist eine Gruppe von gesteinsbildenden Stoffen, also ein häufig vorkommendes, magnesium- und eisenreiches Silikatmineral. „Ich habe viele Varianten ausprobiert, ohne zu wissen, ob es klappt.“ Und dann eben auch mit Magnesiumsilikat. Es funktioniert wie Zement als Bindemittel, das durch chemische Reaktion mit Wasser erhärtet und danach fest bleibt, sprich vermischt mit Sand und Kies zu Beton wird. Getestet wurde die Neuentwicklung im eigens errichteten Technikum der Firma in Espenhain, einem Ortsteil von Rötha bei Leipzig. „Magnesiumsilikat ist weltweit verfügbar. Es ist ein splitähnliches Material, aus dem der gesamte Erdmantel besteht und wurde bisher vor allem im Straßenbau eingesetzt“, erklärt Daniel Wagner. Der promovierte Mineraloge ist seit zwei Jahr im Unternehmen und kümmert sich um die Rohstoffverfügbarkeit und die Bindemittelentwicklung. „Nun wird das Mineral zu Oliment für die Betonherstellung veredelt.“ Darauf ist der 34-Jährige, dessen Doktorvater Bellmann ist, richtig stolz.
Denn: Zur Zementproduktion werden die natürlichen Rohstoffe Kalkstein und Ton verwendet, dann zu Rohmehl gemahlen und anschließend auf etwa 1450 Grad Celsius erhitzt, bis sie an den Korngrenzen teilweise miteinander verschmelzen. Das bezeichnen die Fachleute als Sintern. Es entsteht der Zementklinker, der schließlich zu Zement, also einem „Klebstoff“-Bindemittel für Beton gemahlen wird. Ähnlich die technologischen Schritte bei Oliment. „Allerdings mit einem großen Unterschied: Es genügen 800 Grad Celsius und es wird kein Kohlendioxid freigesetzt, das eben im Kalkstein enthalten ist – pro Kilo immerhin 400 Gramm“, berichtet Wagner. Selbst die Temperatur sei komplett mit Ökostrom – etwa von Windrädern oder Sonnenstrom – zu erreichen, bei 1450 Grad gehe es nicht ohne Verbrennung etwa von Kohle, Öl, Gas oder gar Plastikmüll.

Unterstützt durch die SAB
Die junge Firma, die von der in Leipzig ansässigen Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) unterstützt wird, investierte bislang eine Summe im unteren siebenstelligen Bereich, wobei die Sächsische Aufbaubank mit 200 000 Euro half. Mit ihrem patentierten Produkt und Herstellungsprozess will das sächsische Unternehmen einen entscheidenden Beitrag zur Klimaneutralität schaffen. Und dabei sind die Olimentis mit der Grundsteinlegung einen weiteren wesentlichen Schritt gegangen. Bislang wurde das neuartige Bindemittel im Labormaßstab hergestellt. „Zunächst im Grammbereich, dann im Kilobereich, schließlich im Bereich von einer Tonne“, berichtet der gebürtige Leipziger Bellmann. Zum Vergleich: Die deutsche Zementindustrie produziert täglich mehrere Tausend Tonnen. Selbstredend wurden schon Betonwände und einzelne Betonteile auf die neue Art hergestellt und sind auch in der Werkhalle zu sehen. Nun wird ein Experimentalbau errichtet, der – wie der Name schon sagt – dazu dient, in freier Natur auszutesten, wie sich der Oliment-Beton bewährt. So dient er als Demonstrationsobjekt etwa für Investoren, Industriepartner und öffentliche Auftraggeber. Bis Ende nächsten Jahres soll das Haus stehen. Wenn es alle Prüfungen besteht, „kann es später etwa für Büros oder als Labor genutzt werden“, schaut der Chef in die Zukunft. Es ist weltweit „der erste Experimentalbau seiner Art“, bekräftigt Kretschmer. Mit der Innovationskraft der Region werde eine wunderbare Erfolgsgeschichte geschrieben. Ziel ist es, mit dem neuen Bindemittel „eine Grundlage für klimaneutrales Bauen zu schaffen“, betont Bellmann. „Eine Innovation, die vielleicht irgendwann die Welt verändert“, meint sogar Matthias Tietze (47) von der Leipziger Bauingenieurfirma Kahnt + Tietze, die die Planung des Neubaus innehatte.

Nahezu kurios oder doch eher ein Glücksumstand ist, dass dieses klimaneutrale Agieren ausgerechnet in einer Region in globales Neuland führt, die einst von enormen Umweltbelastungen gebeutelt war. „Vor 90 Jahren wurden hier eine Brikettfabrik und eine Schwelerei errichtet“, erinnert sich Graichen. Oftmals seien täglich bis zu 20 Tonnen Schwefeldioxid und 1,5 Tonnen Ammoniak in die Luft gepustet worden. Die Bewohner hätten selbst bei wolkenlosem Himmel oftmals keine Sonne gesehen. „Und trotzdem hat sich hier keine Industriefeindlichkeit entwickelt.“ Im Gegenteil. „Klimaschutzziele sind richtig und nützlich“, mahnt Kretschmer an. Es gelte, mit schlauen Ideen aufzutrumpfen. „Kluge Wirtschaftspolitik ist Technologiepolitik.“ So könne Klimaschutz wieder zum Jobmotor werden. In Espenhain werde eine schöne Erfolgsgeschichte geschrieben. „Der Innovationsgeist hier ist phänomenal“, freut sich Tietze. Oliment beflügelt nahezu auf ganzer Breite zu einem regelrechten Bewunderungssturm.

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