Von Gabriele Fleischer
Leisnig. „Ich mache einfach.“ Dass dieser Satz für Walter Stuber längst zu einer Lebensmaxime geworden ist, spürt man schon bei der ersten Begegnung. Als der 65-jährige gebürtige Schwabe und heutige Wahl-Leisniger zum Gesprächstermin in die BNI-Zentrale nach Dresden kommt, wird er von allen herzlich empfangen. „Walter, sehen wir uns heute Abend?“ „Schön, dass du da bist.“ „Wie geht es?“ Schnell entspinnt sich eine Unterhaltung. Dabei ist er seit Jahresbeginn kein BNI-Mitglied mehr. Die Buchstaben stehen für Business Network International, also internationales Geschäftsnetzwerk. Seinen Ursprung hat es in den USA, wo es 1985 mit dem Ziel gegründet wurde, dass sich Selbstständige, Freiberufler und Unternehmer regional vernetzen.
Ende 2025 war für ihn als geschäftsführenden Gesellschafter der Roßweiner Niederlassung der Gemeinhardt Service GmbH Spezialgerüstbau aber Schluss – nach mehr als 30 Jahren. Die Firma mit 40 Mitarbeitern, davon zehn Auszubildende, weiß er trotzdem in guten Händen. Neben seinem langjährigen Mitgesellschafter Dirk Eckart hat sein Sohn Ingolf die Geschäfte – unter anderem Aufträge für Brücken und Fluchttreppen – übernommen. Wie oft wurde er seitdem um Rat gefragt? „Gar nicht. Ein gutes Zeichen“, findet Walter Stuber, für den es ein versöhnliches Ende seiner Berufslaufbahn ist.
Ein schwerer Arbeitsunfall als Zäsur
In der ging es nämlich nicht nur bergauf. Aufgrund einer spastischen Lähmung konnte er den Landwirtschaftsbetrieb seiner Eltern nicht übernehmen. Auch in der Schule sei er kein Held gewesen. Trotzdem schaffte er den Schulabschluss, eine Lehre zum Bürokaufmann folgte. Er arbeitete in diesem Beruf, dann als Lagerist, Technischer Mitarbeiter und schließlich als Bauleiter bei der Gerüstbaufirma, die ihm später die Möglichkeit eröffnete, eine Niederlassung in Roßwein zu gründen. Stuber, der als Arbeitgeber geachtet war, erzählt aber auch, dass es andere Zeiten gab. Manchmal sei er ein Tyrann gewesen – in der Firma und daheim. Ein schwerer Arbeitsunfall auf einer seiner Baustellen und ein Kalkulationsfehler, der die Firma fast in die Insolvenz geführt hätte, seien nicht vergessen. Aber all das waren auch Erlebnisse in seinem Leben, aus denen er gelernt hätte, wie er sagt. Als Unternehmer hat er sich seine Stellung erarbeitet und mit seiner Belegschaft einige Auszeichnungen erhalten – bester Ausbildungsbetrieb war nur eine davon. Trotzdem: Seine Anerkennung ging nur Schritt für Schritt, wie Stuber heute sagt, da ihn scheinbar alle auf Händen tragen. „So ist es nicht“, winkt er ab. Es gebe schon auch Momente, in denen er streitsüchtig ist und vielleicht ein wenig intolerant.
Dass er sich vor Jahren schon von einem US-amerikanischen Unternehmen eine Persönlichkeitsanalyse erstellen ließ, spricht für sein gewachsenes Selbstbewusstsein. Leistungsorientiert, überzeugt von inneren Stärken und eine Autorität, die er ausstrahlt, aber auch Verantwortungsgefühl sind Charakterzüge, die ihm dort attestiert wurden.
Um all das weiter auszuleben und einfach auch, weil er Lust hat, legt Stuber die Hände als Rentner nicht einfach in den Schoß. Dabei könnte er das nach all den Berufsjahren und wegen seiner zunehmenden Beschwerden durch die Lähmung der Beine. Vielleicht gerade deshalb ist der ehrgeizige Unruhegeist, der immer wieder auch den Glauben als Motor seines Lebens nennt, rastlos wie eh und je – wohl wissend, dass nicht alles geht, vieles auch nicht mehr, was er früher noch konnte. Die Krankheit schreitet voran. So bleibt sein Traum von ausgedehnten Wanderungen durch die Sächsische Schweiz unerfüllt. Dafür nutzt er die Zeit für andere Dinge, die ihm am Herzen liegen und seinen Tag ausfüllen.
In den sozialen Netzwerken aktiv
Während er die Geschicke seiner einstigen Gerüstbaufirma verfolgt, die durch die familiären Bande weiter eng mit ihm als Niederlassungsvater verbunden ist, plant er in Dresden für Sachsen Neues. Mit Managerin Joanna Miklitz aus Leipzig arbeitet er am Projekt „Top Mastermind – Wo Visionäre aufeinandertreffen“. In kleiner Runde wird dabei mit Vertretern von maximal acht kleinen und mittelständischen Unternehmen unterschiedlicher Branchen der Austausch für gegenseitige Synergien gepflegt, sind Workshops und Vorträge geplant. Im Herbst dieses Jahres soll mit vorerst drei Unternehmensvertretern begonnen werden. „Vielleicht kommen bis dahin noch mehr dazu“, hofft Stuber. Dabei weiß er, warum einige zögern, mitzumischen. Das Geld, das für die Mitgliedschaft nötig ist, sitzt bei vielen in derzeit schwierigen wirtschaftlichen Zeiten nicht gerade locker.
Und Stuber wäre nicht Stuber, wenn er nicht noch mehr auf Lager hätte. Dazu gehören regelmäßige Podcasts sowie wegen seiner Grammatik- und Rechtschreibschwäche mit einem Ghostwriter verfasste Bücher, bei denen ihm auch die Künstliche Intelligenz hilft, wie er unumwunden zugibt. Das sind nur einige Dinge, mit denen er sich die Zeit vertreibt. Jeden Samstag zum Beispiel kümmert er sich um eine neue Ausgabe von „Mutig anders unterwegs“. Er spricht mit Menschen über ihren Beruf, ihre Verantwortung und gibt Tipps aus seinem Berufsleben. Macht Mut.
In sozialen Netzwerken lässt er die Zuhörer an seinen Urlaubserlebnissen teilhaben wie kürzlich in Portugal und Ägypten. Ausflüge, für die er seiner Frau sehr dankbar ist. Mit zwei Krücken könne er keinen Koffer tragen und benötige immer wieder Hilfe, die er aber auch von anderen bekommt. Dann wären da noch das 3600 Quadratmeter große Grundstück im mittelsächsischen Leisnig, das er mit seiner Frau bewirtschaftet, die Ausfahrten auf einem eigens für ihn angefertigten Harley-Trike mit Sachsens Christlichem Motorradfahrerverein, Krafttraining, Zeit für die Enkel und Unterstützung von örtlichen Vereinen. Wie er das alles schafft? „Ich mache einfach.“ Und so wird es immer weiter gehen.


