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Zehn Gründe, warum Mitteldeutschland eine Start-up-Factory braucht

In Sachsen und Thüringen haben sich zehn Hochschulen zusammengeschlossen, um mit „BoOst“ eine gemeinsame Start-up-Factory für Mitteldeutschland aufzubauen. Warum das gerade jetzt wichtig ist – eine Analyse.

Lesedauer: 4 Minuten

Nora Miethke

Dresden. Traditionell starke Industrien wie Automobilbau, Chemie und Stahl schwächeln. Dow Chemical will bis Ende 2027 zwei große Anlagen in Böhlen und Schkopau schließen. 550 Arbeitsplätze sind betroffen. Das VW-Werk in Zwickau soll zwei Drittel seiner Produktion verlieren. Die Fertigung in der Gläsernen Manufaktur läuft aus. Was das für die über 9000 Beschäftigten bedeutet – unklar.

Das sind nur zwei Beispiele, die deutlich machen: Es muss mehr passieren, um wegfallende Jobs durch neue zu ersetzen. Hier sind zehn Gründe, warum Mitteldeutschland eine Start-up-Factory wie BoOst jetzt dringend braucht.

1. Stärkung der regionalen Wirtschaft

Im aktuellen Zukunftsatlas der Prognos AG und im Faktencheck Ostdeutschland der Mitteldeutschen Stiftung für Wissenschaft und Bildung werden die mangelnde Gründungsintensität in Sachsen wie im ganzen Osten als eine Schwäche benannt. Laut Sachsen Startup Monitor 2025 gibt es im Freistaat zwar derzeit 698 Start-ups. Aber zum Vergleich: In Hessen sind es 1682 und in Niedersachsen 1078. Gegenüber Bayern mit 4418 und Baden-Württemberg mit 2628 ist der Osten weit abgeschlagen. Eine Start-up-Factory könnte diese Lücke nicht schließen, aber verringern. BoOst will die Zahl der Start-up-Gründungen in den nächsten fünf Jahren verdoppeln.

Kurz zur Erklärung: Nicht jede neu gegründete Firma ist ein Start-up. Dazu zählen all jene Unternehmen, die bis zu acht Jahre alt sind, von Technologie getrieben werden und schnell wachsen wollen. Klassische Handwerker gehören also nicht dazu, auch wenn sie gerade ihr Geschäft starten.

2. Schaffung von Arbeitsplätzen

Start-ups schaffen neue Jobs – nicht nur direkt im Unternehmen, sondern auch durch Zulieferer und Dienstleister. Deutschlandweit sind derzeit etwa eine halbe Million Menschen in Start-ups beschäftigt.

In Sachsen hat jedes dritte Start-up zehn oder mehr Beschäftigte. Hotspots wie Berlin und München sind noch stärker. Eine Start-up-Factory kann durch die Vernetzung mit Investoren dabei helfen, schneller zu wachsen und mehr Leute einzustellen.

3. Nutzung ungenutzter Potenziale

Ostdeutschland verfügt über enorme, aber bislang oft ungenutzte Potenziale für eine lebendige Gründerszene. Dazu gehören hervorragend ausgebildete Fachkräfte, starke Hochschulen und Forschungsinstitute – und im Vergleich zum Westen günstigere Mieten und niedrigere Lebenshaltungskosten. Doch bislang fehlt es in vielen Regionen an gezielten Strukturen, die das in wirtschaftlichen Erfolg umwandeln.

Genau da setzt eine Start-up-Factory an: Sie schafft einen zentralen Ort, an dem Ideen wachsen können – mit Werkstätten, digitalen Labors, Co-Working-Spaces und Vernetzung zu Förderstellen, Hochschulen und Industriepartnern. Besonders für technologieorientierte Start-ups (Deeptech) ist das ein echter Hebel. Sie brauchen Zugang zu Forschung und Wissenschaft und bezahlbare Infrastruktur. In Sachsen lassen sich 14 Prozent der Start-ups als Deeptechs klassifizieren. BoOst will sich auf sie konzentrieren.

4. Bekämpfung von Abwanderung

Ostdeutschland leidet unter dem anhaltenden Wegzug junger, gut ausgebildeter Menschen in wirtschaftsstarke westdeutsche Städte. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts vom Oktober 2024 betrug der Wanderungsverlust für die Altersgruppe 18 bis unter 30 Jahre für ganz Ostdeutschland (ohne Berlin) 7100 Personen im Jahr 2023. Sachsen verzeichnet zwar in den vergangenen Jahren mehr junge Zuzügler aus Westdeutschland als Fortzüge. Das hat mit der zunehmenden Attraktivität der sächsischen Unis zu tun.

Doch wie die letzte sächsische Absolventenstudie zeigte, bleiben nur knapp 40 Prozent der Absolventen, die zum Studium nach Sachsen zogen, auch hier. Eine Start-up-Factory kann helfen, Talente in der Region zu halten. Sie bietet jungen Menschen die Möglichkeit, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen – mit Unterstützung durch Coaching, Finanzierung, Netzwerke und Infrastruktur. Wer sieht, dass Unternehmertum auch in Leipzig, Jena oder Cottbus möglich ist, muss nicht zwangsläufig nach Berlin oder München ziehen.

5. Innovationsförderung abseits der Metropolen

Auch kleinere Städte und ländliche Regionen in Ostdeutschland bieten gute Bedingungen für neue Ideen – vor allem, wenn sie durch gezielte Strukturen unterstützt werden. Eine Start-up-Factory kann diesen Innovationsgeist dort fördern, wo er bisher zu wenig gesehen wird.

In Kombination mit regionalen Stärken – etwa in der Landwirtschaft, der Energiewirtschaft oder im Maschinenbau – entstehen ideale Ausgangspunkte für Start-ups in Bereichen wiesaubere Technologien, grüne Chemie und Erneuerbare Energien, Bioökonomie, Lebenswissenschaften oder digitale Daseinsvorsorge. Eine Start-up-Factory vor Ort bringt diese Potenziale zur Entfaltung und trägt dazu bei, dass zukunftsfähige Arbeitsplätze dort entstehen, wo sie dringend gebraucht werden. So wird die ländliche Region nicht weiter abgehängt.

6. Den ersten Dax-Konzern im Osten bauen

Auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung gibt es noch immer kein forschungsstarkes Großunternehmen mit Hauptsitz in den neuen Ländern. Um künftig mehr Unicorns, also Unternehmen mit einer Bewertung von über einer Milliarde Euro wie Staffbase oder Sunfire hervorzubringen, muss der Übergang von exzellenter Forschung zu marktlicher Verwertung verkürzt werden, sagt Andreas Pinkwart, Professor für Innovations- und Technologiemanagement an der Technischen Universität Dresden.

Andreas Pinkwart, Professor für Entrepreneurship und Innovationsmanagement an der TU Dresden, hat die vergangenen Monate ein starkes Bündnis geformt für die Bewerbung um eine Start-up-Factory in Mitteldeutschland.
Andreas Pinkwart, Professor für Entrepreneurship und Innovationsmanagement an der TU Dresden, hat die vergangenen Monate ein starkes Bündnis geformt für die Bewerbung um eine Start-up-Factory in Mitteldeutschland.
Quelle: Foto: SZ/ Veit Hengst

Er hat maßgeblich das breite Bündnis hinter BoOst geschmiedet. Die TU Dresden hat den Deep-Tech-Akzelerator exciteLAB an den Start gebracht. Das Konzept der BoOst-Start-up-Factory baut auf dem Leipziger SpinLab und dem neuen Dresdener exciteLAB auf und kooperiert mit internationalen Partnern.

Diese Hebelwirkung gilt es für das ostdeutsche Startup-Ökosystem systematisch zu erschließen. – Andreas Pinkwart, Professor an der TU Dresden

Indem technologiestarke Start-ups frühzeitig auf einen internationalen Wachstumspfad geführt werden, erzielen sie eine höhere Bewertung und die Chance auf eine bessere Risikokapitalausstattung. „Diese Hebelwirkung gilt es für das ostdeutsche Startup-Ökosystem systematisch zu erschließen“, so Pinkwart.

7. Mehr internationale Sichtbarkeit

Die Bundesregierung will über den Wettbewerb zu den Start-up-Factorys den Standort Deutschland für Investoren weltweit bekannter zu machen. Hätten sich die Hochschulen in Sachsen und Jena nicht auf den Weg begeben, mit vereinten Kräften eine Bewerbung zu stemmen, blieben der Region nicht nur wichtige Fördermittel vorenthalten. Die Start-up-Szene Mitteldeutschlands würde im Vergleich zu den anderen Gewinnerregionen nachhaltig an Sichtbarkeit und Attraktivität verlieren.

8. Zusammenarbeit mit der Industrie stärken

Die Ausschreibung hatte zur Bedingung, dass sich nur die Regionen beteiligen durften, die eine private Co-Finanzierung zu den Bundesmitteln in Höhe von bis zu zehn Millionen Euro einwerben konnten. Dies war für die neuen Länder ein Kraftakt. Aber privates Engagement ist wichtig für den späteren Erfolg von Gründerinitiativen. Es sei gelungen, erfahrene private Co-Gründer und strategische Partner aus der Industrie für eine aktive Mitwirkung zu begeistern, betont Pinkwart.

9. Fokus auf zukunftsfähige Schwerpunkte

BoOst setzt auf technologische Felder, die international gefragt sind: Mikroelektronik, Robotik, Halbleitertechnologie und Chipdesign. Diese Branchen bieten enormes Wachstumspotenzial.

Ergänzt wird dies durch Themen wie neue Materialien, Photonik, Optoelektronik und Medizintechnologie. Durch diese klare thematische Ausrichtung kann sich die Region national und europaweit abheben.

10. Gleichwertige Lebensverhältnisse schaffen

Start-ups können dazu beitragen, Lebens- und Wirtschaftschancen zwischen Ost und West anzugleichen. Sie schaffen hochwertige Jobs in Regionen, die sonst unter Abwanderung leiden.

Sie bauen mit Forschungseinrichtungen, Hochschulen und Kapitalgebern regionale Innovationszentren auf – zum Beispiel in der Lausitz. Das kann motivieren, zurück in die alte Heimat zu kommen. Erfolgreiche Start-ups aus dem Osten wirken wie Leuchttürme und können das Selbstbewusstsein einer Region stärken nach dem Motto: „Wir können Innovation!“

Fazit: BoOst kann frischen Schwung für Ostdeutschland bringen und ein Aufbruchssignal für die ganze Region sein.

SZ

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