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120 Jahre Bombastus: Die Freitaler Teedroge wächst und wächst

Vor 120 Jahren im sächsischen Freital gegründet, hat der bekannte Teehersteller Bombastus die DDR überlebt. Jetzt baut der Salbeiproduzent sogar aus. Wieso ist das Nischenprodukt so beliebt?

Lesedauer: 4 Minuten

Man sieht die Geschäftsführer Ulrich Brodkorb und Markus Kunze von Bombastus
Sie helfen bei Erkältung. Die Geschäftsführer Ulrich Brodkorb und Markus Kunze von Bombastus sind echte Salbei-Kenner. © Foto: SZ/Veit Hengst

Von Luisa Zenker

In den Freitaler Produktionsräumen duftet es nach Salbei, Kamille, Baldiran, Kümmel, Thymian. Es ist eine wilde Mischung, die Vorstandchef Ulrich Brodkorb liebevoll „Teedroge“ nennt. Sie ist der Grund für den Erfolg der Freitaler Bombastuswerke mit 155 Mitarbeitern, das in diesem Frühjahr 120 Jahre feiert. Denn die Teedroge scheint immer beliebter zu werden, die Bombastuswerke wollen deshalb ausbauen.

Den Trend zur Naturmedizin haben offenbar schon die drei Gründerväter 1904 erkannt. Emil Bergmann, Otto Braune und Max Däbritz wollten einen alternativen Weg zur Schulmedizin einschlagen. In der Zeit, in der auch die Reformbewegung hin zu einer naturnahen Lebensweise wuchs, haben die Gründer ihren Blick auf Naturheilmittel gerichtet. Ganz auf die Sache fokussiert, benannten sie das Unternehmen deshalb nach dem Arzt und Philiosophen Theophratus Bombast von Hohenheim. Bekannt auch als Paracelsus, der eine ganzheitliche Lebensphilosophie verfolgte.

Vom Mundwasser zur eigenen Salbeiproduktion

Mit dem Mundwasser fing alles an. Doch schon seit Längerem sind die Arzeneitees von Bombastus beliebter.
© SZ/Veit Hengst

Anfangs verkauften die Bombastuswerke in Freital vor allem Mundwasser, weiteten aber schnell die Produktpalette aus: Medizinische Tees, Salben, Öle, Kosmetika mit pflanzlichen Zutaten sollten den Menschen beim gesunden und gesund bleiben helfen. Zehn Jahre nach der Gründung startete das Freitaler Unternehmen dann mit dem eigenen Salbeianbau. Denn zu der Zeit war kaum etwas aus dem Ausland zu bekommen, kurzerhand pflanzten die Gründer eigene Salbeifelder auf Coschützer Flur. Dass das Herz des Unternehmens auch heute noch für die mediterrane Pflanze schlägt, ist in der Freitaler Produktion nicht zu übersehen. Fotos von violett-blühenden Salbeifeldern schmücken den Flur, zum 120-jährigen Jubiläum gibt es rote Salbeibowle, jeder Mitarbeiter bekommt täglich Salbeitee zu trinken. Ein möglicher Grund, warum der Krankenstand unterdurchschnittlich ist, sagen die Geschäftsführer Ulrich Brodkorb und Markus Kunze mit Augenzwinkern.

Seit 1914 baut Bombastus auf eigenen Feldern rund um Freital Salbei an.
© SZ/Veit Hengst

Auf 40 Hektar baut die Aktiengesellschaft die mehrjährige Pflanze nahe Freital an, immer in wechselnder Fruchtfolge, um die Bodenfruchtbarkeit zu erhalten. Laut eigenen Angaben sind sie weltweit die einzigen Hersteller, die den Salbei von der Wurzel bis zur Blüte verarbeiten – für Tee, Öl, Cremes. Bis zu zehn Saisonarbeiter ernten die Pflanze im Sommer. Der Salbei wird dann vor Ort getrocknet, von Käfern gesäubert und in Teefilter verpackt wird.

Doch zum Verkaufsschlager gehört nicht nur der Salbei sondern auch der Kamillentee, Lavendelöl, Husten-Bronchialtee, Mundwasser. Letzteres hat seine Rezeptur seit 1904 beinahe behalten. Nur die Verpackung hat sich geändert. Und die krebserregende Alkannawurzel wurde aus der Mixtur gestrichen.

260 Naturheilmittel bieten die Bombastuswerke insgesamt an. Laut Vertriebsleiterin Grit Schuster ein Grund für den Erfolg, setzt das Traditionsunternehmen doch auf mehrere Standbeine. Die Zutaten für die Produktpalette kauft Bombastus von anderen Lieferanten: aus Thüringen, aber auch aus Osteuropa und teilweise aus Asien. Auch wenn deutsche Lieferanten wieder zurück zur regionalen Produktion wollen, das Know-How sei über die Jahre in Deutschland verloren gegangen, sagt Geschäftsführer Ulrich Brodkorb. In Polen und Ungarn dagegen sei die Expertise gewachsen.

Wie das Unternehmen die 150 Jahre schaffen will

Trotz der kostengünstigen Konkurrenz mit dem Ausland, unter anderem auch aus China und Indien, will das Unternehmen am Standort Freital festhalten. Und weiter ausbauen. Derzeit plant das Unternehmen den Umzug der Salben- und Tablettenproduktion in ein neues Gebäude, das 2015 mit einem Investitionsvolumen von sieben Millionen Euro auf dem Freitaler Betriebsgelände errichtet wurde. Darauf will man zudem eine Photovoltaikanlage bauen, um die Energiekosten zu senken. Denn die Trocknung des Salbeis geschieht noch immer mittels teurem Erdöl. In der neuen Halle möchte man außerdem Wert auf automatisierte Herstellungsprozesse legen. Eine Reaktion auf den Fachkräftemangel, dem das Unternehmen zumindest bisher verschont blieb. „Wir haben eine einzige Stelle ausgeschrieben“, so Ulrich Brodkrob, der dennoch weiß, dass sich das in Zukunft ändern kann.

25 Millionen Euro hat Bombastus seit der Wende in die Produktionsstätte in Freital investiert. © SZ/Veit Hengst

Ein Mitarbeiter verpackt den Tee für die Apotheken. © SZ/Veit Hengst

Die schwere Nachwendezeit

Die Geschichte von Bombastus klingt durch und durch nach einer Erfolgsstory. Seit 2001 hat sich der Umsatz mit aktuell 13 Millionen Euro verdoppelt. Doch die Zeiten scheinen nicht immer leicht gewesen zu sein. Markus Kunze erinnert sich an die Nachwendezeit, wo die Beschäftigten eher die Produktionshallen renovierten als Arzneimittel herstellten. Nach der Reprivatisierung des staatlichen DDR-Unternehmens musste Bombastus in den alten Bundesländern Fuß fassen, um zu überleben. Das versuchte man mit 15 Vertretern, die in westdeutschen Apotheken und Krankenhäusern mit Bombastus-Produkten um ihre Gunst warben. Auch wenn Bombastus nun in ganz Deutschland verkauft, der Schwerpunkt in Ostdeutschland ist geblieben, gesteht Vertriebsleiterin Grit Schuster. In den Apotheken zähle Bombastus mit über 70 losen Tees zum Marktführer. Drei Prozent der Produkte werden zudem ins Ausland exportiert, unter anderem nach Taiwan und China. Doch durch die schwierigen Zulassungsverfahren bleibt man lieber im Inland. Dort aber werde es durch den Rückgang der Apotheken herausfordernder, auch der Onlineversand steckt mit einem Umsatz von drei Prozent noch am Anfang.

Die Inflation hat das Unternehmen hingegen gut weggesteckt. „2023 war unser stärkstes Jahr“, so Vertriebsleiterin Grit Schuster. Die Teedrogen scheinen an Beliebtheit nicht zu verlieren. Grit Schuster führt das auf den wachsenden Trend zu mehr Naturheilmitteln zurück. Die Zukunft für Bombastus scheint also überwiegend bombastisch. Denn auch dem Klimawandel blicken die Unternehmer optimistisch entgegen. Sonne und hohe Temperaturen – ein Plus für die Salbeipflanzen. Dass bald um ganz Freital die mediterrane Pflanze blühen wird, bleibt aber unwahrscheinlich, so die Geschäftsführer.

Veranstaltungstipp: Am Freitag, den 31. Mai lädt Bombastus zum Tag der offenen Salbeifelder in Freital ein. Von bis 10 bis 18 Uhr werden Führungen rund um die Salbeipflanze für Groß und Klein angeboten

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