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Trotz des Entlastungspaketes der Bundesregierung: Strom bleibt teuer im Osten

Trotz milliardenschwerer Hilfen bleibt Elektroenergie im Osten Deutschlands teuer. Verbraucherschützer warnen vor zu hohen Erwartungen an die angekündigten Maßnahmen. Was bedeutet das für die Verbraucher in den betroffenen Regionen?

Lesedauer: 3 Minuten

Roland Herold

Leipzig/Dresden. Findet die Energiewende auf Kosten der neuen Bundesländer statt? Und wird der Osten bei den Netzentgelten für Strom benachteiligt? Fragen, die auch zuletzt beim LVZ-Talk zur Windenergie eine Rolle spielten. Fakt ist, dass die höchsten Netzentgelte bisher vor allem im ländlichen Raum, im Norden und im Osten Deutschlands gezahlt wurden, während westdeutsche Großstädte, aber auch einige Städte im Osten günstiger davonkamen.

Derzeit entstehen zahlreiche neue Wind- und Solarparks im Osten, neue Leitungen werden verlegt. 50Hertz, der Betreiber des Hochleistungs-Übertragungsnetzes für die neuen Bundesländer, Hamburg und Berlin, plant unter anderem den Ersatzneubau einer 380-kV-Freileitung in Sachsen und im angrenzenden südlichen Sachsen-Anhalt. Diese Leitung, die den Strom über weite Strecken mit einer sehr hohen Spannung von 380 000 Volt (380kV) transportiert, um den Energieverlust gering zu halten, reicht vom Umspannwerk Pulgar im Landkreis Leipzig bis Vieselbach in Thüringen. Ein anderes Projekt ist die Elbe-Oberlausitz-Leitung, die den Dresdner Norden mit dem Landkreis Bautzen neu verbinden soll.

Netzentgelte werden von allen Kunden getragen

„Um den dringend benötigten Netzausbau zu realisieren, hat 50Hertz im vergangenen Jahr 3,6 Milliarden Euro investiert, das ist mehr als doppelt so viel wie 2023“, sagt Sprecher Jan Ulland der Leipziger Volkszeitung und der Sächsischen Zeitung. Insgesamt wolle man 2024 bis 2028 knapp 23 Milliarden Euro in Freileitungen, See- und Landkabel, Umspannwerke, Digitalisierung und weitere Technologien investieren. Das sei fast fünfmal so viel wie in den zurückliegenden fünf Jahren. Bis 2032 sollen 100 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren Energien kommen.

Derartige Ausbaumaßnahmen schlagen sich auf die „Maut für den Strom“ nieder – die Netzentgelte, die etwa ein Viertel des Strompreises ausmachen. Die Bundesregierung hat daher beschlossen, Regionen, die besonders hohe finanzielle Belastungen beim Ausbau der Stromnetze wegen der Erneuerbaren Energien tragen, solidarisch zu entlasten. Heißt: Die Mehrkosten tragen nunmehr alle Kunden. Seit Anfang 2025 werden sie durch die Bundesnetzagentur neu aufgeteilt.

Mitnetz Strom wälzt 292 Millionen Euro um

„Die Netzentgelte sind in Sachsen zum Jahreswechsel um rund 4 Prozent gesunken“, bestätigt Lundquist Neubauer von Verivox. „Zahlte eine Familie mit einem Stromverbrauch von 4000 Kilowattstunden (kWh) im vorigen Jahr noch 417 Euro für die Netze, sind es in diesem Jahr noch 400 Euro.“ In Mecklenburg-Vorpommern wurden die Netzentgelte sogar um 28 Prozent, in Brandenburg um 19 Prozent und in Bayern um 12 Prozent gesenkt. Leichte Steigerungen um drei Prozent gab es hingegen in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz.

Die Mitteldeutsche Netzgesellschaft Strom (Mitnetz Strom), die unter anderem Westsachsen abdeckt, kann 292 Millionen Euro auf diese Weise umlegen. „Mitnetz Strom als Verteilernetzbetreiber gibt die Kostenentlastung vollständig über niedrigere Netzentgelte weiter“, versichert Sprecher Hagen Ruhmer. Das Netzgebiet zeichne sich durch hohe Einspeisung Erneuerbarer Energien einerseits sowie geringe Bevölkerungs- und Siedlungsdichte andererseits aus, was einen weiteren Netzausbau trotz sinkender Verbrauchszahlen erfordere. Generell läge die installierte Erneuerbare-Energien-Leistung von Mitnetz Strom „deutlich über dem derzeitigen Verbrauch“.

Regionale Verteilnetzentgelte gleichen sich an

Für einen fiktiven Durchschnittskunden von Mitnetz Strom mit 3500 kWh Stromverbrauch im Jahr sanken die Netzentgeltkosten von 10,97 Cent pro kWh 2024 auf 9,83 Cent im Jahre 2025. Ohne das Intervenieren der Bundesnetzagentur wären sie wohl gestiegen.

Die Neuverteilung der Netzentgelte habe zu einer Angleichung der regionalen Verteilnetzentgelte geführt, bestätigt auch die Verbraucherzentrale Sachsen (VZS). „Damit werden die Netzkosten bundesweit fairer verteilt und regional besonders hohe Netzentgelte für private Haushalte gesenkt“, erklärt Energieexperte Lorenz Bücklein. Im westlichen und südwestlichen Sachsen wurden bei den Grundversorgern daher Preissenkungen verzeichnet. „Ostsachsen wiederum hat im Laufe des Frühjahrs sogar Preissteigerungen erfahren.“

Kritik am Paket der Bundesregierung

Mehr Verteilungsgerechtigkeit allein reicht aber nicht aus, damit Verbraucherinnen und Verbraucher weniger tief in die Tasche greifen müssen. „Auch wenn der neue Mechanismus bestimmte Regionen kostenmäßig entlastet, hat dies keine senkenden Effekte auf die eigentliche Entstehung der Netzkosten“, erinnert Mitnetz-Sprecher Ruhmer. Private Haushalte in Deutschland zahlen mit etwa 42 Cent pro Kilowattstunde die höchsten Strompreise im EU-Vergleich. Die anteiligen Netzentgelte für den Durchschnittshaushalt stiegen dabei von 6,59 Cent pro Kilowattstunde Strom (2015) auf 11,62 Cent in diesem Jahr.

Die Bundesregierung hat deshalb vor wenigen Tagen ein 6,5-Milliarden-Euro-Paket für Übertragungsnetzbetreiber wie 50Hertz auf den Weg gebracht, um ab 2026 Entlastung zu schaffen. Allerdings könnten die Ungerechtigkeiten damit wieder verschärft werden. Denn die Entgelte werden nicht 1:1 an die Versorger und von dort an die Kunden weitergegeben. Was dort ankommt, hängt unter anderem vom Ausbau der erneuerbaren Energien ab.

Auch die sächsische Verbraucherzentrale ist kritisch. „Netzgebiete, in denen mehr Strom vor Ort erzeugt wird, werden tendenziell weniger entlastet werden“, prophezeit Energieexperte Bücklein. Hinzu komme, dass die Industrie von den geplanten Netzkosten-Zuschüssen mehr profitieren werde. Verbraucherinnen und Verbraucher würden erst durch eine Senkung der Strompreisumlagen und der Stromsteuer spürbar profitieren.

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