Suche
Suche

Vier Ideen, wie der Automobilstandort Chemnitz überleben kann

Die Zukunft der Werke von VW Sachsen ist ungewiss. Auch wenn der Autobauer in den nächsten Jahren weniger Fahrzeuge und Verbrennungsmotoren in Sachsen baut, bedeutet das nicht das Ende des Autolands Sachsen. Die Bundesregierung versucht, verspieltes Vertrauen zurückzugewinnen.

Lesedauer: 4 Minuten

Die Beschäftigten im Chemnitzer Motorenwerk von VW wollen sich nicht mehr nur auf den Bau von Verbrennungsmotoren verlassen. Sie entwickeln neue Produkte. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa

Nora Miethke

Dresden/Chemnitz. Die Ratschläge der Unternehmensberater von McKinsey an den VW-Konzernvorstand, einfach mal acht von zehn Standorten in Deutschland zu schließen, zeigen eins: Es ist fünf nach Zwölf, um für den Industriestandort Südwestsachsen neue Ideen zu finden, neue Wege zu gehen, um Beschäftigung und damit den Wohlstand in der Region zu sichern.

„Wir müssen reden!“ war die Zukunftskonferenz überschrieben, zu der die IG Metall Arbeitgeber, Politiker und Betriebsräte am Dienstag nach Chemnitz eingeladen hatte. Auch Managementvertreter von VW Sachsen und IHK-Präsident Max Jankowsky waren der Einladung der Gewerkschaft gefolgt. Schnell waren sich alle Seiten einig, dass sich der Wandel des Autolandes Sachsen nur gemeinsam schaffen lässt. Aber Wandel wohin und wie? Hier einige Ideen:

Erstens: Pakt für Sachsen und Ostdeutschland

Die Zeit der Parolen ist vorbei. Die wichtigste Botschaft des Tags war, dass Politik, Gewerkschaften und Unternehmerschaft zusammenarbeiten wollen, um gemeinsam den Industriestandort zu retten. Das Streichen der Kaufprämie über Nacht hat das Vertrauen in die Politik und in die Elektromobilität erschüttert, weil plötzlich fest einkalkulierte Kaufanreize fehlten. Die Folgen waren ein Einbruch der Bestellungen. Volkswagen Sachsen musste die Zeitarbeiter nach Hause schicken und Schichten streichen. Die Zukunftskonferenz kann als Versuch verstanden werden, das Vertrauen in die Politik wiederzubeleben. Die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser, reiste extra an und stellte sich der Diskussion. Bundesumweltminister Carsten Schneider hatte im vergangenen September eine neue Kaufprämie versprochen, im Januar wurde sie eingeführt. Und in Zwickau laufen wieder mehr Aufträge ein. Über die tiefen Gräben, die in den Tarifverhandlungen bei der Marke VW gezogen wurden, müssen wieder Brücken gebaut werden. „Wir müssen die Ideologie beiseiteschieben und das fällt beiden Seiten schwer“, sagte Jan Otto, IG Metall-Gewerkschaftschef von Sachsen, Berlin und Brandenburg. Das erfordert konkret mehr Flexibilität etwa bei Arbeitszeitregelungen. Otto zeigte sich dafür offen.

Wir müssen die Ideologie beiseiteschieben und das fällt beiden Seiten schwer.

Jan Otto, Erster Bevollmächtigter der IG Metall für Sachsen, Berlin und Brandenburg

Er will gemeinsam mit Ministerpräsident Michael Kretschmer in Wolfsburg um die sächsischen VW-Standorte zu kämpfen, „denn Ostdeutschland hat schon genug geblutet“, so Otto. Damit das Erfolg hat, ist die Grundvoraussetzung, dass das VW-Werk in Zwickau seine Fabrikkostenziele erreicht. Die liegen für dieses Jahr offenbar laut Michael Kretschmer bei 3.500 Euro pro produziertem Fahrzeug. Sachsens Ministerpräsident wünscht sich einen „Pakt“, in dem man zum Beispiel niedrigere Lohnzuwächse verabredet, auf weitere Mindestlohnerhöhungen verzichtet und gemeinsam daran geht, die Sozialbeiträge zu senken.

Zweitens: Elektromobilität attraktiver machen

Das Motorenwerk von VW in Chemnitz ist gut ausgelastet. Aber Werkleiterin Franziska Fischer ist klar: Das wird nicht so bleiben. Ihre 1.800 Beschäftigten werden in den kommenden Jahren immer weniger Verbrennungsmotoren fertigen. „Wir werden nicht mehr nur ein Produkt haben können, sondern müssen eine Produktpalette aufbauen, wenn wir die Beschäftigung sichern wollen“, betonte Fischer. Die großen Antriebsthemen sind verteilt. Ein freies Feld ist dagegen das sogenannte Thermomanagement in Elektrofahrzeugen. Es kontrolliert und reguliert die Temperatur. Im Verbrennungsmotor sind das komplizierte Module, in denen ein Dutzend Meter Schläuche verbaut sind und die zeitaufwendig zu montieren sind.

Die Chemnitzer Ingenieure im Motorenwerk entwickelten ein kompaktes Modul, mit dem Batterien in E-Autos schneller warm werden. Dadurch verkürzen sich die Ladezeiten und der Stromverbrauch sinkt. E-Autofahrer sparen Zeit und Geld, Elektromobilität wird attraktiver. Für die Autohersteller verringert sich die Montagezeit um 70 Prozent und lässt sich Material um 20 Prozent einsparen, zählt Thomas Ungethüm. Er ist maßgeblich an der Entwicklung beteiligt. Ein Erfolg steht schon fest: Das Bauelement soll in zwei Jahren auf der neuen Fertigungsplattform in elektrische Audi-Fahrzeuge eingebaut werden. „Der Einstieg in die Thermowelt ist uns gelungen“, konnten Fischer und Ungethüm berichten. Und sie suchen nach weiteren Ideen.

Drittens: Fertigungsland Sachsen stärken

Für Andreas Wächter liegt die große Stärke der sächsischen Autozulieferer in ihrer Fertigungskompetenz. Diese müsste in Zukunft durch den Einsatz von Robotik und Automatisierung weiter verbessert werden, um die Produktivität zu steigern. „Unser Vorteil gegenüber den Chinesen ist, wir verstehen die Fertigungsprozesse besser“, so Wächter. Er ist optimistisch, dass Sachsen auch in zehn, 15 Jahren noch Fertigungsstandort für Autos und Autoteile ist. Dazu müsste die Politik dabei unterstützen, Energiepreise und Logistikkosten zu senken.

Eine Umfrage unter den Autozulieferern hätte ergeben, dass immer weniger von VW Sachsen abhängig sind. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor seien die Logistikkosten. „Wir müssen die hier in der Region produzierten Bauteile kostengünstig in andere Werke transportieren können”. Da seien Innovationen gefragt rund um das Thema autonomes Fahren. Selbstfahrende LKWs, die Teile zur Güterbahn bringen, könnten Kosten senken und fehlende LKW-Fahrer ersetzen.

Karsten Schulze, Geschäftsführer der FD Tech GmbH, hat mit acht anderen Unternehmen eine Allianz für automatisiertes Fahren gegründet. Seine Firma mit 130 Beschäftigten entwickelt automatisierte Fahrerassistenzsysteme und Lösungen für das autonome Fahren. Da könnte Südwestsachsen noch mehr anbieten.

Viertens: Mit KI und Robotik Brücken in die Zukunft bauen

Das Chemnitzer Startup Staffbase ist Marktführer für mobiles Intranet und das erste Einhorn in Sachsen, kann also mit einer Unternehmensbewertung von einer Milliarde Euro aufwarten. Als Softwarefirma profitiere Staffbase vom Industrie-Knowhow in der Region, man wisse genau, was die Industrie braucht, betont Vorstandschef Martin Böhringer. Sein Unternehmen mit 800 Beschäftigten weltweit, davon 200 in Chemnitz, zeige, dass man Software in Sachsen entwickeln kann, die mittlerweile tausende Kunden von Amerika bis Australien nutzen können.

Das Dienstleistungsgeschäft Software biete noch viel Potenzial, ist sich Böhringer sicher. Beispiel Maschinenbau: Künftig müssten die Sachsen Maschinen und Anlagen nicht unbedingt selbst bauen, sie könnten jene anleiten, die das tun in China und anderswo – und das mit KI-Agenten und Software. „Durch KI werden die Karten global neu gemischt in allen Bereichen. Ich glaube, dass man das ohne Angst angehen sollte, um die Chancen zu sehen“, ist der Staffbase-Chef optimistisch.

Industrieunternehmen verlagern Produktionen ins Ausland wegen hoher Personalkosten. Sachsen fehlen immer mehr Arbeitskräfte. Wenn mithilfe von KI und Robotern Fertigungslinien stärker automatisiert werden, würde der Nachteil zu hoher Personalkosten wegfallen. Die sächsische Industrie wäre wieder wettbewerbsfähiger. Böhringer fordert deshalb mehr Forschung im KI-Bereich und das möglichst schnell.

SZ

Das könnte Sie auch interessieren: