Seiffen. Mit fünf Schliffen seines Meißels formt Markus Füchtner aus einem Holzblock ein Männchen. Er hat das Holz mit einigen festen Hammerschlägen an der Drechselbank fixiert. Dort dreht es sich nun um die eigene Achse.
Einen Kreis um die Taille des zukünftigen Männchens lässt Füchtner stehen, das wird einmal der schwarze Gürtel. Den oberen Teil rundet er zu einem Kopf ab, das Holz fliegt in Spänen durch die Luft.

Quelle: HENRYC FELS
„In meiner Familie drechseln wir Körper und Kopf seit acht Generationen aus einem Stück Holz“, sagt Füchtner. „Und so mache ich es auch.“ Danach folgen noch mehr als 120 weitere Arbeitsschritte bis zum fertigen Nussknacker – so habe man das hier schon immer gemacht.
Es gibt aber einige Dinge, die macht Markus Füchtner nicht so wie immer schon, ganz und gar nicht. In diesem Jahr etwa hat er einen Nussknacker kreiert, der auf dem Kopf ein Basecap trägt und den Mittelfinger hebt. Gehört das noch zu Weihnachten, wie es das Erzgebirge kennt? Muss man Traditionen vielleicht sogar hin und wieder neu erfinden, um sie am Leben zu halten?
Protest gegen Billig-Nussknacker aus China
In diesem kleinen Haus, umgeben von raureifbedeckten Feldern am Rande der Gemeinde Seiffen im Erzgebirge, soll Füchtners Ur-Ur-Ur-Großvater um 1870 den ersten erzgebirgischen Nussknacker erschaffen haben. Dieser Wilhelm Füchtner muss ein aufmüpfiger Mann gewesen sein, leitete er doch den „Nussknackeraufstand“, wie Markus Füchtner sagt.
Denn von Anfang an waren die Könige, Polizisten und Soldaten aus Holz mit ihren zotteligen Bärten und dem grimmigen Blick eine Karikatur auf die Obrigkeit. „Damit die auch mal harte Nüsse zu knacken hatten, nicht nur das Fußvolk.“

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Aber manche Projekte des 44-jährigen Markus Füchtner wirken eben wie eine Karikatur auf die Arbeit seiner Vorfahren. Der Mittelfinger-Nussknacker zum Beispiel. 50 Mal hat er dieses Modell gedrechselt, es war sofort ausverkauft.
Was dazu wohl der Erfinder des Nussknackers gesagt hätte? Markus Füchtner wiegt den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, ob der Wilhelm damals schon verstanden hätte, was der Mittelfinger bedeutet“, sagt er. „Aber wenn ich ihm erklärt hätte, dass wir damit ein Zeichen setzen wollen gegen Billig-Nussknacker aus China, dann hätte er das bestimmt gut gefunden.“ Die könne man mittlerweile sogar schon im Nachbarort von Seiffen kaufen, für ein Zehntel des Preises seiner Figuren.
Andauernd scheint der Kunsthandwerker den Nussknacker neu zu erfinden. Ein kleines Exemplar, das in Füchtners Handfläche passt und das er liebevoll „Wilhelm“ nennt, schickte er erst mit einem Freund auf Weltreise. Auf Wilhelms Facebook-Seite landeten Fotos aus mehr als 50 Ländern. Später nahm ihn dann der deutsche Astronaut Matthias Maurer mit auf die ISS, wo er schwerelos durch die Raumstation schwebte.
Ein Nussknacker mit Weltraumtechnik
2022 bekam Füchtner in seiner Werkstatt Besuch von Wissenschaftlern des Fraunhofer-Instituts. Gemeinsam entwickelten sie eine Rakete aus Holz, in der Weltraumtechnologie versteckt war. Entzündet man in ihrem Bauch eine Räucherkerze, schiebt sich der Kopf eines Nussknackers aus der Spitze. Möglich macht das ein Metalldraht, der bei Hitze seine Form verändert. In Raumschiffen wird er etwa verbaut, um Antennen auszuklappen.

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Nur: Braucht ein Nussknacker Weltraumtechnologie? Und braucht Füchtner die ausgefallenen Aktionen, damit er mit seiner kleinen Werkstatt nicht in Vergessenheit gerät?
Uns hatte hier keiner auf dem Schirm, in der Provinz an der Grenze zu Tschechien. – Markus Füchtner, Kunsthandwerker aus Seiffen
Es gab eine Zeit, in der ihm das drohte, sagt Füchtner. „Uns hatte hier keiner auf dem Schirm, in der Provinz an der Grenze zu Tschechien.“ Nach der Schule seien viele seiner Klassenkameraden aus dem Erzgebirge weggezogen, „nach München, Kohle machen, was erleben“. Auf den Klassentreffen sei er der gewesen, „der immer noch im Dorf ist und Männl aus Holz baut. Das war uncool.“
„Rekordjahrgang“ an der Handwerksschule
Ist Füchtner aus einer Kränkung heraus zum Marketinggenie geworden? Eines will er gleich klarstellen: Der Mittelfinger, der Nussknacker im Weltraum, all das seien keine reinen Werbeaktionen. Seine kleine Manufaktur produziere etwa 500 Nussknacker im Jahr, und Absatzprobleme habe er noch nie gehabt.
„Es geht bei den Aktionen eher darum, zu zeigen, wie kreativ dieses Handwerk sein kann“, sagt Füchtner. Lange kam kaum ein junger Mensch mehr an die Drechslerschule in Seiffen, um die alte Kunst mit dem Holz zu erlernen. Doch plötzlich ist der Job wieder beliebt.

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In diesem Jahr beendeten an der Schule 22 Lehrlinge ihre Ausbildung, ein „Rekordjahrgang“, wie der Verband des Erzgebirgischen Kunsthandwerks stolz resümiert. Füchtner sagt: „Wenn durch unsere Ideen junge Menschen merken: Das fetzt; wenn so der ein oder andere Betrieb eine Nachfolge findet, hat sich alles gelohnt.“ Und auch seine ehemaligen Klassenkameraden würden nun staunend nachfragen: Was er denn als Nächstes plane?
Als Füchtner den Betrieb 2017 übernahm, habe ein Nussknacker noch unter hundert Euro gekostet. Heute verlangt der Handwerker 275 Euro. Es habe etwas Mut erfordert, für seine Nussknacker einen Preis zu nehmen, der den Aufwand widerspiegele, sagt er. Doch längst hat Füchtner deutschlandweit Fans, die der Preise nicht abschreckt.
Feine Pinsel für den Schnurrbart
Zwei von ihnen sind an diesem Tag in die Werkstatt gekommen. Richard Gabriel und Rita John sind Anfang 70 und kommen aus der Nähe von Berlin. Sie haben im Fernsehen gesehen, wie Nussknacker Wilhelm gerade von der ISS zurückgekehrt war.

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Füchtner führt sie durch seine Werkstatt. Er zeigt, wie die geschliffenen Holzkörper in Eimer voller hautfarbener und roter Farbe getunkt werden. Die Besucher dürfen auch den beiden Frauen über die Schulter schauen, die den Nussknackern mit feinen Pinseln ihren geschwungenen Schnurrbart verpassen.
Am Ende fragt Rita John fast schüchtern, ob er ihr eine Autogrammkarte für den Sohn mitgeben könne. „Der wird so neidisch sein, dass wir heute hier waren“, sagt sie. Er habe gerade erst ein Exemplar in Füchtners Onlineshop gekauft. Der unterschreibt mit silbernem Stift auf einer Karte, die er mal nach einem Talkshow-Auftritt hat drucken lassen.
Was soll ich vorantreiben? Den Ursprung oder die Zukunft? – Markus Füchtner, Nussknackermacher
Nachdem das Paar gegangen ist, lässt sich Markus Füchtner in einen Stuhl in der Stube neben der Werkstatt fallen und kommt ins Grübeln. „Die Leute gerade, die waren doch froh, dass sie noch ein paar traditionelle Nussknacker bestellen konnten“, sagt er. „Und nebenbei denke ich über Weltraumtechnologie nach.“
Seine Zeit sei begrenzt, und da stelle er sich schon die Frage: „Was soll ich vorantreiben? Den Ursprung oder die Zukunft?“ Der Nussknacker, wie ihn sein Ur-Ur-Ur-Großvater drechselte, müsse in dieser Werkstatt jedenfalls immer im Mittelpunkt stehen.

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Füchtner hofft auf seinen Sohn
Womöglich befreit ihn die nächste Generation aus dem Dilemma. Er wünscht sich, dass sein Sohn einmal seine Werkstatt übernehmen will. Vor Kurzem hat der 15-Jährige ein Praktikum bei seinem Vater gemacht, er habe sich gut angestellt. In zwei Jahren könnte seine Ausbildung beginnen, sagt Markus Füchtner.
Vielleicht könne der Sohn ja die Innovationssparte der Nussknackermanufaktur übernehmen,und der Vater sich wieder dem Kerngeschäft zuwenden. Denn noch immer wird der „Rote König“ am meisten nachgefragt: der Nussknacker mit dem roten Mantel und dem grimmigen Blick.
SZ


