Markranstädt. Schon als Moritz Starke im Sommer 2021 an den Start gegangen war, sorgte das bei Fahrzeugbesitzern für Aufsehen. Nur aus eigenem Ersparten und ohne Kredit hatte der frischgebackene Sattler-Geselle mitten in der Corona-Krise in der Markranstädter Ortschaft Seebenisch seinen eigenen Handwerksbetrieb gegründet.
Mit gebrauchtem Werkzeug, guten Kontakten und Vorfinanzierung des Materials aus eigener Tasche hat der Betrieb inzwischen richtig Fahrt aufgenommen und die Nische der Kfz-Sattlerei verlassen. Sogar namhafte Hotels und Ferienressorts in anderen Bundesländern sind jetzt auf den kleinen Betrieb „Timeless“ aufmerksam geworden.

Quelle: Andre Kempner
Organisches Wachstum als Erfolgsrezept
„Handwerk hat goldenen Boden“, sagt der 26-Jährige, „aber das allein ist kein Garant für Erfolg.“ Um eine leistungsfähige Werkstatt aufzubauen, ohne sich dabei zu verschulden, müsse man neben Individualität und Qualität seiner Arbeit vor allem eines im Auge haben: „So ein Betrieb muss organisch wachsen. Wer zu rasch zu viel will, kann sich dabei schnell überheben.“
Dieses organische Wachstum begann bei Starke mit Sattlerarbeiten an alten Autos. Oldtimerfreunde bringen ihm ihre Fahrzeuge, lassen Sitze neu polstern oder das Interieur frisch beziehen. Zu den größten Herausforderungen zählte ein über 100 Jahre alter Renault, von dessen Sitzen nur die Gestelle übrig waren. „Von ihrem ursprünglichen Aussehen gab es nur Bilder aus einem Buch. Anhand der Fotos haben wir die Sitze quasi rekonstruiert.“
Autositze, alte Sofas und Zaumzeug für Pferde
Weil die Qualität stimmt und Starke auch individuelle Wünsche erfüllt, haben sich solche Leistungen schnell herumgesprochen. „Werbung habe ich nie gebraucht, die Mund-zu-Mund-Propaganda hat gereicht“, betont er. Der Ruf bescherte dem jungen Sattler im Laufe der Zeit nicht nur Kundschaft aus der Oldtimer-Szene. Immer mehr Anfragen aus privaten Haushalten kamen dazu.
Jetzt stellen wir fest, dass die Auftraggeber ebenso wie die Produkte immer jünger werden. – Moritz Starke, Sattlerei „Timeless“ aus Markranstädt
Alte Sessel, verschlissene Sofas, in die Jahre gekommene Stühle, aber auch Taschen, Koffer und sogar Zaumzeug für Pferde landen heute in der Seebenischer Werkstatt. „Zunächst waren es oft ältere Kunden, die an den Dingen hängen und eine emotionale Verbindung zu ihnen haben. Aber jetzt stellen wir fest, dass die Auftraggeber ebenso wie die Produkte immer jünger werden“, betont Starke, der das auf ein steigendes Bewusstsein für Nachhaltigkeit und den Wert solider Handwerksarbeit zurückführt.
Bewerbung nach einem LVZ-Artikel über die Werkstatt
Weil das Auftragsvolumen von ihm allein nicht mehr zu bewältigen war, hat der Sattler inzwischen zwei gelernte Polsterer eingestellt. Während andere Handwerksbetriebe händeringend nach Fachkräften suchen, kam Starke dabei das Glück zu Hilfe. Kaja-Morgana Klabunde hatte gerade ihre Ausbildung zur Raumausstatterin und Polsterfachkraft abgeschlossen, als sie im Briefkasten einen LVZ-Artikel über Starkes Werkstatt fand.
„Eine Nachbarin hatte ihn mit der Notiz eingeworfen, dass das sehr interessant klingt und ich mich dort unbedingt bewerben soll.“ Gesagt, getan: Seit zwei Jahren ist die junge Frau ebenso wie Polsterer Steve Uckert Teil des Teams der Sattlerei „Timeless“ und hat damit einen Job in ihrem Heimatort gefunden.

Quelle: Andre Kempner
Neben Reparaturen nun auch Produktion von Neuem
Das Portfolio des Betriebes entspricht genau dem Geschmack der 21-Jährigen. „Am liebsten restauriere ich historische Möbel, weil da alte Techniken gefragt sind und mit natürlichen Materialien wie Palmfasern oder Rosshaar gearbeitet wird“, betont sie. Aber auch für neue Ideen ihres Chefs ist sie aufgeschlossen. Der hat zum Beispiel von seinen Kunden erfahren, dass Sitzbänke für Mopeds der Marke Simson S 50 sehr gefragt sind, und hat darauf reagiert.
„Die Polsterung lässt im Laufe der Jahre nach, und auch der Bezug wetzt sich ab oder wird brüchig“, weiß Starke. Selbstredend repariere er die „Simson-Sattel“ gern, aber gut 35 Jahre nach dem Ende der Suhler Produktion werde die Zahl reparaturfähiger Sitzbänke immer geringer. Also ist die „Timeless“-Sattlerei jetzt auch noch in die Herstellung von Neuware eingestiegen.
Geheimtipp für Fahrzeugsitze, Küchenstühle und Luxussessel
„Die Metall-Grundplatten importiere ich aus China, der Rest ist Made in Markranstädt.“ Rund 100 Stück der begehrten Moped-Sitze hat der kleine Betrieb bislang hergestellt. „Alles in solider Handwerksarbeit, auf Nachfrage erfüllen wir natürlich auch individuelle Kundenwünsche.“
Parallel hat sich mit der „Objektpolsterei“ schon ein weiteres Geschäftsfeld aufgetan. Nachdem Starke mit seinem Team in Freyburg an der Unstrut rund 150 Stühle des renommierten Vier-Sterne-Hauses „Weinberghotel Edelacker“ frisch aufgepolstert und bezogen hatte, seien weitere Gastronomie- und Touristikanbieter auf seine Werkstatt aufmerksam geworden.
Objektpolsterei in Edelhotels und Ferienanlagen
„Aktuell sind wir in ein paar Dutzend Ferienhäusern des See- und Waldresorts Gröbern in der Nähe des Muldestausees bei Ferropolis beschäftigt“, berichtet Starke. Mehr als 100 Stühle sowie 30 Eckbänke warten im Feriendorf auf neue Polster und Bezüge.
Dass der kleine Handwerksbetrieb boomt, freut Moritz Starke und seine beiden Mitarbeiter. Ebenso gut fühle es sich an, bei niemandem in der Kreide zu stehen, sagt der Chef. Damit das so bleibt, will er auch künftig auf „organisches Wachstum“ setzen und ohne Kredite über die Runden kommen.


