Obercunnersdorf. Altertümliche Drehbänke, Schleifmaschinen mit Handkurbel, ein alter Schreibtisch, ein historischer Tresorschrank, ein Wählscheibentelefon aus den 1930er Jahren – wer die Werkstatt von Paul Morgenstern in Obercunnersdorf betritt, taucht in eine vergangene Zeit ein. Mit seinen gerade einmal 24 Jahren ist der Inhaber deutlich jünger als die meisten Teile seiner Einrichtung. Auch das Umgebindehaus, in dessen Erdgeschoss seine urige Werkstatt zuhause ist, hat schon Jahrhunderte auf dem Buckel. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
Um Zeit geht es bei Paul Morgenstern ständig. Er ist Uhrmachermeister. Einer der wenigen noch aktiven in der Oberlausitz. Und auch einer der jüngsten. „Der Beruf stirbt langsam aus“, sagt der 24-Jährige. Zumindest gibt es nur noch wenige, die sich wie er mit ganz alten und antiken Uhren beschäftigen und solche reparieren können. Wie selten der Beruf geworden ist, merkte er selbst bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Seine Faszination für Uhren begann aber schon lange, bevor er sich entscheiden musste, welchen Beruf er ergreifen will. „Mich hat das schon immer fasziniert. Solange ich denken kann, wollte ich Uhrmacher werden“, erzählt der junge Mann, der in Schönbach aufgewachsen ist. Warum? „Keine Ahnung“, sagt er lachend. Familiär „vorbelastet“ sei er nicht. Niemand in der Familie Morgenstern ist oder war Uhrmacher.

Quelle: Rafael Sampedro/foto-sampedro.de
Ausbildung in Glashütte
Er erinnert sich jedenfalls, dass er sich schon im Kindergarten eine kleine Uhrenwerkstatt zurechtbaute – so wie andere Kinder mit dem Kaufmannsladen spielen. Ein anderer Beruf kam gar nicht infrage. Als Schüler machte er dann ein Praktikum bei Uhrmacher Stürmer in Ebersbach. „Danach wollte ich das noch mehr.“

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Stürmer konnte ihn jedoch nicht als Lehrling aufnehmen und auch anderswo fand Paul Morgenstern keinen Lehrbetrieb. So blieb der Weg über die Ausbildung an der Deutschen Uhrmacherschule in Glashütte. Mit 16 Jahren zog er also zuhause aus, mietete sich ein Zimmer in der Uhrmacherstadt und lernte dort dreieinhalb Jahre lang seinen Traumberuf. Nach dem Abschluss blieb er zunächst in Glashütte, arbeitete beim renommierten Luxus-Uhrenhersteller Lange und Söhne – und hängte gleich noch die Meisterschule dran. Für seinen sehr guten Ausbildungsabschluss erhielt er ein Stipendium von der Handwerkskammer. „Sonst hätte ich mir die Meisterschule gar nicht leisten können.“

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Der weitere Weg war für den jungen Oberlausitzer ganz klar: Er wollte zurück, wollte in der Heimat leben. Etwas anderes kam gar nicht infrage. Schließlich klappte es mit einer Anstellung bei seinem Mentor Bernd Stürmer in Ebersbach. In dessen Unternehmen arbeitet Paul Morgenstern hauptberuflich.
Das war genau das, was ich immer wollte. Eine eigene Werkstatt mit historischem Charme. – Paul Morgenstern, Uhrmachermeister
Immer montags aber taucht er in die Welt seiner historischen Werkstatt in Obercunnersdorf ein. Dann ist die Werkstatt geöffnet. Eine Uhrmacherwerkstatt war in dem Umgebindehaus am Dorfbach schon zuvor. Der alte Uhrmacher verstarb ganz plötzlich. „Da lagen noch die Kundenaufträge im Regal“, erzählt Morgenstern. Die Nachkommen suchten jemanden, der diese zumindest abarbeiten konnte – und fanden zu Paul Morgenstern, der mittlerweile in Niedercunnersdorf wohnt. Er erklärte sich bereit, die liegengebliebene Arbeit zu erledigen – und verliebte sich in die Werkstatt. „Das war genau das, was ich immer wollte. Eine eigene Werkstatt mit historischem Charme.“ Ihn faszinieren diese alten Sachen. „Es soll hier aussehen, wie vor 100 Jahren.“
Kurzerhand übernahm er Haus und Werkstatt. Er räumte um, richtete oben eine Wohnung ein, die jetzt vermietet ist, und gestaltete die Werkstatt im Erdgeschoss nach seinen Vorstellungen. Dabei erhielt er viel Unterstützung von seiner Familie. „Dafür bin ich unglaublich dankbar.“ Seine Mutter erledigt die Buchhaltung, der Vater half bei baulichen Projekten. „Sie haben hier unfassbar viel Zeit reingesteckt. Ohne diese große Hilfe wäre das alles nicht zu stemmen.“
Glücklich ist nicht nur der junge Uhrmachermeister mit seiner Entscheidung. „Die Leute im Ort haben sich richtig gefreut, dass jemand das Geschäft weiterführt.“ Immerhin gehören neben dem Reparaturgeschäft auch Uhren und Schmuck zum Angebot des Ladens – oder ein kleiner Plausch. Als Paul Morgenstern anfing, in der Umgebindestube zu arbeiten, brachten die Dorfbewohner ihm Blumensträuße vorbei oder Obst aus ihren Gärten.
Spezialist für alte und Groß-Uhren
Paul Morgenstern ist Spezialist für historische Uhren. Leute bringen ihm alte Exemplare vorbei. „Es gibt noch viel mehr alte Uhren in den Haushalten, als man denkt.“ In den alten Häusern der Region fände sich noch viel Wertvolles. „Das war mal eine reiche Gegend.“ An seinen Maschinen fräst, schraubt und bastelt er, bis jedes Uhrwerk wieder rundläuft. Mit Strom funktioniert hier fast nichts, die meisten Maschinen sind uralt und werden per Handkurbel oder Pedal angetrieben. „Da bleibt man wenigstens ein bisschen in Bewegung“, scherzt der Meister und tritt zur Demonstration das metallene Pedal an einer Fräsmaschine. Es knarzt gleichmäßig mit jeder Bewegung leise vor sich hin.
An seinen Geräten fertigt er selbst Teile für Uhren. Gerade hat er zwei Taschenuhren aus der Mitte des 18. Jahrhunderts in Arbeit. Fein säuberlich liegen die Einzelteile nebeneinander auf einem schmalen Tablett, abgedeckt mit einer Haube. „Damit kein Staub dran kommt.“ Winzig klein sind die Rädchen und Federn, ebenso fein die Werkzeuge, mit denen Paul Morgenstern sie bearbeitet.
Kirchturm-Uhr im Hausflur
Der junge Uhrmachermeister kennt sich aber auch mit der großen Variante aus. Er repariert Groß-Uhren und hat auch schon die eine oder andere Kirchturmuhr wieder zum Laufen gebracht. Die Turmuhr in Obercunnersdorf hat er bereits repariert oder auch die in seinem Heimatort Schönbach. Das macht er für die Kirchgemeinden ehrenamtlich – oder fragt, ob er dafür mal auf der Orgel spielen darf.
Ein Exemplar so einer Kirchturmuhr steht sogar im Hausflur der Uhrmacherwerkstatt. „Das ist das alte Uhrwerk aus dem Kirchturm in Oybin“, erzählt Paul Morgenstern. Es wurde vor Jahren ausgebaut, er bekam es geschenkt. Und brachte es in mühevoller Arbeit wieder zum Laufen.
Das war noch zu seiner Zeit in Glashütte. Er packte sich die Einzelteile ins Auto, nahm sie mit und tüftelte daran herum. „Da hatte ich ja Zeit“, sagt er. Jetzt fand die alte Kirchenuhr vollständig zusammengebaut ihren Platz im Umgebindehaus. Dort rattert und gongt sie nun vor sich, schlägt eindrucksvoll zu jeder Viertelstunde.
Geöffnet zum Tag des offenen Umgebindehauses
Ein paar Monate arbeitet Paul Morgenstern schon in seiner Obercunnersdorfer Werkstatt. Eine offizielle Eröffnung plant er für den 31. Mai, den Tag des offenen Umgebindehauses, von 9 bis 18 Uhr. Dann will er im Haus auch ein kleines Uhrenmuseum eröffnen. Seit Kindheit an sammelt er Uhren, vor allem alte, und besitzt inzwischen eine Sammlung von hunderten Exemplaren. Einige davon will er künftig ausstellen. Gezeigt werden sollen auch Werkzeuge. „Ich will ja auch Wissen vermitteln über das Uhrmacherhandwerk.“ Er hofft, auch andere für seine Leidenschaft begeistern zu können. So wie er sich vieles von seinem Wissen von älteren Berufskollegen abgeschaut hat, will auch er das Handwerk gern einmal weitergeben.
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