Dresden/Leipzig. Sie wiegt einige Hundert Gramm, vorn läuft sie spitz zu, an den Seiten treten Flügel heraus. Und irgendwann soll sie mit mehr als 400 Kilometern pro Stunde feindliche Flugobjekte rammen. Frank Hoffmann wiegt seine Drohne in den Händen. „Im Prinzip“, sagt er, „geht es mir um den Schutz von Menschenleben.“
Eigentlich ist der Leipziger Hoffmann von Beruf Polizist. Neben der Arbeit widmet er sich, neuerdings, der Entwicklung einer Drohne. Einer Abwehrdrohne, wie er betont.

Quelle: Andre Kempner
Mit einem Techniker und einem Programmierer gründete Hoffmann vor einigen Monaten sein Drohnen-Start-Up: Detectra. Man sei auf der Suche nach Investoren – und nach einem ersten Kunden, sagt er. Als Nächstes wolle man einen Prototypen auf einem Truppenübungsplatz testen.
Hoffmann ist nicht allein: In ganz Deutschland scheint eine Begeisterung für die Konstruktion von Drohnen losgebrochen zu sein. Allein 2024 wuchs Europas Gründerszene im Bereich Verteidigung um 24 Prozent auf 5,2 Milliarden Dollar. Und an der Spitze steht Deutschland, mit 1,3 Milliarden Dollar.
Eine Drohne aus dem 3-D-Drucker
Aber nicht alle Entwickler sind Vollprofis, wie etwa die milliardenschwere Münchner Helsing GmbH. Manche kommen eher aus dem Bereich Bastler, haben keine Millioneninvestoren, aber dafür eine Idee. Sie heißen: Tytan, Dedrone, D-Fend, Skyfall Defence oder eben Detectra. Und sie glauben: Das, was sie entwickeln, könnte bald relevant sein, etwa um das Land zu schützen – Bahnhöfe, Flughäfen, Stromleitungen. Oder die Ukraine, die europäische Kriegsfront.
Eine Art kleiner Iron Dome. – Frank Hoffmann, Leipziger Drohnenentwickler, über sein Start-Up
Manche der plötzlichen Drohnenkonstrukteure wittern auch das große Geld. Während Deutschland überall spart, sollen im Bereich Verteidigung viele Milliarden ausgegeben werden. Von einer „Goldgräberstimmung“ spricht jemand aus der Szene. Der Leipziger Hoffman sagt, er wolle seine Kraft, auch nach Feierabend, eben in etwas Sinnvolles stecken: „Der Protect-and-Serve-Gedanke (deutsch: schützen und dienen) ist bei mir sehr stark verankert.“
Seine Mitgründer kennt Hoffmann erst seit Kurzem: Er fand sie auf der Karriere-Plattform LinkedIn. Mit Verteidigung haben sie wenig Erfahrung, die hat dafür Hoffmann, der knapp zehn Jahre lang bei der Bundeswehr war. Weshalb er auch den Kriegsausbruch in der Ukraine eher mit Blick auf die eingesetzten Waffen verfolgte. „Mir fiel auf, dass die Ukraine mit billigen Drohnen teils schweres, teures Gerät zerstörte.“
Ein Gedanke begann zu reifen: Könnte ich nicht auch so etwas entwickeln? Hoffmann begann, Fachleute im Internet anzuschreiben. Gemeinsam entwickelten sie das Modell – ausgedruckt im 3-D-Drucker. Dazu gehört eine Ladestation, aus der mehrere Drohnen gleichzeitig starten sollen, um andere Flugobjekte in der Luft zu treffen und unschädlich zu machen. „Eine Art kleiner Iron Dome“, sagt Hoffmann in Anlehnung an das israelische Abwehrsystem.
Mit Netzen andere Flugobjekte abfangen
Explosiv ist seine Drohne nicht – eigentlich. Auch das will Hoffmann nicht ausschließen. „Einen kleinen Sprengkopf in der Drohne zu verbauen, das wäre vorstellbar.“ Aber: Haftet er als Hersteller nicht für Schäden, die sein Produkt anrichtet? „Solche Fragen klären wir noch“, sagt er.

Quelle: Skyfall Defence
In Chemnitz ist Robert Schlesiger schon einen Schritt weiter: Seine vier Drohnen fliegen schon. In einem Produktvideo starten sie gleichzeitig und spannen ein Netz zwischen sich. „Das BKA zählte voriges Jahr mehr als 1000 unbekannte Drohnenüberflüge, aber es gibt kein wirkliches Mittel dagegen“, sagt er. Er wolle das ändern.
Dabei ist Schlesiger, wie Hoffmann, kein Drohnen-Fachmann. Er kommt aus dem Vertrieb, arbeitete sieben Jahre lang für das Chemnitzer Unternehmen Staffbase. Auf die Drohne brachte ihn ein Vater aus der Kita: „Er wusste, dass ich gerade meinen Job los war – und sprach mich beim Kinderabholen an.“
Die Idee des Leichtbau-Ingenieurs, der sonst Carbonfaser-Snowboards entwickelt: Drohnen, die unbekannte andere Drohnen nicht abschießen oder rammen, sondern mit einem Netz einfangen. „Über einer Stadt kannst du Drohnen nicht abschießen, so kamen wir auf das Netz“, sagt Schlesiger.
Das Thema Drohnen scheint bei manchen etwas auszulösen. – Robert Schlesiger, Chemnitzer Drohnen-Entwickler
Schon seit zehn Jahren in der Drohnen-Entwicklung
Gemeinsam gründeten sie Anfang des Jahres ihr Drohnen-Start-Up namens Skyfall Defence. Nach einem Zeitungsbericht bekamen sie haufenweise E-Mails. „Es meldeten sich Leute, die fragten, ob sie für uns arbeiten können“, sagt er. „Das Thema Drohnen scheint bei manchen etwas auszulösen.“

Quelle: Christian Modla
Wie ernst darf man Projekte wie die von Hoffmann oder Schlesiger nehmen? Christian Caballero arbeitet für die sächsische Firma Flynex, die schon seit mehr als zehn Jahren Drohnen entwickelt. Seine Drohnen filmen Gelände ab, sammeln Daten und können Schäden analysieren. Zur Kundschaft gehören die Deutsche Bahn und Vodafone.
„Ich kann verstehen, dass immer mehr in diesen Markt drängen“, sagt er. „Und ich denke erstmal: macht es.“ Er nehme aber auch eine „Goldgräberstimmung“ wahr. „Es gibt jetzt viele Erfinder, die in Wahrheit eher Monteure sind“, sagt er. Was er meint: Entwickler, die verschiedene Teile einer Drohne im Internet bestellen und zusammenschrauben. „Viele vergessen, was sie da in Verkehr bringen – und dass sie dafür haften.“
Neugier von den offiziellen Stellen
Dass manche jetzt in der Hoffnung auf einen Teil der Rüstungsmilliarden eine Drohne konstruieren, sieht er kritisch. „Man hat das Gefühl, dass plötzlich jeder Verteidigungsexperte ist – und manche basteln dann Waffen im Hobbykeller“, sagt er. „Manchmal ist das Irrsinn.“ Viele würden „die wahren Probleme auf dem Gefechtsfeld“ unterschätzen – etwa, dass Kriegshandlungen rechtssicher dokumentiert werden müssen. „Da bewegt man sich im Bereich Völkerrecht.“
Auch seine Firma Flynex habe Anfragen aus dem Verteidigungsbereich, sagt Caballero. Die nötige Expertise hätte er: Er diente als Offizier in Afghanistan. Trotzdem lehnt er solche Aufträge ab. „Das wäre ein völlig anderes Geschäft“, sagt er. Allein die Ausschreibungsprozesse und Genehmigungsverfahren seien viel komplizierter als im zivilen Bereich.
Offizielle Stellen blicken mindestens neugierig auf die aufkeimende Drohnen-Szene. Schließlich seien Drohnen heute „gefechtsentscheidend“, so eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums auf Anfrage von Leipziger Volkszeitung und Sächsischer Zeitung. Im Rahmen von „Industriedialogen“ versuche man heute auch, die Verteidigungsindustrie mit der Start-Up-Szene zu vernetzen.
Ein Sprecher des sächsischen Wirtschaftsministeriums erklärt: Man „beobachte aufgrund der Welt- und Marktlage eine gewisse Dynamik im Drohnen-Sektor“. Auch beim diesjährigen sächsischen Gründerpreis bewarben sich zwei Defense-Tech-Start-Ups. Unter die Nominierten schafften sie es nicht.
Die ersten Anfragen gibt es bereits
Der Leipziger Frank Hoffmann berichtet von fünf ernsthaften Anfragen für seine Drohne – drei Armeen und zwei Rüstungsfirmen seien dabei. „Ich sehe unsere Kundschaft etwa im Baltikum“, sagt er.
Und auch der Chemnitzer Robert Schlesiger berichtet von Gesprächen mit einem großen ostdeutschen Energieanbieter, der regelmäßig Drohnen über seinen Anlagen registriert. Er sagt aber auch: „Wenn wir in vier Monaten keinen Kunden haben, müssen wir vielleicht erstmal wieder schließen.“
SZ


