Von Anja Beutler
Görlitz/Bautzen. Shubham Bapat und Huu Vo sind das, was die Bundesregierung seit Jahren als eine Lösung für das deutsche Arbeitskräfteproblem empfiehlt: ausgebildete Fachkräfte, die gezielt zum Arbeiten nach Deutschland kommen. Erst seit wenigen Wochen gehören der indische Koch und der vietnamesische Service-Mitarbeiter zum Team des Hotels „Insel der Sinne“ am Berzdorfer See. „Sie sind sehr ehrgeizig, sehr ambitioniert, und sie passen gut ins Team“, freut sich Hotel-Chefin Ina Lachmann über den gelungenen Start.
Von ihrer Bewerbung bis zur Ankunft ist bei beiden nur etwas mehr als ein halbes Jahr vergangen – dank eines Pilotprojektes, das einige ausgewählte Industrie- und Handelskammern (IHK) mit der Agentur für Arbeit anbieten. Es heißt „Hand in Hand for International Talents“ und ist zum 2020 eingeführten Fachkräfteeinwanderungsgesetz entwickelt worden, um zu sehen, wo die Knackpunkte in der Praxis liegen.
Premiere mit der „Insel der Sinne“
Seit 2024 ist auch die IHK Dresden mit ihren Geschäftsstellen dabei. Bislang aber ist die Nachfrage verhalten: „Die Insel der Sinne ist das erste Unternehmen im ganzen Kammerbezirk überhaupt, das diesen Weg gewählt hat“, ordnet Katharina Domschke von der IHK-Geschäftsstelle in Zittau ein.
Sie ist froh, dass das Vier-Sterne-Superior-Hotel den Anfang gemacht hat und mit Shubham Bapat und Huu Vo eine erfolgreiche Premiere geglückt ist. Domschke hat die beiden sogar am Flughafen und Bahnhof in Empfang genommen und war dabei überrascht, wie energiegeladen und fröhlich die beiden Männer nach der langen Reise waren.
Ich will hier Disziplin lernen, das wird mir helfen, mich weiterzuentwickeln. – Shubham Bapat, Koch im Hotel „Insel der Sinne“
Verwunderlich ist das nicht, denn beide haben sich sehr bewusst entschieden, nach Deutschland zu gehen: „Ich will hier Disziplin lernen, das wird mir helfen, mich weiterzuentwickeln“, erklärt der 28-jährige Koch aus Indien. Nach einer dreijährigen Ausbildung, die ihn auch in die USA führte, hat er bislang vier Jahre in Restaurants gearbeitet: „Dort gab es vor allem Burger und Sandwiches“, erzählt er von seiner letzten Station, schiebt aber gleich lächelnd nach, dass er natürlich viel mehr könne.
Auch der 31-jährige Vo hat einiges vorzuweisen. Er war unter anderem in einem Interkontinental-Hotel der Radisson-Gruppe tätig, bringt also Erfahrungen aus einem großen Haus mit: „Hier ist es kleiner, aber eleganter“, beschreibt er lächelnd. Dass das Thema „Geld verdienen“ – abgesehen von neuen Erfahrungen – seine große Motivation war, daraus macht er kein Geheimnis.
Nur Kandidaten mit Qualifikationen
Auch bei Shubham Bapat spielt das eine Rolle: „Ich habe vor zwei Monaten geheiratet“, erzählt der Mann, der seit einem Monat in Deutschland ist. Als er das seiner neuen Chefin berichtete, war Ina Lachmann zunächst verblüfft. Aber es fügte sich in ein Bild, das die Hotel-Chefin auch von ihren philippinischen Mitarbeitern kennt: „Man muss sich vor Augen halten, dass sie zu Hause nicht genug Geld verdienen können, um eine Familie zu gründen“, betont sie.
Was auch immer die Motivation der Kandidaten ist: Am Ende zählen die Qualifikationen. Zu Beginn erhalten die interessierten Arbeitgeber, die neue Mitarbeiter suchen, erst einmal nur Profile der Kandidaten zur Einsicht. „Das ist wie ein Katalog, aus dem man auswählen kann, was man benötigt“, veranschaulicht Katharina Domschke.

Quelle: Martin Schneider
Bei Interesse folgt eine Art Speed-Dating online, bei dem sich die Kandidaten nicht mit Namen vorstellen, man sich in einem kurzen Gespräch aber einen Eindruck von ihnen machen kann. Erst danach gibt es ein Vorstellungsgespräch, ebenfalls per Videoschalte.
Deutsch lernen ist Pflicht
Auch wenn die Bewerber noch nicht perfekt Deutsch sprechen können – ohne Sprachkenntnisse geht nichts. Sowohl Shubham Bapat als auch Huu Vo haben die Sprache neu lernen müssen. Während es der Inder inzwischen zu „broken Deutsch“ gebracht hat, wie er sagt, hat sein vietnamesischer Kollege offenbar eine sprachfertigere Zunge. Worte wie „Verkehrsverbindung“ gehen ihm schon ganz selbstverständlich über die Lippen.
„Deutsch ist schon schwer“, sagt Huu Vo. Aber als Service-Mitarbeiter muss er sich gut mit den Gästen verständigen können, und dass er daran mit Ehrgeiz arbeitet, merkt man. Nach einem Einstufungstest, der Ende Juni ansteht, werden sie weiteren Deutschunterricht bekommen, gemeinsam mit anderen Mitarbeitern des Hotels. Und irgendwann wird Vo den Gästen ganz selbstverständlich erklären können, dass der Berzdorfer See mal eine Kohlegrube war.
Dass sich die beiden „Neuen“ mit den anderen Mitarbeitern aus fernen Ländern auch in der Freizeit gut verstehen, gemeinsam in WGs in Hagenwerder wohnen, die vom Hotel angemietet werden, ist für das Projekt ein Glücksfall. Denn oft stellen sich solche ganz praktischen Dinge als Hindernis heraus, weiß Katharina Domschke. Durch die intensive Begleitung über das Programm ist aber vieles besser lösbar.
Mehr zum Pilotprojekt
Das Pilotprojekt „Internationale Fachkräftegewinnung – Hand in Hand for International Talents“ läuft über die IHK und die Agentur für Arbeit.
Vermittelt werden qualifizierte Mitarbeiter in den Branchen Gastronomie, IT und Telekommunikation, Industrielle Metallberufe und Elektrotechnik.
Die Bewerber kommen aus Brasilien, Vietnam und Indien.
Die Unternehmen zahlen – je nach Größe – zum Ende des Projekts eine Vermittlungsgebühr von 2900 bis 5400 Euro netto.
Mehr Infos unter hand-in-hand-for-international-talents.de
Die IHK-Mitarbeiterin hofft natürlich, dass noch mehr Unternehmen mit Fachkräftemangel die Chance nutzen, zumal das Pilotprojekt 2027/28 auslaufen wird. Neben qualifizierten Mitarbeitern in der Gastronomie vermittelt die IHK auch Fachkräfte für Metallberufe, Berufe im Bereich IT und Telekommunikation oder bei der Bauelektrik und Elektrotechnik. Die Bewerber kommen aus Vietnam, Indien oder Brasilien.
Für Huu Vo und Shubham Bapat heißt es erst einmal, die halbjährige Probezeit zu meistern, die für beide Seiten gilt. Das ist bei den neuen Hotelmitarbeitern mit Arbeitsvisum nicht anders als bei jedem anderen neuen Angestellten auch, bestätigt Charline Kümmel, Personalreferentin bei der „Insel der Sinne“.
Huu Vo kann sich schon jetzt vorstellen, ein paar Jahre zu bleiben, sagt er. Zumal es in Deutschland viel zu sehen gibt. Und auf eines sind beide gleichermaßen gespannt: auf den deutschen Winter und den Schnee. „Ich habe noch nie Schnee gesehen“, sagt Huu Vo. Sein indischer Kollege schon. Wie sich so ein Winter aber insgesamt anfühlt, das kann er sich jetzt, bei sommerlichen Temperaturen am Hotelstrand, nicht wirklich vorstellen.
SZ


