Florian Reinke und Franziska Höhnl
Leipzig/Dresden. Der wohl wertvollste Schatz der Mitteldeutschen Flughafen AG liegt nicht auf dem Rollfeld, sondern auf Ackerboden. Wer sich östlich des Flughafens Leipzig/Halle umsieht, blickt auf Wiesen und Äcker – auf den ersten Blick unspektakuläres Land. Doch der Schein trügt: Das 100 Hektar große Areal bietet viel Platz für ein gigantisches Industriegebiet – und es ist nur eine von mehreren Flächen im Eigentum der mitteldeutschen Airports, die jetzt entwickelt werden sollen.
Nach Informationen von Leipziger Volkszeitung und Sächsischer Zeitung haben die Regierungen von Sachsen und Sachsen-Anhalt beschlossen, dieses „Tafelsilber“ zu Geld zu machen. Der Plan: Durch die Vermarktung und Entwicklung von Flächen in Leipzig und Dresden sollen bis zu 80 Millionen Euro in die Kassen der Flughafen AG fließen – als Einmalerlöse, „überwiegend im Jahr 2027“.
Grundstücksdeals als Baustein in der Sanierung
Die Zeit drängt, denn die MFAG schiebt einen massiven Schuldenberg vor sich her. 2024 lasteten 195,9 Millionen Euro Bankschulden auf der Bilanz, allein der Zinsaufwand belief sich auf rund 14,3 Millionen Euro brutto. Insgesamt fuhr der Konzern 53,5 Millionen Euro Verlust ein.
Grundstücke vermarkten, Einnahmen erzielen und Schulden abbauen – es klingt nach dem perfekten Plan. Doch Kritiker und Experten mahnen: So einfach ist es nicht.

Quelle: Karte: Benjamin Winkler, Stepmap, pixabay, Quelle: MFAG
Im Grunde ist das Kalkül der Haupteigentümer Sachsen und Sachsen-Anhalt simpel: Land gegen Liquidität. Die Grundstücksdeals bilden damit einen Teil des Fundaments in der wirtschaftlichen Sanierung.
Zur Erinnerung: In diesem Jahr will der Konzern ein positives operatives Ergebnis schreiben. Hinzu kommt: Die staatlichen Zuschüsse wurden gerade erst verlängert, sollen aber bis zum Jahr 2030 auslaufen.
Leipzigs Filetstück und Dresdens Chip-Träume
Götz Ahmelmann, Vorstandsvorsitzender der MFAG, verwies jüngst im Podcast dieser Zeitung auf das große Potenzial an beiden Standorten. „Es gibt verschiedene Projekte, auch eines für Dresden, was wir gerade verhandeln, wo es um Ansiedlungen für Bürogebäude geht.“
Konkret hält der Airport vom Terminal bis zur Bundesstraße 97 baureife Areale vor. Der Plan: Ein Mix aus Büros, „Light Industrial“ und Forschungshallen soll das Tech-Profil der Region schärfen. Für die großen Reserveflächen gilt jedoch ein Vorbehalt: Erschlossen wird erst bei konkreter Nachfrage und geklärtem Baurecht.
Doch in Leipzig/Halle, Deutschlands zweitgrößtem Fracht-Hub, liegen die wahren Schätze. Da ist etwa das Frachtgebiet Süd, direkt angebunden an Rollwege und Startbahnen. Oder der „Airport Campus“: Hier wirbt das Unternehmen mit „baurechtlich gesicherten Gewerbeflächen im Zentralbereich“. Im Klartext: Bürogebäude, Technologiebetriebe und Innovationszentren könnten sofort entstehen.

Quelle: Robert Michael/dpa
Das größte Potenzial schlummert jedoch im Osten des Airports – das Filetstück des Portfolios. Rund 100 Hektar misst der geplante „Airport Industrial Park“. Gemeinsam mit Stadt und Freistaat will der Flughafen hier „Zukunftsbranchen“ von Raumfahrt bis Robotik ansiedeln.
Experte rechnet vor: „Ambitionierter Zeitplan“
Ein hochrangiger Branchenvertreter nennt das Areal eine „absolute Potenzialfläche“, und auch Maximilian Hohendorf, Head of Industrial & Logistics beim Beratungsunternehmen Logivest in Leipzig, bestätigt das. Aus strategischer Sicht sei der Airport Industrial Park besonders attraktiv, sagt Hohendorf. Ausschlaggebend seien die Nähe zu Leipzig und die direkte Anbindung ans Porsche-Werk, „was sowohl logistisch als auch im Hinblick auf bestehende Wertschöpfungsketten erhebliche Vorteile bietet.“
Grundsätzlich seien alle Flächen gut gelegen. „Sie verfügen über eine solide infrastrukturelle Anbindung und befinden sich in einem etablierten wirtschaftlichen Umfeld“.
Doch Hohendorf gießt Wasser in den Wein und macht eine Rechnung auf: Bei aktuellen Bodenrichtwerten von 60 bis 100 Euro pro Quadratmeter müsste der Flughafen für den erhofften Erlös von 80 Millionen Euro eine gewaltige Fläche verkaufen – „etwa 800.000 bis 1,3 Millionen Quadratmeter“, so Hohendorf.
Das Problem: Der Markt ist satt. „Der Kreis potenzieller Investoren ist aktuell sehr begrenzt“, warnt der Experte. Viele Player hätten in den Boomjahren bereits investiert. Sein Fazit: Der Zeitplan für einen vollständigen Abverkauf der Großflächen sei „ambitioniert“.

Quelle: Wolfgang Sens
Auch deshalb dämpft der Konzern auf Nachfrage die Erwartungen. Die 80 Millionen Euro seien nur eine „planerische Zielannahme“ und basierten auf einem „Portfolioansatz“. „Grundsätzlich bevorzugen wir Erbbaurechtslösungen und Eigenentwicklungen“, erklärt das Unternehmen. Echte Verkäufe blieben die „Ausnahme“.
Logivest-Experte Hohendorf verweist auf ein strategisches Risiko: Was weg ist, ist weg. Denn mit einem Verkauf gehe der Zugriff verloren. Sollte der Flughafen die Flächen in zehn Jahren benötigen, wäre eine Rückholung kaum möglich.
Politik warnt vor Ausverkauf
Davor warnt auch die Landespolitik. Sie sei bei einem Verkauf zurückhaltend, sagt Franziska Schubert, Fraktionschefin der oppositionellen Grünen im Sächsischen Landtag. „Damit gibt man Entscheidungs- und Handlungsspielräume aus der Hand.“
Zudem glaubt sie nicht an den Zeitplan. Bis zu 80 Millionen Euro in zwei Jahren? „Nein, das halte ich nicht für realistisch.“
Aus Magdeburg kommt noch schärferer Gegenwind. Kristin Heiß, finanzpolitische Sprecherin der ebenfalls zur Opposition gehörenden Linken-Fraktion im Landtag Sachsen-Anhalt, kritisiert: „Es ist unrealistisch, in nicht einmal 24 Monaten so viel Geld mit der Vermarktung von Grundstücken zu generieren. Da sehe ich sehr viele Fragezeichen.“ Nach allen Informationen fehle ihr „die Fantasie, wie es gelingen soll. Zumal die Wirtschaft aktuell ja auch nicht gerade boomt“.
Für die sächsische Finanzexpertin Schubert greift der bisherige Plan ohnehin zu kurz. „Statt ständiger Notrettung wünsche ich mir Kontinuität und echte Strukturreformen.“
SZ


