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Atmungs-App, Krebs-Analyse und eine Klinik in den eigenen vier Wänden

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sorgen für etliche Neuerungen in der Gesundheitsbranche – ein Blick auf das Future-Sax-Innovationsforum in der Leipziger Bio-City.

Lesedauer: 3 Minuten

Ein Mann zeigt sein entwickeltes Produkt.
Nur eine von vielen innovativen Ideen beim Future-Sax-Innovationsforum in Leipzig: Mit dem Deep-Breath-Gürtel will Gründer Thomas Mäder die richtige Atemtechnik vermitteln. Foto: Andre Kempner

Von Björn Meine

Leipzig/Dresden. Der Fachkräftemangel wird zum Beschleuniger für KI-Anwendungen und Gesundheits-Apps in der Medizin. Das wurde bei einem Innovationsforum zur Gesundheitsversorgung in der Leipziger Bio-City deutlich. Future-Sax, die Innovationsplattform des Freistaates Sachsen, hatte dazu eingeladen.
Wenn verdächtige Gewebeproben unter die Lupe genommen werden, dann ist das eine aufwendige Sache. Ist es Krebs? Um diese entscheidende Frage zu klären, ist eine ganze Schar von Experten im Einsatz. Unter dem Mikroskop bestimmen sie den Tumor und leiten Therapieempfehlungen ab – das braucht vor allem viel Zeit. „Es gibt zu wenige Pathologen und immer mehr Krebsfälle“, erklärt Falk Zakrzewski, „wir müssen neue Wege gehen, sonst schaffen wir das nicht mehr.“
Neue Wege – damit meint der Co-Gründer des Dresdener Start-ups Katana vor allem die Künstliche Intelligenz (KI). Die kann bei der Charakterisierung des Gewebes wertvolle Hilfe leisten. 30 Minuten und länger sitzt ein Pathologe am Mikroskop und zählt Tumorzellen. Katana hat eine KI entwickelt, die das in Sekundenschnelle erledigt.
Voraussetzung dafür ist allerdings eine Digitalisierung der Gewebeproben. Sie bildet einen Teil des Projekts Digipat (Digitalisierung des Institutes für Pathologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden). Am Institut ist Falk Zakrzewski zugleich Projektkoordinator für Digitalisierung und KI-Assistenz. Die Sächsische Aufbaubank (SAB) unterstützt das Vorhaben.

Mit dem Konzept die Krankenkassen überzeugt
Die Digitalisierung sorgt auch mit Blick auf Therapien des Bewegungsapparates für einen Entwicklungsschub. Denn der Fachkräftemangel ist hier ebenfalls deutlich zu spüren. 2020 hat das Leipziger Unternehmen Tediro einen Roboter entwickelt, der Patienten im Krankenhaus hilft, das Gehen an Krücken richtig zu lernen. „Er analysiert die Bewegungen und gibt Korrekturempfehlungen“, erläutert Gründer Christian Sternitzke. Seit diesem Jahr hat der Roboter namens Thery seine ersten Einsätze – am Leipziger Klinikum St. Georg, am BG Klinikum Bergmannstrost Halle sowie in zwei Krankenhäusern in Thüringen. 100.000 Euro kostet ein Thery; in der Mietversion sind es 3.000 Euro pro Monat.
Um Bewegung geht es auch bei einem 2019 in Leipzig gegründeten Start-up. Es hat einen „Physiotherapeuten für die Hosentasche“ entwickelt. Das ist der Slogan der e-Covery GmbH. Die Idee einer digitalen Anwendung sei von einem befreundeten Orthopäden gekommen, berichtet Mitgründer und Geschäftsführer Benedict Rehbein. Zusammen mit dem Uniklinikum, der Medizinischen Fakultät und zwei Physio-Praxen wurde eine App entwickelt. Wer Beschwerden im oberen oder unteren Rücken, in den Knien oder mit der Hüfte hat, wird am Handy durch ein zwölfwöchiges Übungsprogramm gelotst. Das Konzept hat offenbar auch die Krankenkassen überzeugt, denn die App ist seit diesem Jahr zuzahlungsfrei auf Rezept verfügbar. Damit zählt das Produkt offiziell zu den sogenannten Digas (Digitale Gesundheitsanwendungen) – wie übrigens auch die App Somnio des Leipziger Unternehmens Mementor, die bei Schlafstörungen hilft.

Mit e-Covery haben nach Unternehmensangaben schon 40.000 Patienten trainiert. Selbstverständlich ersetzt die App nur angeleitete Therapien. „Die Physiotherapeuten haben dann mehr Zeit für die manuellen Behandlungen“, erklärt Benedict Rehbein. Der Vorteil digitaler Anwendungen in diesem Bereich liegt in der Flexibilität – zeitlich wie räumlich. Rehbein hat sich neulich mit einer Frau unterhalten, die Zu Hause ihren demenzkranken Mann betreut. „Sie würde einen normalen Termin in der Praxis gar nicht hinbekommen“, erklärt der Geschäftsführer.
Die App der Dora GmbH hat die Kostenübernahme durch die Kassen noch nicht erreicht, aber sie ist auf dem Weg dorthin. Immerhin wurde Active-Tep im April schonmal zertifiziert. Zurzeit laufen Pilotphasen am St.-Joseph-Stift Dresden sowie an den Helios-Weißeritztal-Kliniken: Patienten erhalten dort die ansonsten noch kostenpflichtige App gratis, wie Mitarbeiterin Maren Kählig erklärt. Mit der Anwendung können sie ihre Hüftoperation aktiv vor- und nachbereiten – zur Optimierung der orthopädischen Versorgung rund um den Einbau von Hüftprothesen.

Noch ganz am Anfang steht das Unternehmen Deep Breath; Thomas Mäder hat es im April in Chemnitz gegründet und sucht jetzt Investoren. Die Idee: Der Nutzer schnallt sich einen Gürtel um; und eine verbundene App gibt ein präzises Feedback darüber, ob man gesund Luft holt, empfiehlt Übungen zur richtigen Atemtechnik. Hintergrund: Viele Menschen atmen flach über die Brust – anstatt über den Bauch. Das kann zu Problemen mit der Sauerstoffversorgung führen und ist relevant mit Blick auf Asthma, Schnarchen, Bluthochdruck und die Lungenkrankheit COPD. Thomas Mäder geht jetzt in die Pilotphase, stattet eine Rehaklinik mit dem Gürtel aus.

Mit der Green Box nach Hause gehen
Wenn alles nichts hilft, dann muss man manchmal ins Krankenhaus. Aber die meisten Menschen wollen da auch so schnell wie möglich wieder raus. Ein Stück weit ermöglicht das die Firma Blue-Eye mit ihrem Angebot „Hospital at home“: Wer nach einer Operation eigentlich noch ein paar Tage in der Klinik bleiben müsste, bekommt einen Koffer mit nach Hause: Die Green-Box enthält mehrere Sensoren, die dem Patienten angelegt werden. Herzschlag, Atemfrequenz, Blutdruck und der Sauerstoffgehalt im Blut werden so überwacht und per Smartphone an eine Überwachungseinheit geschickt. Das kann der Hausarzt sein, ein Krankenhaus oder Pflegeheim. In der Blue-Eye-Heimat Irland sei das Konzept schon weiter verbreitet, erklärt Manager Alexander Rutkowski. Immerhin gebe es aber schon Projektversuche mit Leipziger Kliniken.

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