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Ausgewaschen: Ab Dezember ist endgültig Schluss mit Seife aus Riesa

Nach mehr als 100 Jahren schließt Kappus in diesem Jahr für immer. Viele Mitarbeiterinnen sind noch auf der Suche nach einer neuen Arbeit.

Lesedauer: 3 Minuten

Man sieht Mitarbeiter:innen protestieren.
Ein Kreuz für jeden Mitarbeiter: Die Holzkreuze vor dem Werk weisen jetzt auf die nahende Schließung von Kappus in Riesa hin. © Sebastian Schultz

Von Stefan Lehmann

Riesa. Die ersten Kollegen sind längst weg. „Es werden von Monat zu Monat weniger“, sagt Betriebsrätin Sandra Dietrich und erklärt noch einmal die Symbolik hinter den Holzkreuzen, die die Gewerkschaft vorm Riesaer Seifenwerk an den Zaun gebunden hat. Ein Kreuz für jeden Mitarbeiter, jeder, der gegangen ist, bekommt eine schwarze Schleife. „Am Ende des Jahres werden überall schwarze Schleifen hängen“, sagt Sandra Dietrich noch, ehe ihre Augen feucht werden.

Seit 1911 wird in Riesa Seife produziert; zuerst als GEG Seifenfabrik, nach der Wende als Teil des Kappus-Konzerns. Ende des Jahres soll damit Schluss sein. Die Aktion mit den Holzkreuzen soll den Mitarbeitern dabei helfen, auch emotional abzuschließen, erklärt die Betriebsrätin. Sie ist selbst seit neun Jahren im Unternehmen. „Es hat immer mal gekriselt. Aber nicht so, dass es kein Geld gab“, erinnert sie sich.

Seifenproduktion in Riesa um 1970. Seit 1911 wurde hier gearbeitet, zeitweise mehrere Millionen Stück Seife hergestellt.© Stadtmuseum Riesa

Bis vor fünf Jahren. Im September 2018 stellte das Unternehmen erstmals einen Insolvenzantrag. Ein ziemlicher Schock sei das gewesen, so Dietrich. Nach anderthalb Jahren fand sich ein Käufer, im Mai 2020 übernahm die Beteiligungsgesellschaft Ad Astra aus München Kappus. Das Aus fürs Riesaer Seifenwerk schien abgewendet, die Belegschaft war heilfroh. Mit der Pandemie schrieb Kappus erst einmal positive Schlagzeilen.

Dann folgte im Jahr 2022 Insolvenz Nummer zwei – und etwa ein halbes Jahr später die Nachricht: Kappus schließt sein Werk in Riesa. Erst kurz zuvor war noch ein verbesserter Tarifvertrag unterzeichnet worden. Entsprechend überrascht waren selbst die Gewerkschafter der IGBCE von der Nachricht, dass das Riesaer Werk schließen müsse. „Das hier ist ein sehr trauriger Moment“, sagt Gewerkschafter Oliver Ehlert, „weil es uns nicht gelungen ist, das Unternehmen zu retten.“ Die Riesaer „Seife“ sei ja nicht irgendein Unternehmen. Auch als Dresdner kenne er das Unternehmen seit Kindheitstagen, so Ehlert. Und für viele Kollegen sei die Arbeit dort mehr als nur ein Job gewesen. „Es ist bitter, dass es uns wegen der Insolvenz nicht gelungen ist, einen vernünftigen Sozialplan für die Mitarbeiter zu machen.“

Oliver Ehlert übt auch Kritik an der Entscheidung, das ostdeutsche Werk zu schließen und den Standort in Baden-Württemberg zu halten. Man sehe das immer wieder, wenn Unternehmen vor einer solchen Entscheidung stünden. Einerseits sei es verständlich, dass das Hemd näher sitze als der Rock. Andererseits seien viele der ostdeutschen Standorte eben auch lange Zeit günstige Werkbänke gewesen. Auch die Politik habe da ihren Anteil dran. Erst langsam spüre er da ein Umdenken.

„Jeder macht hier weiter seine Arbeit“, sagt Sandra Dietrich. Auch nach der angekündigten Schließung habe sich keiner krankgemeldet. „Obwohl es Tage gibt, wo man sich fragt: Wofür mach ich das hier noch?“

Betriebsratschefin Sandra Dietrich vor dem Seifenwerk.© Sebastian Schultz

Die meisten der Mitarbeiter, die am Dienstag vorm Werk stehen, gehen auf die Rente zu. „Zwei Jahre hätte ich noch gehabt bis zur Rente mit 63“, sagt eine Frau in weißer Arbeitskleidung. So gehe es vielen. Die meisten sind kurz vor dem 60. Lebensjahr. Ob sie noch einmal etwas findet, zumal mit Tariflohn? Sie ist selbst eher skeptisch. Gut drei Viertel der Mitarbeiter vorm Tor des Werks sind Frauen. Es scheint, als fänden die Männer leichter neue Arbeit, so Betriebsrätin Sandra Dietrich. Sie ist selbst noch auf der Suche.

Gerade die Elektriker hätten es vergleichsweise leicht gehabt. Sie wisse von Kollegen, die jetzt bei Cargill in Riesa arbeiten. Andere, die bisher aus Döbeln oder Großenhain pendelten, haben etwas Neues am Wohnort gefunden. „Wir hoffen, dass der eine oder andere noch Interesse an ehemaligen Seifenwerkern hat.“ Vom Chemiearbeiter über Laboranten und Techniker bis hin zu Logistik und Buchhaltung reichen die Berufsbilder, die hier tätig sind.

Produziert wird in Riesa nach wie vor. Es waren einmal sechs Millionen Stück Seife, bis nach Australien wurde teilweise exportiert – sowohl unter dem Namen Kappus, als auch als Discountprodukt. Mittlerweile wird weniger hergestellt. Der Werkverkauf schließt schon im September, während im Werk noch bis 30. November gearbeitet wird. Danach wird abgebaut, erzählt Sandra Dietrich. Einige Maschinen werden nach Heitersheim gebracht, zum verbliebenen Kappus-Standort. Die Technik mag alt sein, aber sie funktioniert. In Riesa hat es sich dann ausgewaschen.

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