Görlitz. Süßlicher Teiggeruch dringt am Nachmittag durch die Konditorei. Mareen Dielitzsch hätte jetzt eigentlich längst Feierabend. Ihr Wecker hat morgens um 3 Uhr geklingelt, der Bäckermeister ist seit 11 Uhr weg – nur für das Interview ist Mareen Dielitzsch noch geblieben. Im Nebenraum stellt ihr Arbeitskollege Kürbiskernbrötchen her, irgendwo im Hintergrund klappert Besteck. Die 41-Jährige kann stolz sein auf das, was sie geschafft hat: Sie ist frisch gebackene Konditormeisterin bei der Bäckerei Wittig. Die Filiale im Görlitzer Stadtteil Rauschwalde an der Reichenbacher Straße 51 ist ihr Revier. „Hier kann ich mich ausleben und bunte Sachen in die Theke zaubern“, schwärmt sie.
Den praktischen Teil der Meisterprüfung hat sie in Chemnitz erfolgreich abgeschlossen. Das Thema, das sie sich für ihre zuckrigen Kreationen ausgedacht hat, war süßer als jeder Kuchen: „Bee happy“ (bedeutet auf Deutsch so viel wie: glückliche Biene). Privat erholt sie sich gerne im Schrebergarten ihrer Mutter von einem stressigen Arbeitstag, neben Lavendelbeet und Kiwi-Pflanzen und hört die Tierchen summen, da lag das nahe. „Außerdem sind Bienen so ein freundliches und helles Thema“, meint sie. Das passe. „Süße Sachen machen einfach gute Laune.“
So zauberte sie ein stimmiges Gesamt-Ensemble: Einen riesigen Bienenstock aus Baumkuchen, Bienen als Marzipanfiguren, verführerische Honigmousse, wabenförmige, goldbestäubte Schokopralinen mit Comic-Biene als Motiv, knallgelbe Eiscreme-Torte, wabenförmige Sahnedesserts in verschiedenen Varianten. Auch bei den süßen Fours sowie den Tartelettes war sie bienenfleißig. Welche Note sie für die Prüfung bekam, möchte sie nicht verraten. „Der normale Durchschnitt, bestanden ist bestanden“, sagt sie.
Mareen Dielitzsch ist Rückkehrerin
Manch einer habe ohnehin daran gezweifelt, ob sie das überhaupt schaffe und Skepsis sei entweder hinter vorgehaltener Hand oder sogar ganz direkt auch geäußert worden. Allen voran ihr ehemaliger Chef. Der Bäckermeister der Bäckerei, bei der sie vor ihrer Zeit bei Wittig angestellt war, habe überhaupt nicht verstanden, warum sie sich in ihrem Alter noch beruflich weiterentwickeln möchte. „Die meisten machen ihre Ausbildung zum Meister viel früher, bald nach der Lehre“, sagt sie. Bei ihr kam bisher irgendwie das Leben dazwischen.

Quelle: Martin Schneider
2003 machte die Görlitzerin ihre Ausbildung zur Konditorin an einer Privatschule, arbeitete zunächst im Café Lust in Zittau, brachte 2009 ihren Sohn auf die Welt. „Da wurde es schwer mit nachts arbeiten und mit Vollzeit.“ Der Liebe wegen zog es sie nach Pfullingen bei Reutlingen in Baden-Württemberg. 2013 kehrte sie nach der Trennung wieder nach Görlitz zurück. Es folgten viele Jahre beim neuen Arbeitgeber – und schließlich, weil der nicht einverstanden gewesen sei mit ihren Weiterbildungsplänen, kündigte sie und begann bei der Bäckerei Wittig, wo diese Pläne gerne gesehen waren und der neue Chef Dirk Wittig sich über so viel Ehrgeiz in der fortgeschrittenen Karriere freute.
Bienen sind so ein freundliches und helles Thema. Das passte. Süße Sachen machen einfach gute Laune. – Mareen Dielitzsch, Konditormeisterin Bäckerei Wittig
„Ich bin die einzige Konditormeisterin in der Filiale“, sagt Dielitzsch. Vom Fachkräftemangel kann ja mittlerweile jede Branche ein Lied singen, und natürlich ist er auch im Konditorenhandwerk angekommen sowie generell in der Backwaren-Branche. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat dazu zuletzt 2025 Zahlen veröffentlicht: „Während der Gesamtumsatz der Backwarenbranche mit ihren 282.000 Beschäftigten infolge einer zunehmenden Dominanz von Großfilialisten und Brotindustrie auf 21,8 Milliarden Euro im Jahr 2023 gestiegen ist, hat die Zahl der Betriebe des Bäckereihandwerks allein in den letzten zehn Jahren um 30 Prozent abgenommen.“ Seit 2014 seien 20.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.

Quelle: Martin Schneider
Die Backwaren-Branche kämpfe mit Herausforderungen, Fachkräftemangel und hoher Arbeitsbelastung. Gleichzeitig sei der Anteil an Teilzeitkräften unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Branche gestiegen, von 30 auf 39 Prozent.
Fachkräftemangel in der Branche, aber es gibt einen Lichtblick
Doch der NGG zufolge gibt es einen Lichtblick: „Mehr junge Menschen wollen wieder in Bäckereien arbeiten: Bei den Bäcker-Azubis gab es 2024 ein Plus von 11,4 Prozent, bei den Fachverkäufern im Bäckerhandwerk sogar von 22,5 Prozent.“ In den Jahren zuvor sei die Zahl der Auszubildenden in der Branche hingegen stetig rückläufig gewesen. Seit 2022 stabilisiere sich der Markt.
Im Handwerk insgesamt erhielten sachsenweit 723 Handwerkerinnen und Handwerker 2025 den Meisterbrief – so viele waren es seit 2021 nicht.
In Wittigs Konditorei in Rauschwalde arbeiten fünf Kräfte, insgesamt zählt das Personal rund 40 Personen. „Häufig höre ich von unseren Mädels aus dem Verkauf, dass die Leute sagen: Ich bin heute schon wieder da, weil es gestern so lecker war.“ Das sei eine tolle Motivation. Und klar weiß sie, was gerade im Trend ist: Schoko-Pistazien-Torte nach Dubai-Art (ja, immer noch), unvollständig umhüllte Hochzeitstorten (das nennt sich „Naked Cake“-Stil, Deutsch für „nackter Kuchen“) – und Mohntorte gehe ohnehin immer.
Ein persönliches Lieblingsrezept hat sie nicht. Privat ist Mareen Dielitzsch fast nie für Sahnetorte zu begeistern. „Nein, ich mag lieber mein Leberwurstbrot oder sonstige deftige Sachen.“ Wenn man den Süßkram jeden Tag um sich herum habe und ihn ständig rieche, dann brauche man das zu Hause nicht. „So wie der Fleischer bestimmt lieber mal etwas Süßes isst.“
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