Franziska Höhnl und Florian Reinke
Leipzig/Schkeuditz/Dresden. Der Frachtflughafen Leipzig/Halle schläft nie – das ist kein Werbespruch, in Schkeuditz ist es die Betriebsstrategie. Und die lässt sich in Zahlen ablesen: Rund 73 Prozent der Frachtflüge im vorigen Jahr fanden nachts statt. Die meisten Flugzeuge tragen eine DHL-Lackierung, der Logistikriese betreibt am Airport sein weltweit größtes Express-Drehkreuz. Doch nicht immer ist Fracht an Bord, wenn die Maschinen in Schkeuditz starten oder landen.
1354 Leerflüge, offiziell Positionierungsflüge genannt, registrierte der Flughafen Leipzig/Halle im vergangenen Jahr. Der Begriff klingt technisch, die Sache dahinter ist einfach: Eine Maschine muss von A nach B, weil sie dort für den nächsten Einsatz gebraucht wird. Und diese Route fliegt sie, auch wenn sie keine Fracht zu transportieren hat. Für viele Anwohnerinnen und Anwohner wirft das Fragen auf: Ist es nötig, dass die Maschinen, wenn sie schon leer fliegen, nachts starten und landen?

Quelle: Hendrik Schmidt
Jede vierte leere Maschine nachts über Leipzig/Halle unterwegs
Denn ein Viertel dieser Leerflüge kam zwischen 22 und 6 Uhr in Leipzig/Halle an – oder hob innerhalb dieses Zeitraums wieder ab. Diese Zahlen nennt das Verkehrsministerium auf eine Anfrage der Grünen-Landtagsfraktion.
Wenn im Schnitt ein Leerflug in der Nacht stattfinde, „ist das alarmierend für die Belastung der Menschen, die in der Nähe wohnen“, sagte Franziska Schubert, die Grünen-Fraktionschefin im Dresdner Landtag, der Leipziger Volkszeitung und der Sächsischen Zeitung. In der Vergangenheit waren mitunter deutlich mehr leere Maschinen nachts über den Airport Leipzig/Halle unterwegs. Im Rekordjahr 2021 waren es 584 nächtliche Positionierungsflüge – der bisherige Höchststand. 2025 registrierte der Airport 352 Fälle. Falls einige Leerflüge auf andere Tageszeiten verlegt wurden, stelle sich die Frage, warum das nicht für alle gehe, so Schubert.
Flughafen und Freistaat ohne Erklärungen
Warum genau werden die Leerflüge benötigt? Die Mitteldeutsche Flughafen AG erklärt: „Positionierungsflüge sind Flüge, die nicht der Beförderung von Personen oder Gütern dienen, sondern ausschließlich der Überführung eines Luftfahrzeugs aus betrieblichen Gründen.“ Genaue Gründe kann der Flughafenbetreiber nicht nennen, verweist auf die Airlines. Am Frachtairport ist das insbesondere DHL. Der Logistikkonzern gibt ebenfalls keine detaillierte Auskunft zu etwaigen Flügen.
Man bekommt immer wieder das Gefühl, die Verantwortung des Freistaates endet an der Stelle, wo wir für die Verluste der Flughäfen aufkommen müssen. – Franziska Schubert (Grüne), Fraktionschefin im sächsischen Landtag
Hört man sich in der Branche um, wird schnell klar: Die Logik folgt dem Prinzip des Drehkreuzbetriebs. Jede Nacht landen und starten in Leipzig/Halle bis zu 90 Frachtmaschinen. Pakete aus dutzenden Städten laufen hier zusammen, Mitarbeiter sortieren die Sendungen, schicken sie in andere Richtungen weiter.
Forderung nach weniger nächtlichen Leerflügen
Das erzeugt Ungleichgewichte: Nicht jede Route wird gleich stark in beide Richtungen geflogen, nicht jedes Flugzeug steht automatisch dort, wo es als Nächstes gebraucht wird. Hinzu kommen Störungen wie Unwetter, die Abläufe durcheinanderwerfen und Umpositionierungen nötig machen.
Die Landesregierung selbst hält sich für nicht zuständig, wie aus der Antwort auf die Anfrage der Grünen hervorgeht. Fraktionschefin Schubert kritisiert das deutlich: „Der Freistaat Sachsen hält große Anteile am Flughafen und hat daher ein relevantes Mitspracherecht. Man bekommt immer wieder das Gefühl, die Verantwortung des Freistaates endet an der Stelle, wo wir für die Verluste der Flughäfen aufkommen müssen.“ Schubert forderte die Landesregierung auf, die Bedingungen für die Menschen in der Region zu verbessern und zugunsten der Nachtruhe darauf zu dringen, dass es weniger nächtliche Leerflüge gibt.

Quelle: Wolfgang Sens
Gespräch mit Fluglärmschutzbeauftragtem und DHL
Steffen Schwalbe, Bürgermeister der Gemeinde Rackwitz und Vorsitzender der Fluglärmkommission, sieht die Lage differenziert. Nächtliche Positionierungsflüge seien „aus Lärmschutzsicht kritisch zu betrachten“, erklärt er – gerade in einer Region, in der es ohnehin hohes Nachtflugaufkommen gebe. Zugleich verweist er auf die Logik des Drehkreuzbetriebs: Die engen Zeitfenster der Expressfracht machten Nachtflüge häufig notwendig und betriebswirtschaftlich erforderlich.
Allerdings weiß auch die Fluglärmkommission wenig über die konkreten Gründe der nächtlichen Leerflüge. Das Thema sei bisher nicht behandelt worden, räumt Schwalbe ein. Ziel müsse es sein, vermeidbare Flüge zu identifizieren und – wo möglich – in Tagesrandzeiten zu verlagern, ohne die Funktionsfähigkeit des Standorts zu gefährden. Die Thematik werde man gemeinsam mit dem Sächsischen Fluglärmschutzbeauftragten und DHL erörtern.


