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Chipindustrie: Kreis Görlitz besiegelt Kooperation mit Millionenmetropole in Taiwan

Der Kreis Görlitz und die taiwanesische Metropole Taichung haben eine Kooperation besiegelt: einen ersten Erfolg der Bemühungen, von der TSMC-Ansiedlung in Dresden zu profitieren. So stehen Bautzen und Görlitz bislang da.

Lesedauer: 4 Minuten

Landrat Stephan Meyer (zweiter von links) hat unter anderem mit Hochschulrektor Alexander Kratzsch (links) über Monate Netzwerke nach Taiwan aufgebaut und den Kreis Görlitz beworben. Jetzt kann er einen ersten Erfolg feiern. Quelle: Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Anja Beutler

Bautzen/Görlitz. Ausdauer braucht der Görlitzer Landrat Stephan Meyer nicht nur als Sportler, als der er sich gern in den sozialen Netzwerken zeigt. Mit Ausdauer ist er derzeit auch bei der Landrätekonferenz in Berlin gut beraten, geht es doch um echte Dauerbrenner. Über die schlechte Finanzausstattung der Kommunen gab Meyer schon Dienstagfrüh, um 6.50 Uhr, dem Deutschlandfunk ein Interview. Tags zuvor hatte er mit seinem Bautzener Amtskollegen Udo Witschas zum wiederholten Mal für die Elektrifizierung der Bahnstrecke Dresden – Bautzen – Löbau – Görlitz geworben. Alles dicke Bretter.

Umso erfreulicher an Meyers Berlin-Reise war deshalb der Termin am Dienstagmittag in der Sächsischen Vertretung: Der Landkreis Görlitz mit seinen knapp 250.000 Einwohnern und die taiwanesische Großstadt Taichung mit 2,8 Millionen Einwohnern haben ein „Memorandum of Understanding“, eine Absichtserklärung für eine internationale Zusammenarbeit, unterschrieben. Diese hat zwar den wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Austausch im Fokus. Es soll aber auch um nachhaltige Stadtentwicklung, Energiewende, digitale Technologien, Katastrophenvorsorge sowie Kunst und Kultur gehen.

Sichtbarer Erfolg für den Kreis Görlitz

Für den Kreis Görlitz ist die Unterzeichnung ein beachtlicher Erfolg, den kein anderer sächsischer Kreis vorzuweisen hat. Der Görlitzer CDU-Bundestagsabgeordnete Florian Oest, der die Kooperation mit eingefädelt hat und im Januar auch in Taichung war, ordnet ein: „Taichung ist einer der bedeutendsten Hightech- und Halbleiterstandorte der Welt. Die starke Innovationskraft dieser Region hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Taiwans Wirtschaft allein im vergangenen Jahr um über sieben Prozent gewachsen ist.“ Auch der Halbleiter-Gigant TSMC hat hier eine Fabrik.

Landrat Stephan Meyer und die Oberbürgermeisterin von Taichung, Shiow-Yen Lu, halten die unterschriebene Absichtserklärung in die Kamera. Bei der feierlichen Unterzeichnung in der Vertretung Sachsens in Berlin waren auch der Rektor der Hochschule, Alexander Kratzsch und der Bundestagsabgeordnete Florian Oest dabei. Der Botschafter der Taipeh-Vertretung in der Bundesregierung Deutschland, Dr. Klement Gu (zweiter von rechts), hatte erst vor wenigen Tagen Bautzen besucht.
Landrat Stephan Meyer und die Oberbürgermeisterin von Taichung, Shiow-Yen Lu, halten die unterschriebene Absichtserklärung in die Kamera. Bei der feierlichen Unterzeichnung in der Vertretung Sachsens in Berlin waren auch der Rektor der Hochschule, Alexander Kratzsch und der Bundestagsabgeordnete Florian Oest dabei. Der Botschafter der Taipeh-Vertretung in der Bundesregierung Deutschland, Dr. Klement Gu (zweiter von rechts), hatte erst vor wenigen Tagen Bautzen besucht.
Quelle: Michelle Kortz

TSMC ist auch der Grund, warum die gesamte Oberlausitz seit nun fast drei Jahren um die Gunst der Taiwanesen wirbt. Zwar ist der Bau des Werkes in Dresden weitaus länger bekannt. Aber erst Anfang 2025 wurde klar, dass das Unternehmen seine Fühler bis nach Prag ausstreckt, um seinen Bedarf an Fachkräften und Zulieferern zu decken. Seither bemühen sich nicht nur der Kreis Bautzen, sondern auch der Kreis Görlitz um die Taiwanesen.

Bautzen präsentiert sich als lebenswert

Beide Kreise verfolgen dabei durchaus verschiedene Ziele: Während die Görlitzer sich vor allem als Region in den Blick rücken wollen, wo Zulieferbetriebe Gewerbeflächen finden oder vor Ort bereits bestehende Unternehmen – beispielsweise aus der schwächelnden Automobilindustrie – neue Partner des Chipfherstellers werden könnten, setzen die Bautzener stärker auf das Thema Wohnraum. Denn der ist direkt in und um Dresden schon jetzt knapp.

Erst Ende vergangener Woche war deshalb eine Delegation der Taipeh-Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland – eine offizielle diplomatische Vertretung von Taiwan gibt es wegen des Konfliktes mit China nicht – zu einem Arbeitsbesuch in Bautzen. Bei einem Rundgang, so berichtet Kristin Gabel von der Bautzener Pressestelle, habe man den Gästen gezeigt, wo es Wohnraum für Fachkräfte in der Stadt jetzt schon gebe und bei Nachfrage künftig geben werde.

Taiwanesische Delegation in Bautzen: Oberbürgermeister Karsten Vogt begrüßte den Repräsentanten der Taipeh-Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Klement Ruey-sheng Gu, gemeinsam mit weiteren Vertreterinnen und Vertretern im Bautzener Rathaus.
Taiwanesische Delegation in Bautzen: Oberbürgermeister Karsten Vogt begrüßte den Repräsentanten der Taipeh-Vertretung in der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Klement Ruey-sheng Gu, gemeinsam mit weiteren Vertreterinnen und Vertretern im Bautzener Rathaus.
Quelle: Stadt Bautzen

Englischsprachige Schulklasse geplant

Auch an die sogenannten „weichen Standortfaktoren“ haben die Bautzener im Blick: Bildung und Gesundheit zum Beispiel. Dazu präsentierte das Sorbische Gymnasium Bautzen seine geplanten internationalen und englischsprachigen Bildungsangebote, die es bereits in der Schublade hat.

Der ärztliche Direktor der Oberlausitzer Kliniken, Dr. Frank Weder, stellte ausführlich die Gesundheitsversorgung im Kreis und die beruflichen Perspektiven für medizinische Fachkräfte vor. Denn im besten Fall kommen ja nicht nur Experten aus der Halbleiterbranche in die Region, sondern auch deren Partner, die ebenfalls einen Job brauchen.

Wir haben noch keine konkreten Nachfragen, wollen aber vorbereitet sein, um etwas anbieten zu können. – Kristin Gabel, Pressestelle Stadt Bautzen

Woran es bei all den optimistischen Perspektiven noch fehlt, ist eine klare Zeitschiene. Das Dresdner TSMC-Werk soll Ende 2027 in Betrieb gehen. Wann es dann direkt auf die Region ausstrahlt, kann allerdings niemand vorhersagen: „Wir haben noch keine konkreten Nachfragen, wollen aber vorbereitet sein, um etwas anbieten zu können“, skizziert Kristin Gabel.

Neue Studiengänge starten im Herbst

Auch im Kreis Görlitz werden inzwischen sichtbare Weichen gestellt: Die Stadt Löbau will Flächen ihres neuen Gewerbegebietes zu Industrieflächen umwidmen, um Chancen bei Zulieferern der Chipindustrie zu haben. Immerhin ein festes Datum gibt es bereits: Im Herbst starten zwei neue Studiengänge an der Hochschule Zittau/Görlitz, die extra mit Blick auf engere Zusammenarbeit mit den Taiwanesen geplant worden sind.

Es handelt sich um den englischsprachigen Studiengang Halbleiterprozesse und Materialchemie und, in Zusammenarbeit mit der TU Liberec, um den Studiengang Mechatronik für Produktionsprozesse. Auch der Kreis Bautzen rüstet hier auf: In Radeberg wird ein Ausbildungszentrum für die Chipindustrie entstehen. Die Finanzierung von bis zu 75 Millionen Euro ist inzwischen gesichert.

Mehr Unabhängigkeit von den USA und China

Bei all der Euphorie in der Oberlausitz: Was treibt eigentlich die Taiwanesen bei dieser Kooperation an? Das zeigt ein Blick auf die Weltlage. Taiwan, so berichtete jüngst auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung, will sich von den Abhängigkeiten befreien. Für die USA und China, so scheint es, ist Taiwan zunehmend „Verhandlungsmasse“, wie es US-Präsident Trump jüngst formulierte. Zugleich will TSMC mit der Ansiedlung in Dresden den europäischen Markt und die steigende Nachfrage besser bedienen.

Mit Ostsachsen sieht die Oberbürgermeisterin von Taichung, Shiow-Yen Lu, dabei durchaus Gemeinsamkeiten und zollt der Region tiefen Respekt: „Der zukunftsorientierte Geist, mit dem der Landkreis Görlitz die Energiewende, die industrielle Modernisierung und die internationale Zusammenarbeit vorantreibt, beeindruckt uns sehr“, sagte sie bei der Unterzeichnung der Absichtserklärung. Dass diese Anstrengungen tatsächlich zum Erfolg führen, dazu könnte diese Kooperation viel beitragen.

SZ

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