Von Christine Jacob
Delitzsch. Noch gleicht das Gelände an der Richard-Wagner-Straße einer Brache. Einer mit bewegter Vergangenheit: Zuckerfabrik, Biomassekraftwerk und später Standort eines nie realisierten Wohngebietes. Genau hier soll nun die Zukunft entstehen. Mit dem „Center for the Transformation of Chemistry“ (CTC) wächst in Delitzsch eines der größten Forschungsprojekte Deutschlands.
Mehr als eine Milliarde Euro sollen investiert werden. Rund 1000 Arbeitsplätze entstehen, 700 davon in Delitzsch und 300 am Zweigstandort Merseburg. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Welt sollen künftig hier an der chemischen Kreislaufwirtschaft forschen.
CTC-Begründer und Wissenschaftlicher Geschäftsführer Professor Peter Seeberger zog einst einen großen Vergleich: Delitzsch könne eine Entwicklung nehmen wie Garching bei München.

Quelle: Christine Jacob
Auch andere Städte – im Osten ist Jena eines der prominentesten Beispiele – haben sich zu Wissenschaftsstädten entwickelt. In der Delitzscher Partnerstadt Monheim ist ein großer Campus rund um den Sitz der Bayer AG gewachsen. Doch kann Delitzsch das auch? Und wie kann es gelingen?
Entwicklungen über Jahrzehnte
Ob Jena, Garching oder Monheim. Wissenschaftsstandorte entwickeln sich über Jahrzehnte. In den 1950ern begann in Garching die Erfolgsgeschichte mit dem ersten deutschen Forschungsreaktor. Heute arbeiten und studieren dort mehr als 27.000 Menschen. In Monheim gibt es rund 2000 Mitarbeitende in zehn Institutskomplexen und Verwaltungsgebäuden. Jena ist mit fast 5000 Forschenden einer der führenden Wissenschafts- und Innovationsstandorte in Deutschland.
In Delitzsch soll mit knapp 1000 Mitarbeitenden der Wandel weg von fossilen Rohstoffen und hin zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft vorangetrieben werden. Das CTC ist zugleich eines der wichtigsten Projekte des Strukturwandels im mitteldeutschen Kohlerevier. Als Delitzsch 2022 den Zuschlag für das Großforschungszentrum erhielt, sprach Oberbürgermeister Manfred Wilde (parteilos) von einer „epochalen Zäsur“ nicht nur für die Stadt, sondern die gesamte Region.
Wir sprechen hier von einer Entwicklung über Jahrzehnte. – Manfred Wilde, Oberbürgermeister von Delitzsch
An dieser Einschätzung hat sich bis heute nichts geändert, betont der Historiker. Für Wilde steht fest, dass die Region die Chance habe, einen Forschungsstandort mit europäischer Strahlkraft aufzubauen. Einen direkten Vergleich etwa mit Garching wolle er allerdings nicht ziehen: „Wir sprechen hier von einer Entwicklung über Jahrzehnte. Die Wirtschaftskraft des mitteldeutschen Raumes ist mit der um München zum Beispiel nicht vergleichbar.“
Es braucht Visionen
Das weiß auch Hubert Juranek, geschäftsführender Gesellschafter von Telluride Architektur: „Wenn man Visionen hat, ist vieles machbar!“, sagt der Architekt, der selbst nahe Garching lebt.
Wenn man Visionen hat, ist vieles machbar. – Hubert Juranek, Architekt
Die Entwicklung hin zu einer Wissenschaftsstadt könne man sowohl planen als auch begleiten, betont der Experte, der schon etliche Forschungsstandorte geplant hat. Dabei sei es wichtig, die Menschen vor Ort mitzunehmen und emotional zu integrieren. „Sonst wird es eine Satellitenstadt“, warnt er.
Die Gefahr sei in Delitzsch aber schon minimiert, weil das CTC-Gelände inmitten der Stadt liege. Vieles der weiteren Entwicklung sei dann eine Aufgabe der gesamten Stadtgesellschaft: „Man muss neben Faktoren wie Wohnraum, Infrastruktur und Co. vor allem auch Identifikation schaffen, Skepsis abbauen und weltoffen sein“, rät Hubert Juranek. So wie niemand, der mit Optik zu tun hat, an Jena vorbeikommt, könne Delitzsch insgesamt eines Tages für nachhaltige Chemie stehen.
Politik muss pro sein
Delitzsch hätte damit das Potenzial, eines Tages in einem Atemzug mit anderen großen Wissenschaftsstandorten genannt zu werden. Führend zu werden, braucht entscheidende Faktoren, bestätigt Ulrich Meyer, Sprecher der Technischen Universität München (TUM) zum Standort Garching: „Entscheidend waren immer wieder technologiefreundliche politische Entscheidungen und die Geisteshaltung in der TUM-Leitung mutig zu sein und groß zu denken.“ Die Entwicklung sei stetig vorangetrieben durch die Uni-Leitung und unterstützt durch die bayerische Staatsregierung erfolgt.
Exzellenz zieht Exzellenz an. – Ulrich Meyer, Sprecher der Uni München
Der Forschungsreaktor, der schon 1956 in Garching gebaut und 1957 in Betrieb genommen wurde, sei der Nukleus, also Kern des Campus. Um ihn herum siedelten sich im Laufe der Jahrzehnte Institute der TUM, von Max-Planck und weiteren Wissenschaftsinstitutionen an. „Und dieses Umfeld zog dann immer mehr Partner an“, berichtet Meyer. Dabei sei der Platz für Neubauten wichtig, aber auch die wissenschaftliche Exzellenz: „Exzellenz zieht Exzellenz an.“
Kein Elfenbeinturm
Damit das CTC auf diesem Weg nicht als isolierte Forschungseinrichtung in Delitzsch entsteht, arbeitet die Stadt nach eigenen Angaben bereits an den Voraussetzungen für ein wirtschaftliches Netzwerk. Mit Flächennutzungs- und Bebauungsplänen seien die städtebaulichen Grundlagen geschaffen worden. Nicht nur das CTC kann dann Arbeitgeber sein, sondern auch Einrichtungen und Firmen, die im Zuge des CTC entstehen.

Quelle: Wolfgang Sens
Die Erwartungen an das CTC sind hoch. Unternehmen aus der Region hoffen auf Kooperationen und Aufträge. Langfristig könnten Ausgründungen und Start-ups entstehen, die neue Technologien aus der Forschung wirtschaftlich nutzen. Daneben entstehen Arbeitsplätze nicht nur in Laboren und Büros, sondern auch in Dienstleistungsbereichen – von Sicherheitsfirmen über Gebäudereinigung bis hin zu Gastronomie und Handel. „Für Delitzsch ist das eine Riesen-Chance“, ordnet Hubert Juranek von Telluride ein.
Wachstum bringt Aufgaben
Mit dem Wachstum stellen sich zahlreiche praktische Fragen. Muss die Stadt neue Schulen bauen? Reichen die Kitaplätze? Steigen die Mieten? Nach Einschätzung der Stadtverwaltung sind die Kapazitäten bei Schulen und Kindertagesstätten derzeit ausreichend.
Größeren Handlungsbedarf sieht Wilde vielmehr bei der inhaltlichen Ausrichtung. „Vielmehr benötigen die Schulen ein stärkeres naturwissenschaftliches Profil, was es bisher nur in Ansätzen gibt. Ich spitze es mal zu: Künstlerische Neigungskurse an Oberschulen und Gymnasien machen den Wirtschafts- und Chemiestandort nicht überlebensfähig. Da braucht es mehr Chemie, Physik und Biologie!“, betont Manfred Wilde seine Sicht.
Auch beim Wohnungsmarkt erwartet die Stadt aktuell keinen Engpass. Die großen Wohnungsunternehmen verfügten über freie Kapazitäten, zudem seien weitere Wohnprojekte geplant oder bereits in Entwicklung. Gleichzeitig wirke der demografische Wandel dem Bevölkerungswachstum entgegen.
Eine Wissenschaftsstadt als Ziel
Dass das CTC deutlich mehr werden soll als ein einzelnes Forschungszentrum, bestätigt auch Marco Zimmermann, Leiter der Stabsstelle Strategie & Governance am CTC. Das langfristige Ziel: eine Wissenschaftsstadt Delitzsch mit enger Verzahnung zum Campus Merseburg. „Um die Forschungsorganisationen können Ansiedlungen von Unternehmen entstehen. Wenn die Entwicklung gut moderiert wird, kann ganz viel entstehen“, sagt Marco Zimmermann.
Alles fing mal mit einer grünen Wiese an. – Marco Zimmermann, CTC-Stratege
Als Beispiele nennt er die Entwicklung von Industrie- und Forschungsstandorten, die über Jahre gewachsen sind. Ähnlich sei es bei großen Chemieparks oder auch der Stadt Schkeuditz sowie dem Wirtschaftsraum rund um den Flughafen Leipzig/Halle gewesen. Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Infrastruktur hätten sich dabei gegenseitig verstärkt.

Quelle: Telluride Architektur | Bild: Aestetica.Studio
Ein solcher Prozess brauche jedoch Zeit. Von jetzt auf gleich werde sich Delitzsch nicht verändern. Genau darin liege aber der Kern des Strukturwandels.
Zwischen Hoffnung und Realität
Ob Delitzsch eines Tages tatsächlich in einem Atemzug mit Garching, Jena oder anderen genannt wird, lässt sich heute noch nicht vorhersagen. Der Blick auf die anderen zeigt jedoch: Wissenschaftscluster entstehen nicht innerhalb weniger Jahre, sondern wachsen über Jahrzehnte. Die Nähe zu Leipzig und Halle bietet hier so gute Voraussetzungen.
Noch ist das Gelände an der Richard-Wagner-Straße eine Brache. Doch wenn die Pläne aufgehen, könnte hier in den kommenden Jahrzehnten weit mehr entstehen als ein Forschungszentrum. Oder, wie Marco Zimmermann es formuliert: „Alles fing mal mit einer grünen Wiese an. Das Feld ist bestellt.“


