Von Ulrich Milde
Leipzig. Corona hat die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession gestürzt. Das Bruttoinlandsprodukt brach ein, es gab Produktionsausfälle, der Konsum ging deutlich zurück. Nur dank massiver staatlicher Hilfen überlebten viele Unternehmen. So weit, so negativ. Aber manche haben diese Zeit auch für eine neue berufliche Weichenstellung genutzt.
Carla Senf (46) hatte schon vor dem Ausbruch der Pandemie neben ihrer beruflichen Tätigkeit im Marketing in einem Leipziger Unternehmen angefangen, im nebenbei als Yoga-, Fitness- und Tanzlehrerin zu arbeiten und machte sich so einen Namen. „Da hatte ich bereits Überlegungen, mich selbstständig zu machen“, berichtet sie. Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens verschafften ihr die Zeit, in Ruhe über diesen Plan nachzudenken und den Markt zu analysieren. Als die Lockerungen kamen, „fragten mich viele meiner Teilnehmer, wann es mit den Kursen wieder losgehen wird“. Ein Stammkunde brachte sie auf die Idee, einen Raum zu mieten – im Westwerk. Im September 2021 startete sie, gab jeden Abend eine Unterrichtseinheit. „Von der zweiten Woche an war ich ausgebucht.“ Ein weiterer staatlich verordneter Lockdown folgte zwar, doch die Weichen für ihre berufliche Zukunft waren unwiederbringlich gestellt. „Ich wollte nicht mehr angestellt sein.“
Die Leipzigerin meldete offiziell ihr Gewerbe an. Allerdings erkannte sie schnell, dass trotz allen Spaßes, den die Tätigkeit ihr bereitete, ein Studio allein nicht fürs Leben reichen würde. Folglich expandierte sie. Im Mai 2022 eröffnete die Mutter von drei Söhnen (18, 15, 15) ihre Niederlassung in Stötteritz. „Da war ich auf einmal Unternehmerin.“ Senf räumt ein, „schon Muffensausen“ gehabt zu haben, schließlich habe sie alles auf eine Karte gesetzt. Nebenbei, ohne Fördermittel zu erhalten.
„Leipzig ist eine sportliche Stadt“
Senf hat sich dabei spezialisiert. Fitnessstudios gibt es wie Sand am Meer, also suchte und fand sie eine Nische, den schon der Name Barre Studios Leipzig ausdrückt. Barre ist die englische Vokabel für Ballettstange. „Barre Workout“, wie es auf neudeutsch heißt, ist die Bezeichnung für ein Ganzkörpertraining, das an einer Ballettstange stattfindet. Dabei werden klassische Ballettübungen mit Elementen aus Yoga, Pilates und Krafttraining kombiniert, langsame und schnelle Bewegungen wechseln sich ab. Angeboten werden aber auch reine Yoga- und Pilateskurse.
Vor einem Jahr eröffnete Senf, die in Leipzig Sport, Kommunikationswissenschaften und Medien sowie Französisch studiert hatte, in Barthels Hof in der Innenstadt ein weiteres Studio. „Das war der Durchbruch.“ Die zentrale Lage fand großen Anklang. Die Unternehmerin sorgte für die erforderliche Publicity und expandierte weiter. Mit Connewitz und dem Waldstraßenviertel betreibt sie inzwischen fünf Dependancen in der Messemetropole. „Damit sind wir die größte Individual-Studio-Kette in der Stadt“, sagt sie und gibt zu: „Davon kann man ganz gut leben.“ Insgesamt beschäftigt sie 47 Trainer.
„Leipzig ist eine sportliche Stadt, die Menschen bewegen sich gerne“, begründet Senf ihren Erfolg. 90 Prozent ihrer Kunden sind Frauen. „Wir sind aber für alle offen.“ Egal ob alt oder jung, ob dünn oder korpulent. „Ich möchte die Hürde, Menschen in Bewegung zu bringen, so niedrig wie möglich halten“, lautet ihr Credo. Was auch in den Kursen umgesetzt werde. Alle angebotenen Übungen „sind so gestaltet, dass sportliche Menschen ebenso wie Anfänger abgeholt werden“. Zudem sei ein spezielles Outfit nicht nötig. „Man muss nicht aufgestylt zu uns kommen.“
Damit nicht genug. Senf wird als Trainerin für Wellnessreisen gebucht und veranstaltet selbst Touren für ihre Kunden ins Ausland. Bei allen administrativen Aufgaben gibt sie weiter selbst Kurse, um die Trainer-Perspektive zu behalten. Neben Deutsch ist inzwischen auch Englisch, Spanisch und Russisch im Angebot. Leipzig ist eben eine multikulturelle Kommune. Nicht ausgeschlossen ist, auch Kurse in französischer Sprache anzubieten. Senf verbrachte nach dem Abitur ein Jahr in der Normandie und gab dort in einer Schule Deutschunterricht.
Bürokratie macht das Unternehmerleben schwer
Gemäß dem Motto, dass Stillstand Rückschritt ist, denkt Clara Senf an eine weitere Expansion. Infrage kommen vor allem größere Städte. Zudem bietet sie ihre Dienstleistung inzwischen auch auf Mallorca an. Dazu hat sie dort eine eigene Firma gegründet. Ihre Finca kann zudem für Firmenevents oder Hochzeiten gebucht werden.
Senf sagt, sie sei stolz darauf, mit ihrer Firma Einfluss auf die körperliche, aber auch mentale Gesundheit der Gesellschaft zu haben und so ein positiver Teil der Wirtschaft zu sein. Generell fordert sie, die ausufernde Bürokratie zu reduzieren. „Sie macht einem schon zu schaffen. Und schreckt potenzielle Gründer ab.“ Es müsse einfacher gestaltet werden, ein Unternehmen ins Leben zu rufen und zu führen.


